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Mai

Editorial: Die HerausgeberInnen

Arbeits- und Industriesoziologische Studien

Mit dem Journal „Arbeits- und Industriesoziologische Studien“ (AIS-Studien) betritt die Sektion Arbeits- und Industriesoziologie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) in mehrfacher Hinsicht Neuland. Das Themenfeld Arbeit, Unternehmen, Industrie im weiten Sinne und Industrie- und Arbeitsgesellschaft wird in Deutschland bisher nicht von sehr vielen genuin soziologischen Zeitschriften abgedeckt. Neben der „Arbeit“, den „Industriellen Beziehungen“ und eher transdisziplinären Zeitschriften (mit  arbeits- und industriesoziologischen Affinitäten) wie den „WSI-Mitteilungen“ oder der „Zeitschrift für Arbeitsmarktforschung“ sind es nur noch wenige bekannte allgemeinsoziologische Organe, die hin und wieder aus der Arbeits- und Industriesoziologie berichten. Zudem gibt es eine kleine Zahl von organisationssoziologischen Journalen und natürlich das große Feld von Zeitschriften in anderen Disziplinen, von der Betriebswirtschaftslehre, über die Arbeits- und Organisationspsychologie bis zur Arbeitswissenschaft, die sich aber nur begrenzt dem Fach verpflichtet fühlen. Das neue Journal bietet also einen potentiellen Raum für Interessentinnen und Interessenten (als Lesende wie als Beitragende für Papers). Ziel des neuen Journals ist, in gebündelter Form über die arbeits- und industriesoziologische Forschung in Deutschland zu informieren und dabei sowohl die Sichtbarkeit des Faches nach „außen“ als auch die Kommunikation nach „innen“ zu fördern. 

Neu an den AIS-Studien ist auch das Format als Online-Journal – eine Publikationsform, die in den Sozial- und Geisteswissenschaften noch nicht sehr weit verbreitet ist, sich aber immer mehr (allein schon aus Kostengründen) durchsetzt; ob langfristig als Ersatz für die konventionelle Zeitschrift oder als Ergänzung, ist noch nicht abzusehen. Ein wichtiges Vorbild sind die zunehmend beachteten „Science, Technology & Innovation Studies“ ( www.sti-studies.de ), die von Kolleginnen und Kollegen der Sektion Wissenschafts- und Technikforschung herausgegeben werden. Vergleichbar im sozialwissenschaftlichen Bereich sind auch das „Forum qualitative Sozialforschung“ ( http://qualitative-research.net/fqs/fqs-eng.htm ) oder „kommunikation@gesellschaft – Journal für alte und neue Medien aus soziologischer, kulturanthropologischer und kommunikationswissenschaftlicher Sicht“  ( www.kommunikation-gesellschaft.de ). Die HerausgeberInnen scheuten weniger vor einem aufwändigen und teuren Printformat zurück, als dass sie vielmehr der Meinung waren und sind, dass eine Online-Publikation in Zeiten des Internet und der breiten Vernetzung ein wesentlich flexibleres und schnelleres Medium darstellt. Wie sehr diese Form Akzeptanz findet, nicht nur bei potenziellen Leserinnen und Lesern, sondern auch als reputierliches Organ für eigene Veröffentlichungen, wird sich zeigen müssen. Mit einer Übergangszeit der Gewöhnung für beide Seiten ist zu rechnen.

Neu und in gewisser Weise auch ungewöhnlich ist zudem, dass sich mit den Studien „die Sektion“, also ein Wissenschafts-(teil-)verband als Herausgeber betätigt. Dies könnte leicht so verstanden werden, dass hier eine Art Mitgliederheft mit Mitteilungen aus dem Fach für das Fach aufgelegt wird. Diese Funktion sollen die Studien in Teilen tatsächlich auch erfüllen, aber die zentrale Absicht ist doch eine andere. Angestrebt wird primär ein wissenschaftliches Journal mit anspruchsvollen Beiträgen. Die Auswahl wird zunächst ein Herausgebergremium vornehmen. Nicht ausgeschlossen werden soll, dass nach einiger Zeit ein anonymisiertes Reviewverfahren eingeführt wird, um den zunehmend relevanteren formalen akademischen Standards genüge zu tun.

In der Regel sollten die Beiträge aus dem Kreis der Mitglieder stammen. Sie sollen möglichst aktuell (kürzer und unkomplizierter als dies gängige Journale tun) über interessante Forschungsergebnisse informieren. Die Studien erheben damit den Anspruch, das Ohr nah am Fach zu haben, schnell darüber zu berichten und einen Diskussionsprozess anzustoßen.

Die mit dem letzten Punkt angesprochene enge Verbindung des neuen Journals mit der Sektion berührt schließlich einen professionspolitischen Punkt. Erklärte Absicht der HerausgeberInnen ist es, die Vielfalt und Lebendigkeit der arbeits- und industriesoziologischen Debatten und deren Relevanz für die Soziologie insgesamt zu zeigen, deren Stärke gerade darin besteht, nicht einem einzigen Paradigma zu folgen. Hintergrund ist die unumstrittene Diagnose, dass unser Fach sowohl in der soziologischen Öffentlichkeit wie nicht zuletzt auch in der DGS dringend ein markanteres Profil zeigen und sich (wieder) stärker verankern muss. Wie viele andere Bereiche gesellschaftlicher Arbeit erleben auch Wissenschaftsdisziplinen – und unter ihnen die Arbeits- und Industriesoziologie – einen massiv verschärften Konkurrenzdruck, der langfristig erhebliche Auswirkungen haben kann, wenn nicht frühzeitig angemessen reagiert wird. Das betrifft verschiedene Felder, nur einige Beispiele:

 

  •  die Präsenz an den Hochschulen und konkret die Besetzung von MitarbeiterInnen- und HochschullehrerInnenstellen,
  •  die Verteilung von Fördermitteln und öffentlichen Forschungsaufträgen,
  •  die Wahrnehmung im Chor der wissenschaftlichen Stimmen, die zu  gesellschaftlichen Themen Stellung nehmen (oder gefragt werden),
  •  die paradigmatische Position im ‚Kampf‘ um die Deutungshoheit hinsichtlich der  (auch) von der Arbeits- und Industriesoziologie bearbeiteten Problemfelder,
  •  die Attraktivität des Faches für den wissenschaftlichen Nachwuchs.

Die Sektion Arbeits- und Industriesoziologie ist mit knapp 300 Mitgliedern, mit außeruniversitären Forschungsinstituten und einer entwickelten Drittmittelkultur an den Universitäten einer der großen „Player“ der DGS. Themen des gesellschaftlichen Wandels von Arbeit und Unternehmen, zu deren organisationalen Formen und zur sozialen und institutionellen Einbettung haben in den letzten Jahren wieder an gesellschaftlicher Brisanz gewonnen. Es bestehen von daher gute Voraussetzungen für das neue Journal, zu dieser Neuprofilierung beizutragen.

Als Herausgebende der AIS Studien werden in nächster Zeit zwei Gruppen von Personen fungieren: Einmal die Initiatorinnen und Initiatoren der Studien (d.h.  Katharina Bluhm, Hartmut Hirsch-Kreinsen, Heike Jacobsen und G. Günter Voß); zum anderen die jeweiligen Sektionsvorstände in ihrer wechselnden Besetzung. Damit sollen einerseits eine hinreichende inhaltliche und vor allem auch organisatorische Kontinuität in der Anlaufphase, andererseits die notwendige Offenheit gewährleistet werden. Organisatorisch verankert bleibt das Journal für die erste Zeit zunächst am Lehrstuhl Wirtschafts- und Industriesoziologie an der TU Dortmund.

Das Heft wird zweimal jährlich erscheinen und soll thematisch (d.h. auch für freie Bewerbungen) offen sein, aber sicherlich wissenschaftliche Beiträge häufig aus den Papers der Sektionssitzungen entnehmen. Wie schon in diesem Heft, wird die Abteilung der Beiträge ergänzt um einen Bereich mit Mitteilungen zu neuen Forschungs- und Dissertationsprojekten und natürlich zu den Sektionsaktivitäten. Parallel wird es aber weiter den Newsletter der Sektion geben.

Die vorliegende erste Ausgabe umfasst drei längere Beiträge, die auf Vorträgen bei der Herbstsitzung 2007 der Sektion Arbeits- und Industriesoziologie basieren. Die Sektionssitzung wurde gemeinsam mit der Sektion Wissenschafts- und Technikforschung zum Thema „Innovationen und gesellschaftlicher Wandel“ durchgeführt. Nach Ansicht der HerausgeberInnen befassen sich alle drei Beiträge mit Themen, die nicht nur hoch aktuelle sozio-ökonomische Entwicklungstendenzen thematisieren, sondern die, gemessen an der bisherigen Debatte in der Sektion auch neue und weiterführende Fragen aufwerfen. Zwei Beiträge befassen sich empirisch und konzeptionell mit einem offenbar zunehmend relevanteren Phänomen, das sich unter der Überschrift „Der Anwender als Innovator“ zusammenfassen lässt und weitreichende Strukturveränderungen gesellschaftlicher Innovationsmodi signalisiert. Heidemarie Hanekop und Volker Wittke thematisieren die Rolle von Anwendern in internetbasierten Innovationsprozessen. Sie zeigen, dass die aktive Rolle von Kunden und Anwendern in Innovations- und Produktionsprozessen ein seit mehr als 30 Jahren bekanntes Phänomen ist, das mit dem Internet allerdings eine neue Qualität gewinnt. Die Autoren zeigen, dass diese spezifische Form der Produktentwicklung, die sie als „kollaborative Produktion“ fassen, organisatorisch und sozial höchst voraussetzungsvoll ist. Daran schließen Frank Kleemann, G. Günter Voß und Kerstin Rieder an. Sie entwickeln in ihrem Beitrag die These vom Formwandel des privaten Konsumenten zu einem zunehmend organisatorisch und ökonomisch in den Herrschaftsbereich von Unternehmen einbezogenen "arbeitenden Konsumenten" anhand des relativ neuen und erst durch das Internet möglichen Phänomens des "Crowdsourcing". Als Grundlage für künftige Untersuchungen zur sozialen und gesellschaftlichen Bedeutung des Crowdsourcing systematisieren sie diverse Formen der Konsumentenintegration über das Internet und stellen erste Überlegungen zu den möglichen Motivationen zur Beteiligung an diesen "Angeboten" an. 

Im dritten Beitrag greift Horst Kern an die laufende und kontroverse Debatte über die Voraussetzungen wissenschaftlicher Kreativität und ihrer Messbarkeit auf und problematisiert diese Frage am Beispiel der Geisteswissenschaften. Er zeigt, dass insbesondere im Bereich der Geisteswissenschaften derzeit auf diese Frage kaum fundierte Antworten gegeben werden können. Daher fragt der Autor nach den organisationalen Bedingungen für Kreativität und nach ihrer Operationalisierbarkeit. Abschließend diskutiert er, inwieweit die Geisteswissenschaften einen bestimmten Wissenschaftstypus bilden, der präzise von den Naturwissenschaften, abgegrenzt werden kann. Im Bereich Mitteilungen der vorliegenden ersten Ausgabe der AIS-Studien werden neuere Forschungsprojekte und Dissertationsvorhaben vorgestellt.

Alle LeserInnen sind nun herzlich dazu eingeladen, Kommentare, Kritik und Verbesserungsvorschläge zu dem Gesamtkonzept der AIS-Studien wie auch zu der vorliegenden ersten Ausgabe an die HerausgeberInnen zu schicken. Denn es braucht nicht betont zu werden, dass konstruktive Kritik eine der zentralen Voraussetzungen für die Etablierung des Journals ist.

 

Die HerausgeberInnen

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Heidemarie Hanekop, Volker Wittke

Die neue Rolle der Anwender in internetbasierten Innovationsprozessen

Die aktive Rolle von Kunden und Anwendern in Innovations- und Produktionsprozessen ist in den Sozialwissenschaften ein seit mehr als 30 Jahren bekanntes Phänomen, mit dem Internet allerdings gewinnt die Beteiligung zahlreicher Anwender eine neue Qualität. Sie zielt nicht mehr nur auf den eigenen Bedarf, sondern auf die Entwicklung hoch komplexer, konkurrenzfähiger Massenprodukte und -Leistungen durch weltweit verteilte Kollaboration. Die Open Source Softwareentwicklung und Wikipedia gelten als besonders weitreichende und leistungsfähige Varianten dieser neuen Form internetbasierter Anwenderbeteiligung. Neuere ökonomische Ansätze propagieren daher eine weitreichende Öffnung der Innovationsstrategien von Unternehmen für die Beteiligung von Kunden oder Anwendern. Insgesamt leidet die Debatte allerdings aus unserer Sicht darunter, dass die Beteiligung der Anwender in diesen höchst arbeitsteiligen Innovationsprozessen nicht differenziert analysiert wird – ihre konkrete Rolle bleibt vage. Auf der Basis vorliegender Studien über die Open Source Softwareentwicklung und Wikipedia zeigen wir, dass Anwender während des gesamten Entwicklungsprozesses mit kleinschrittigen, insgesamt aber sehr weit reichenden Verbesserungen zur Optimierung und Weiterentwicklung von Produkten- und Leistungen beitragen. Diese Form der Anwenderbeteiligung ist allerdings – so unsere These - organisatorisch und sozial höchst voraussetzungsvoll. Zum einen setzt sie die Organisation eines offenen, transparenten, kleinschrittigen und rekursiven Innovations- und Produktionsprozess voraus. Zum anderen bedarf sie einer besonderen sozialen und institutionellen Rahmung durch eine Community, in der Regeln und Normen etabliert sind, die von jenen Regeln abweichen, nach denen Produktentwicklung innerhalb kommerzieller Wertschöpfungsprozesse koordiniert wird. Wir kennzeichnen diese Form der Produktentwicklung als kollaborativen Innovationsprozess. Ob diese organisatorischen und sozialen Voraussetzungen erfüllt werden, wäre demnach entscheidend dafür, ob und in welcher Weise die neuen Formen massenhafter Anwenderbeteiligung in Wertschöpfungsprozesse von Unternehmen integriert oder in anderer Weise mit kommerzieller Wertschöpfung verknüpft werden.
The New Role of Users in Internet-based Innovation Processes In the field of social science, the active role of customers and users in innovation and production processes is a phenomenon that has been debated for more than thirty years. However, with the development and expansion of the internet, this role is acquiring a new quality. Users no longer produce single products for their own needs, but rather highly competitive and complex mass products and services with the help of worldwide collaboration and distribution. The Open Source software development and Wikipedia are exemplary for especially far-reaching and efficient variations of this new form of internet-based user participation. Stimulated by these examples, more recent economic approaches suggest a new “open” paradigm for innovation strategies of firms. Altogether, the debate is suffering because user participation in these development processes, which are based on a complex division of labour, are only being analysed in an imprecise and undifferentiated way – that is, the exact role of the user remains vague. On the basis of available studies about Open Source software development and Wikipedia, we argue that the new quality of user participation lies in the fact that they participate in the whole development process with improvements that, although achieved in small steps, are on the whole very far-reaching and result in an optimisation and advancement of products and services. However, this form of user participation must fulfil many pre-conditions on the organisational as well as social and institutional levels. On the one hand, it calls for open, transparent and recursive innovation and production processes occurring in small steps. On the other hand, this form of collaboration demands a social and institutional frame formed by a community in which rules and norms are established. These deviate from those rules according to which product development is coordinated within commercial processes of value creation. We identify this specific form of product development as collaborative production. Whether this is compatible with value creation processes of firms from the perspective of social science will be decided on the basis of these organisational and social preconditions.

Frank Kleemann, G. Günter Voß, Kerstin Rieder

Crowdsourcing und der Arbeitende Konsument

Der Beitrag beschäftigt sich mit dem Phänomen „Crowdsourcing“, also mit dem Outsourcing unternehmenseigener Aufgaben an die Internetöffentlichkeit. Crowdsourcing ist eine der jüngsten Entwicklungen im länger währenden Prozess des Wandels der Beziehung zwischen Unternehmen und Konsumenten. Der dabei neu entstehende Typus Konsument, der Arbeitende Konsument, stellt traditionelle Ansichten darüber, was Konsumenten sind und wie sich diese verhalten, grundlegend infrage. Es gilt also, das herkömmliche Rollenverständnis – der Kunde ist „König“ und agiert eher passiv – zu hinterfragen. Konsumenten werden gegenwärtig immer mehr zu Mit-Arbeitern, die einzelne Schritte des Produktionsprozesses übernehmen, wobei der Prozess letztlich immer unter Kontrolle der Unternehmen bleibt. Der vorliegende Beitrag kategorisiert auf der Grundlage einer genaueren Definition von „Crowdsourcing“ die Erscheinungsformen und differenziert diese von angrenzenden Phänomenen. Abschließend werden die potentiellen (positiven und negativen) Folgen von Crowdsourcing für die zukünftige Organisation von Arbeit diskutiert.
Crowdsourcing and the Working Consumer This paper investigates the phenomena of "crowdsourcing," or the outsourcing of tasks to the general internet public. Crowdsourcing is one of the most recent developments in the longer process of change in relations between firms and consumers. During this process, a new type of consumer has emerged – called here "the working consumer" – who competes with older conventions about what consumers are and how they should behave. In the conventional role, consumers were passive "kings" to be waited upon. Now, consumers are becoming more like co-workers who take over specific parts of the production process, whereby this process ultimately remains under the control of a commercial enterprise. This article seeks a more precise definition of crowdsourcing, catalogs some of its forms and differentiates them from peripherally related phenomena. It ends with a discussion regarding potential consequences (both negative and positive) of crowdsourcing for the future organization of work.

Horst Kern

Kreativität in den Geisteswissenschaften
Organisationssoziologische Überlegungen

In einer Zeit, in der die Wissenschaftspolitik derjenigen Form von Ressourcenallokation besonderes Interesse entgegenbringt, die die Kreativität der Wissenschaftler stärkt, will man wissen, welcher Typ von Forschungsorganisation tatsächlich wissenschaftliche Kreativität begünstigt (also ausgebaut werden sollte) und welcher umgekehrt für kreative Arbeit weniger hilfreich ist (folglich zu vermeiden wäre). Dieser Informationsbedarf kontrastiert mit dem geringen Wissen, welches gegenwärtig zur Verfügung steht, und dies gilt ganz besonders für die Geisteswissenschaften. Das Papier liefert einige Ideen, wie diese Lücke gefüllt werden könnte. Da, aus soziologischer Perspektive, für wissenschaftliche Kreativität die Organisation der akademischen Arbeit, nicht aber der individuelle kreative Genius, am meisten zählt: von welchem Organisationstyp müssen wir dabei ausgehen und wie sehen wir die Beziehungen zwischen dem einzelnen Forscher und dieser Organisation? Das Papier setzt hier auf schwach institutionalisierte Organisationen und die kreative Kraft lockerer Verbindungen. Ein weiteres bedenkenswertes Problem betrifft die abhängige Variable: Wie soll „Kreativität“ operationalisiert werden? In den Geisteswissenschaften verfügen wir weder über unbestrittene Qualitätskriterien noch über allgemein anerkannte Wissenschaftspreise, auf die man sich beziehen könnte. Die Verwendung von Publikations- oder Zitationsindices führt ebenso wenig weiter, da diese Daten, speziell in den Geisteswissenschaften, fehlleiten, wenn es um die Erfassung kreativer Ereignisse geht. Das Papier führt diese Argumente aus und entwickelt ein Verfahren, mit dem akademische Kreativität in den Geisteswissenschaften identifiziert werden könnte. Dieses Verfahren setzt auf die Methode der Gruppendiskussion. Schließlich wird der Gegenstandsbereich, auf den sich das Papier bezieht – „Geisteswissenschaften“ – diskutiert. Bilden diese einen bestimmten Wissenschaftstypus, der klar von den, sagen wir, Naturwissenschaften, abgegrenzt werden kann? Wie immer man darauf antwortet, die Entscheidung wird ein willkürliches Moment haben, und – trotz eines vielleicht gemeinsamen Leitmotivs – Disziplinen mit unterschiedlichen Rhetoriken und epistemologischen Kulturen umfassen. Das Studium von geisteswissenschaftlicher Kreativität kann sich deshalb nicht auf eine „exemplarische“ Disziplin oder einen schmalen Satz von Disziplinen beschränken. Abschließend schlägt das Papier vor, sich (vorläufig) auf mindestens fünf Disziplinen zu konzentrieren (Geschichte, Literaturwissenschaften, Altertumswissenschaften, Philosophie, Soziologie).
Creativity within Social Sciences and Humanities At a time in which science policy attaches much importance to the mode of resource allocation that fosters the creativity of scientists efficiently one wants to know what type of research organization actually encourages scientific creativity (hence should be strengthened) and, conversely, what type is less supportive for creative work (hence should be avoided). This demand for information contrasts with the low level of knowledge available at present, and this is all the more true for SSH (Social Sciences and Humanities, “Geisteswissenschaften”). The paper presents some ideas for filling this gap. As, from a sociological perspective, what matters for scientific creativity most is the organization of the academic work, not the individual creative genius, which type of organization do we have to picture and how do we conceive of the links between the individual scholar und that organization? The paper argues for an open understanding of organizations and the creative force of weak ties. A further problem to be well sorted out is the dependent variable: How shall we operationalize creativity? Within the SSH we neither have undisputed quality criteria nor broadly accepted academic prices on which we could rely. To make use, as an alternative, of publication or citation ratios is also flawed because, particularly in the case of SSH, these data are misleading when we are interested in capturing creative events. The paper elaborates these arguments and develops a procedure suitable to identify academic creativity in the SSH. This procedure builds on the method of group discussions. Finally the subject matter the paper focuses on, i. e. SSH, is discussed. Do they constitute a distinct type of science whose organization can be contrasted with the, say, natural sciences? However one responds, the decision will be a bit arbitrary and, in spite of a perhaps common “leitmotif”, will embrace disciplines with different rhetorics and epistemological cultures. Hence, the study of creativity in SSH cannot restrict itself to looking at one “exemplary” discipline or to a very small set of SSH-disciplines. Concluding the paper proposes to concentrate (temporarily) at least on five disciplines (history, literature, archaeology, philosophy, sociology).

Mitteilung

Forschungsvorhaben

Entsteht eine neue Unterschicht? Erwerbsorientierungen und Institutionen an der Schnittstelle von Langzeitarbeitslosigkeit und Niedriglohnbeschäftigung. Ein internationaler Vergleich

Gegenstand des Fortsetzungsprojektes sind strukturierende Wirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit und Niedriglohnbeschäftigung, die das Zentrum der im SFB prominent gewichteten Insider-Outsider-Problematik berühren. Wir vermuten, dass sich prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse trotz konjunktureller Belebung verfestigen werden. In der Folge entsteht jedoch wahrscheinlich keine homogene Unterschicht. Vielmehr geraten unter dem Einfluss des neuen Arbeitsmarktregimes Gruppen in unmittelbare Nachbarschaft zu sozial Deklassierten, die sich in ihren Erwerbsorientierungen und ihrer Lebensführung deutlich von einem Unterschichtenhabitus abgrenzen. Auch daraus resultieren soziale Spannungen, die eine “Reform der Arbeitsmarktreformen” nicht ausgeschlossen erscheinen lassen. Im Kontext dieser spezifischen Challenge-Response-Problematik interessieren uns folgende Fragen:

(1) Wie entwickeln sich die Erwerbsorientierungen von Langzeitarbeitslosen und unsicher Beschäftigten im Zeitverlauf? Was bedingt die Verstetigung, was eine Überwindung prekärer “Individuallagen”?

(2) In welcher Weise werden unsichere Arbeits- und Lebensverhältnisse habitualisiert? Kommt es zur Genese konkurrierender Habitusformen? 

(3) Wie wirken aus Prekarisierung resultierende Spannungen zwischen Eliten und Teilen der Bevölkerung auf die Arbeitsmarktinstitutionen zurück? Lassen sich transnationale Lernprozesse beobachten?

Mit einer Wiederholungsbefragung von Leistungsbeziehern verfolgen wir eine longitudinale Forschungsperspektive. Die Untersuchung der Lebensführung auch von Nicht-Leistungsbeziehern im Niedriglohnsegment bedeutet zugleich eine inhaltliche Erweiterung. Eine Expertenbefragung, die - neben den deutschen Untersuchungsregionen - in mehreren europäischen Staaten auf dezentraler Ebene ansetzt und den Wandel von Arbeitsmarktinstitutionen und Arbeitsmarktpolitiken an der Schnittstelle von Langzeitarbeitslosigkeit und Niedriglohnsektor vergleichend untersucht, beinhaltet eine longitudinale und zugleich internationale Forschungs-perspektive.

Durchführende Stelle: Lehrstuhl für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Projektteam:
Prof. Klaus Dörre, Dr. Michael Behr
Förderung:
Deutsche Forschungsgemeinschaft, SFB 580
Laufzeit: voraussichtlich ab Sommer 2008 bis 2012

 

Bedingungen und Entwicklungsperspektiven „einfacher“ Industriearbeit

Das Projektvorhaben thematisiert die Entwicklungsperspektiven industrieller Einfach-arbeit in Deutschland. Einfache Arbeit wird als Tätigkeit verstanden, die eine geringe Komplexität aufweist, kaum größere Anforderungen an die Beschäftigten stellt und de-ren Ausführung nur begrenzte Qualifikationen voraussetzt. Im Mainstream der For-schung und der öffentlichen Debatte wird seit geraumer Zeit die Auffassung vertreten, dass dieser Arbeitstypus angesichts des Konkurrenzdrucks der Globalisierung und ge-nerell steigender Anforderungen an Qualifikationen und Wissen der Erwerbstätigen nur mehr eine Restgröße bei der Entwicklung der Erwerbsarbeit in Deutschland darstelle. Lediglich im Servicebereich findet sich Einfacharbeit in größerem Umfang. Ausgehend von ersten empirischen Eindrücken soll im Projekt hingegen die These überprüft wer-den, dass Einfacharbeit auch im industriellen Sektor unter spezifischen Bedingungen eine stabile Entwicklungsperspektive für Industriearbeit darstellt.

Das Forschungsprojekt stützt sich auf eine Kombination qualitativer und quantitati-ver Erhebungsmethoden. Bei den qualitativen Methoden werden Fallstudien in Unter-nehmen aus verschiedenen Industriebranchen und Experteninterviews. Die quantitati-ve Untersuchung soll auf verfügbare statistische Datensätze (z.B. Mikrozensus, BIBB/IAB-Erwerbstätigenerhebung, IAB-Betriebspanel) zurückgreifen.

Zielsetzung des Projektes ist es, einen empirisch fundierten und differenzierten Bei-trag zur Debatte um den wirtschaftlichen Strukturwandel und die Entwicklungstenden-zen von Industriearbeit zu erarbeiten. Im Einzelnen soll die empirische Analyse zeigen, ob und in welchem Ausmaß Einfacharbeit auftritt, auf welche Sektoren sie sich bezieht und in welchen Branchen, Betriebsgrößen und möglicherweise Regionen sie stattfin-det. Soweit möglich, sollen dabei auch internationale Bezüge hergestellt werden. Mit der Zielsetzung des Projektes verbindet sich darüber hinaus eine arbeitsmarktpoliti-sche Perspektive: Es sollen die Chancen für niedrig qualifizierte Erwerbstätige im in-dustriellen Bereich herausgearbeitet werden. Zugespitzt, es geht um die Chancen von „Low-Skill“-Arbeit in einem „High-Skill“- und „Hightech“-Land wie Deutschland.

Durchführende Stelle: Lehrstuhl Wirtschafts- und Industriesoziologie der TU Dortmund
Projektteam: Dr. Jörg Abel, Prof. Hartmut Hirsch-Kreinsen, Dr. Peter Ittermann
Kooperationspartner:
Dr. Werner Dostal
Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft
Laufzeit: 01.05.2008 bis zum 30.04.2011
Kontakt:
Dr. Jörg Abel (joerg.abel@tu-dortmund.de)

 

Innovation durch Kompetenz und „gute Arbeit“ – Management, Betriebsrat und Beschäftigte als Akteure moderner Innovationsstrategien (Kurztitel: MOVANO)

Das Vorhaben geht davon aus, dass erfolgreiche Innovationsstrategien, verstanden als Wege und Instrumente zu mehr und besseren Produkten ebenso wie zu verbesserten Arbeitsbedingungen (Qualität von Arbeit, „gute Arbeit“) nicht auf klassische Prozesse der Entwicklungsabteilungen (Produkte, Technologien) reduziert werden kann. Sie müssen stattdessen in gleicher Intensität die personellen und organisationalen Ressourcen von Beschäftigten und Unternehmen im Sinne innovativer Personal- und Arbeitspolitiken mobilisieren, fördern und nutzen, um die Herausforderungen eines rasant wachsenden Markt- und Innovationsdruckes bewältigen zu können.

Im Zentrum des empirischen Teils des Projekts stehen vier mittelständische Unternehmen aus den Branchen Optik und Maschinenbau in Thüringen und Bayern, in denen Fallstudien zu Fragen der Rekrutierung, Bindung und Entwicklung von Fachkräften sowie zum Erfahrungstransfer und Innovationsmanagement durchgeführt werden.

Das Ziel des Verbundvorhabens ist die Förderung und Entwicklung einer umfassenden Strategie-, Handlungs- und Kooperationsfähigkeit aller relevanten Akteure in einem partizipativ gestalteten Entwicklungsprozess. Dieser Prozess zielt darauf ab, die betriebliche Leistungs- und Innovationsfähigkeit in Hinblick auf  Herausforderung des Marktes zu optimieren sowie die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter/-innen in Hinblick auf "gute Arbeit" zu verbessern. Ziel des Teilvorhabens der Uni Jena ist es, neben den empirischen Arbeiten (Fallstudien, Beleg-schaftsbefragung, Experteninterviews, Prozessanalysen, u.a.) das Vorgehen insgesamt wissenschaftlich zu begleiten und den Ertrag zu dokumentieren. Die Ergebnisse in den Gestaltungsfeldern sollen wissenschaftlich fundiert und auf ihre betriebswirtschaftliche Wirkung hin bewertet werden. Es sollen – auch unter Rückgriff auf andere Studien – die Chancen der Verbreitung der Erkenntnisse auf andere Firmen der beteiligten Branchen  überprüft werden. 

Durchführende Stelle: Lehrstuhl für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Projektteam:
Prof. Dr. Klaus Dörre, Dr. Michael Behr, Dipl. Soz. Christoph Thieme
Kooperationspartner: Das Projekt wird zusammen mit der ffw GmbH in Nürnberg als Verbundkoordinator und vier Partnerunternehmen aus Thüringen und Bayern durchgeführt.
Förderung: Bundesministerium für Bildung und Forschung
Laufzeit: 01.06.2008 bis 31.05.2011
 

Offene und geschlossene Beschäftigungssysteme - betriebliche Personal- und individuelle Erwerbsstrategien

Vor dem Hintergrund der anhaltenden Diskussion über die Flexibilisierung und Prekarisierung der Arbeit fokussiert das Projekt auf Strukturveränderungen des Arbeitsmarktes. Für die weitere Förderphase stehen zwei Ziele im Vordergrund: Erstens soll die Langzeitbeobachtung der Segmentierungen des ost- und westdeutschen Arbeitsmarktes (z. T. im internationalen Vergleich) fortgesetzt werden. Zweitens wird nach Erklärungen offener und geschlossener Beschäftigungssysteme gesucht 

Untersucht werden betriebliche Personal- und individueller Erwerbsstrategien anhand eines Linked-Employer-Employee-Datensatzes. Das Teilprojekt plant daher eine vierte Welle des SFB580-B2-Betriebspanels und daran anschließend eine Beschäftigtenbefragung in ausgewählten Betrieben. Für die Analyse des Einflusses unterschiedlicher Haushaltsarrangements und Institutionensysteme auf die individuellen Erwerbsstrategien im intra- und internationalen Vergleich werden wir das SOEP und Haushaltspanel aus Russland, Großbritannien und Schweden nutzen.

Durchführende Stelle: Institut für Soziologie, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Forschungsprojekt im Sonderforschungsbereich 580 „Gesellschaftliche Entwicklungen nach dem Systemumbruch“
Projektteam: Prof. Dr. Christoph Köhler; PD Dr. Olaf Struck
Laufzeit: Juli 2008 bis Juni 2012

 

Tarifliche Regelungen zur betrieblichen Weiterbildung im öffentlichen Dienst: Implementierung, Anwendungspraxis und Wirkungen

Am Forschungsinstitut für Arbeit, Technik und Kultur e.V. (F.A.T.K.) an der Universität Tübingen startete im November 2007 das Projekt „Tarifliche Regelungen zur betrieblichen Weiterbildung im öffentlichen Dienst: Implementierung, Anwendungspraxis und Wirkungen“, es wird von Dr. Reinhard Bahnmüller (Projektleitung) und Markus Hoppe durchgeführt. Die Projektfinanzierung erfolgt über Fördermittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Untersucht wird, ob und unter welchen Bedingungen die Qualifizierungsbestimmungen des TVöD die Entwicklung einer betrieblichen Lern- und Weiterbildungskultur fördern, die bestehende Weiterbildungspraxis in den Betrieben des öffentlichen Dienstes verbessern und vorhandene Defizite korrigieren können.

Es besteht im wissenschaftlichen wie im politischen Diskurs weitgehender Konsens darin, dass dem Lebenslangen Lernen zur Sicherung der Wett-bewerbsfähigkeit der Betriebe und für die Beschäftigungssicherheit und -fähigkeit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wachsende Bedeutung zukommt und die öffentlichen, betrieblichen sowie die individuellen Anstrengungen verstärkt werden müssen. Trotz steigender Verbreitung ist jedoch die Tauglichkeit einer Regulierung von Weiterbildungsfragen in Flächentarifverträgen weiterhin strittig.

Für den öffentlichen Dienst wurden 2005 und 2006 zwei neue weiterbildungsrelevante Abkommen von den Tarifparteien unterzeichnet: Die Qualifizierungsbestimmungen des TVöD und die Regelungen zur Arbeits- und Weiterbildungszeit für die Kommunen Niedersachsens. Im Zentrum der Qualifizierungsbestimmungen des TVöD steht der Anspruch der Beschäftigten auf ein jährliches Qualifizierungsgespräch, in dem geklärt werden soll, ob und welcher Weiterbildungsbedarf besteht. Beschäftigte sollen verbesserte Chancen haben, ihre Weiterbildungsinteressen in den betrieblichen Planungs- und Entscheidungsprozess einzubringen. Das für die Kommunen Niedersachsens geltende, die TVöD-Bestimmungen ergänzende Abkommen zur Arbeits- und Weiterbildungszeit ist im Gefolge der Tarifauseinandersetzung um die Verlängerung der Arbeitszeit im öffentlichen Dienst 2006 entstanden. Es sieht für bestimmte Beschäftigtengruppen einen Eigenanteil für betriebliche Weiterbildung in Form von Zeit vor. Die Relevanz der tariflichen Weiterbildungsregelungen ergibt sich zum einen aus der großen Breitenwirkung aufgrund der vergleichsweise hohen Tariftreue im öffentlichen Sektor und lässt somit einen  hohen Durchdringungsgrad erwarten. Zum anderen ist mit dem Anspruch der Beschäftigen auf ein jährliches Qualifizierungsgespräch eine Akzentverschiebung in Richtung einer dezentralen, bottom-up-orientierten und partizipativen Form der Bedarfsermittlung verbunden, die in einem Spannungsverhältnis zu eher top-down-organisierten, zentralisierten Steuerungsformen der Tradition öffentlicher Verwaltungen stehen. Die betriebliche Umsetzung bzw. Ausgestaltung dieser tarifvertraglichen Qualifizierungsregelungen, die Ermittlung ihrer Wirkungen hinsichtlich der betrieblichen Strukturen und Prozesse des Lernens sowie deren Effekte auf die Lernmotivation der Beschäftigten sind Gegenstand der Untersuchungen. 

Das als klassische evaluatorische Begleitforschung angelegte Projekt wird drei empirische Standbeine haben. Betriebliche Fallstudien sollen in die Tiefe gehende Informationen über die Anwendung der tarifvertraglichen Qualifizierungs-bestimmungen auf betrieblicher Ebene liefern. Hierbei sind Experteninterviews mit der Leitungsebene, dem Personalmanagement und der Personalvertretung sowie Gruppengespräche mit Linienvorgesetzten und Beschäftigten geplant. Eine standardisierte Parallelbefragung von Personalleitern und Betriebs-/Personalräten soll anhand eines repräsentativen Samples von Bundes-, Landes- und Kommunalverwaltungen die verschiedenen Formen der betrieblichen Umsetzung der Tarifregelungen, deren Wirkungen und Bewertungen in der Breite aufzeigen. Darüber hinaus wird in Kooperation mit dem IMU Institut Stuttgart eine als Netzwerk organisierte Workshopserie durchgeführt, die dem zwischenbetrieblichen Erfahrungsaustausch der betriebspolitischen Akteure bei der Ausgestaltung und Umsetzung der Tarifregelungen dienen und zusätzliche empirische Informationen liefern soll.

Durchführende Stelle: Forschungsinstitut für Arbeit, Technik und Kultur e.V. (F.A.T.K.) an der Universität Tübingen
Projektleitung: Dr. Reinhard Bahnmüller
Förderung:
Bundesministeriums für Bildung und Forschung
Weitere Informationen: www.fatk.uni-tuebingen.de

 

Entgeltreform im öffentlichen Dienst

Im November 2007 startete am Forschungsinstitut für Arbeit, Technik und Kultur (F.A.T.K.) an der Universität Tübingen das Projekt „Begleitforschung zur Entgeltreform im öffentlichen Dienst (mit Schwerpunkt Kommunen Nordrhein-Westfalens)“. Das Projekt wird von Werner Schmidt (Projektleitung), Thomas Meyer und Nele Trittel durchgeführt und von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert. Untersucht wird die noch unabgeschlossene Tarifreform des öffentlichen Dienstes.

Die Tarifreform des öffentlichen Dienstes ist eines der wichtigsten tarifpolitischen Reformprojekte der Nachkriegszeit, sie kann auch als ein wichtiges Moment der Modernisierung des öffentlichen Dienstes verstanden werden. Dies gilt insbesondere für die Entgeltbestimmungen, deren Aushandlungs- und Umsetzungsprozesse im Mittelpunkt des Projektes stehen sollen. Die Zusammenführung der Verdienste von ArbeiterInnen und Angestellten in einer einheitlichen Entgelttabelle sowie eine Reihe anderer Regelungen, die für den öffentlichen Dienst durchaus einschneidende Veränderungen darstellen, insbesondere die Aufnahme von Leistungskomponenten bei gleichzeitigem Abbau an Alimentation ausgerichteter Entgeltkomponenten, sind bereits in Kraft getreten, umgesetzt oder befinden sich im Einführungsprozess und sollen am Beispiel der Kommunen Nordrhein-Westfalens untersucht werden. Mit Blick auf die bereits in Kraft getretenen Regelungen des TVöD ist das Projekt als Umsetzungsstudie konzipiert, in deren Mittelpunkt der Umgang mit der neuen Leistungskomponente stehen wird. Der zweite Schwerpunkt des Projektes wird sich den noch im Verhandlungsprozess befindlichen Eingruppierungsregeln (Entgeltordnung) widmen, mit denen die bereits gültige einheitliche Entgelttabelle erst noch unterlegt werden soll. Neben den materiellen Effekten der bereits vereinbarten Regelungen interessiert sich das Projekt deshalb nicht zuletzt auch für die politischen Prozesse sowohl bei der Umsetzung als auch bei den noch unabgeschlossenen Verhandlungen. Darüber hinaus soll diskutiert werden, welche Bedeutung der Tarifreform des öffentlichen Dienstes für die Entwicklung der Flächentarifverträge und der industriellen Beziehungen in Deutschland insgesamt zukommt.

Empirisch setzt die Untersuchung auf mehreren Ebenen an: Erstens bei den Akteuren der tarifpolitischen Verhandlungsprozesse (Experteninterviews, Teilnahme an Veranstaltungen auf Bundesebene und in Nordrhein-Westfalen), zweitens auf der Umsetzungsebene der Dienststellen und Betriebe (systematische Analyse der Dienstvereinbarungen der Kommunen in NRW, ausgewählte Fallstudien mit Experteninterviews und Gruppengesprächen mit Beschäftigten, standardisierte Befragung von Personalräten und eventuell Beschäftigten).

Durchführende Stelle: Forschungsinstitut für Arbeit, Technik und Kultur e.V. (F.A.T.K.) an der Universität Tübingen
Projektteam: Dr. Werner Schmidt, Thomas Meyer, Nele Trittel
Förderung: Hans-Böckler-Stiftung
Laufzeit: November 2007 bis Dezember 2008 (1. Phase)
Weitere Informationen: www.fatk.uni-tuebingen.de

Mitteilung

Dissertationsprojekte

Promotionsvorhaben: Prävention und Gesundheitsförderung in Klein- und
Kleinstunternehmen


Problemhintergrund ist die Frage, wie gesundheitsförderliches und präventives Handeln in Klein- und Kleinstunternehmen (KKU) initiiert und verstetigt werden kann.
Vor diesem Problemhintergrund möchte ich mich im Rahmen meines Promotionsvorhabens exemplarisch mit der Anwendung und Implementation des Selbst-Check-Verfahrens für Klein- und Kleinstunternehmen (KKU) im Baustoffhandel, in der KFZ-Instandhaltung und im Metallbaugewerbe auseinandersetzen.
Das Selbst-Check-Verfahren wird inzwischen von mehreren Berufsgenossenschaften angeboten und richtet sich jeweils an eine Gruppe von Klein- und Kleinstunternehmern einer Branche, in deren Unternehmen jeweils nicht mehr als 10 Mitarbeiter (Kleinstunternehmen) bzw. nicht mehr als 50 Mitarbeiter (Kleinunternehmen) beschäftigt sind. Das Selbst-Check-Verfahren soll den Kleinund Kleinstunternehmern helfen, den Gesundheitsstatus ihrer Beschäftigten und die Gesundheitsförderlichkeit der Arbeit systematisch zu analysieren und zu beurteilen und letztlich geeignete Verbesserungsmaßnahmen umzusetzen. Die hierfür erforderlichen Daten gewinnt der Kleinunternehmer über eine kurze, schriftliche und standardisierte Mitarbeiterbefragung. Bei der Bewertung der Befragungsergebnisse soll dem Kleinunternehmer ein Benchmark helfen, der einen Vergleich der eigenen Ergebnisse mit den Ergebnissen anderer KKU derselben Branche erlaubt. Auf Basis der bewerteten Ergebnisse sollen Veränderungsmaßnahmen geplant und
durchgeführt werden. Alle Schritte sollen vom Unternehmer eigenständig organisiert und durchgeführt werden können. Dabei soll ihm ein beiliegendes Manual helfen.
Kern des Promotionsvorhabens ist eine Fallstudienuntersuchung (Klein- und Kleinstunternehmer, die den Selbst-Check angewendet oder nicht angewendet haben) mit dem Ziel, induktiv aus den empirischen Fallbeispielen heraus theoretische Annahmen dazu zu generieren,
(1) welche Prozesse und Effekte in den Augen des Unternehmers durch die Selbst Check-Anwendung induziert werden können.
(2) welche Motivlagen des Unternehmers zur Anwendung oder Nicht-Anwendung des Selbst-Checks im Kleinbetrieb führen können.
(3) welche Handlungsbedingungen des Unternehmers sich hemmend oder
fördernd auf die erfolgreiche Anwendung des Selbst-Checks auswirken können.

Diese am Beispiel des Selbst-Check-Verfahrens erarbeiteten Ergebnisse sollen
dazu dienlich sein,
(1) besondere Charakteristika kleinbetrieblicher Prävention und
Gesundheitsförderung im Allgemeinen und die damit verbundenen besonderen
Anforderungen an deren Instrumente, Strukturen und Prozesse besser
spezifizieren zu können.
(2) systemadäquate Zugangswege und Anknüpfungspunkte für eine erfolgreiche
Initiierung und Verstetigung präventiven und gesundheitsförderlichen Handelns
in KKU besser spezifizieren zu können.
Der erhoffte Wissenszugewinn kann in der Ergänzung des diesbezüglichen Stands der Forschung und Praxis um relevante Annahmen, oder aber auch in der Erhärtung oder Infrage-Stellung bereits propagierter Annahmen bestehen.


Untersuchungsdesign und Methoden 

• Datenerhebung: offene, leitfadenstrukturierte Interviews mit Klein-und Kleinstunternehmern
• Datenauswertung: qualitative Inhaltsanalyse

Rahmendaten

Umsetzungsstand: 14 Interviews mit Klein- und Kleinstunternehmern aus dem Baustoffhandel, der KFZ-Instandhaltung, dem Metallbau und der Feinwerktechnik abgeschlossen. Derzeit Datenauswertung. Ggf. weitere Interviews.
Vorausichtl. Fertigstellung: im dritten Quartal 2009
Ansiedlung: Promotionsstudiengang 2006 an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld.
Betreuer: Prof. Dr. Peter-Ernst Schnabel (Erstgutachter, Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, AG 4) und durch Prof. Dr. Rolf Rosenbrock (Zweitgutachter, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Forschungsgruppe Public Health).

 

Name und Anschrift:
Dipl.-Soz. David Beck
Dorotheastraße 26
10318 Berlin
Tel: 030 282 98 16
Mobil: 0163 282 98 16
Kontakt:
david.beck(at)uni-bielefeld.de

 

 

Dissertationsvorhaben: Soziale Lage und politische Interessenvertretung von prekär Beschäftigten in Europa

In Europa arbeiten wieder mehr Menschen. Doch zu welchen Teilen ist die derzeitige „Entspannung“ auf den europäischen Arbeitsmärkten der Schaffung einer Vielzahl von flexiblen, atypischen und prekären Beschäftigungsverhältnissen zu verdanken.

Zwar bedeutet atypisch nicht gleich prekär, dennoch verursachen neue atypische Arbeitsformen (in Deutschland z.B. Mini-, Midi-, Ein-Euro-Jobber, Ich-AG’s, Generation Praktikum, Solo-Selbständige) nicht selten prekäre Lebenslagen, die durch unzureichende monetäre Absicherung, mangelhafte bis fehlende Einbindung in die sozialen Sicherungssysteme sowie den Verlust von längerfristigen, an die Kontinuität der Erwerbsbiographie gebundenen Perspektiven gekennzeichnet sind Die Zahl der prekär Beschäftigten wird je nach zugrunde gelegter Definition z.B. in Deutschland im Jahr 2005 auf etwa 15 Prozent der Erwerbsbevölkerung geschätzt, ihre Mobilisierungs- und Durchsetzungsfähigkeiten gelten jedoch als gering.

Wird die Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen von den Betroffenen als „neue soziale Realität“ in Kauf genommen oder treten im Zuge dieser Entwicklung alte und neue kollektive Handlungs- und Organisationsformen hervor?

Vor dem Hintergrund dieser Frage beabsichtige ich zu untersuchen, wie hoch die Mobilisierungs- und Durchsetzungschancen von prekär Beschäftigten sind. Diese Aspekte sind nach dem derzeitigen Stand der soziologischen Bewegungsforschung an gewisse Voraussetzungen geknüpft, die in meiner Dissertation schrittweise überprüft werden.

Trotz der Unwahrscheinlichkeit kollektiven Handelns prekärer Gruppen beobachten wir in den vergangenen Jahren überall in Europa Proteste gegen gesellschaftliche Prekarisierungstendenzen. Die soziale Frage scheint in den europäischen Kapitalismen wieder mobilisierungsfähig zu sein (vgl. Brinkmann et al. 2006), was folglich die Frage aufwirft, wer, wogegen, wie protestiert und wer nicht.

Medienberichte und erste Studien zeigen, dass hinter den Protesten diverse Mobilisierungsträger stehen, wie Gewerkschaften und Arbeitsinitiativen, die die Interessen von Prekarisierten auf unterschiedliche Weise vertreten. Neben diese eher traditionellen Repräsentationsinstanzen treten neuerdings soziale Bewegungsnetzwerke wie das Euromayday-Netzwerk, das sich durch neue Organisationsstrukturen, Aktionsformen und politische Forderungen bewusst von Gewerkschaften und Linksparteien abgrenzt.

Das Dissertationsprojekt soll einen Einblick in diese vielfältige Welt der Interessenvertretung von prekär Beschäftigten liefern und hierbei wichtige Fragen beantworten: Welche Protestträger und –formen erweisen sich im Kampf um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen als mobilisierungs- und durchsetzungsfähiger? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen sich in der politischen Interessenvertretung von Prekarisierten in den europäischen Ländern feststellen? Kann „Prekarisierung“ die Klammer einer neuen sozialen Bewegung in Europa sein? Die zentralen Hypothesen zur Mobilisierungs- und Durchsetzungsfähigkeit von Prekarisierten leiten sich aus Theorien sozialer Bewegungen sowie Theoretischen Ansätzen zu kollektivem Handeln, schwachen Interessen, sozialen Netzwerken  und sozialer Exklusion ab. Die empirische Überprüfung dieser Hypothesen beruht auf Fallstudien zu Deutschland, Frankreich, Italien, Schweden und Großbritannien, in die europäische Umfragedaten, nationale Arbeitsmarktstatistiken sowie Daten zu politischen Systemen, sozialen Sicherungssystemen und Systemen der Arbeitsbeziehungen mit einfließen. Darüber hinaus basiert die Studie auf qualitativen und quantitativen Inhaltsanalysen von Zeitungsartikeln, Internetseiten und Stellungnahmen von Bewegungsorganisationen und -netzwerken, die durch Interviews mit Bewegungsaktivisten ergänzt werden. Schließlich ist als weitere Methode zur Datengewinnung die teilnehmende Beobachtung von bewegungsrelevanten Veranstaltungen geplant.

Durchführung: Dipl.-Soz. Claudia Göbel, Lehrstuhl für Makrosoziologie, Universität Mannheim Kontakt: cgoebel(at)sowi.uni-mannheim.de

 

 

Dissertationsprojekt: Entgelt und Anerkennung

Das Entgeltrahmenabkommen (ERA-TV) in der Metall- und Elektroindustrie ist eines der tarifpolitischen Großprojekte der letzten Jahre. Erklärtes Ziel des ERA ist die Abschaffung der beiden Statusgruppen Arbeiter und Angestellte, die Beseitigung der Ungleichbehandlungen in der Bewertung von Arbeit und Leistung zwischen und innerhalb dieser Statusgruppen und eine Neujustierung der Wertigkeit von Arbeit.
Damit wird die soziale Hierarchie des Betriebes explizit thematisiert und neu ausgerichtet. Dass es hierbei zu Konflikten zwischen den Tarifparteien, den Betriebsparteien und auch den Beschäftigten kommt, verwundert nicht. Schließlich sind Entgeltfragen Machtfragen, auch wenn Verteilungskämpfe soweit wie möglich ausgeklammert und „nur“ die Verteilung „innerhalb der Klasse“ zur Disposition stehen sollte. Faktisch haben sich jedoch Verteilungskämpfe zwischen Kapital und Arbeit und zwischen den abhängig Beschäftigten überlagert, was teilweise zu einem konflikthaften Verlauf der ERA-Einführung geführt hat. Dies mag sicherlich auch daran liegen, dass Fragen der Wertschätzung, der Berufsidentität und des innerbetrieblichen Status’ ein Potential enthalten, das enorme Sprengkraft besitzt.
Waren diese Themen schon immer implizit in Fragestellungen der Industriesoziologie eingeschlossen, so wurden sie in den letzten Jahren verstärkt unter dem Begriff der Anerkennung debattiert. Der Diskurs war geprägt von der Frage, in welchem Verhältnis die Interessendimension sozialer Konflikte und die Anerkennungsdimension stehen bzw. stehen sollten. Anknüpfend an diese Debatte will das Projekt am Beispiel des Entgeltrahmenabkommens für die Metall- und Elektroindustrie einen theoretischen und empirischen Beitrag zur Klärung der Frage liefern, inwieweit eine duale bzw. prozessuale Perspektive des Verhältnisses von Interesse und Anerkennung zu einer angemessenen Interpretation der sozialen Dynamik bei der (Neu-)Konstitution der betrieblichen Sozialordnung im Zuge der ERA-Einführung führt.
Untersucht wird die Umsetzung des ERA in einem Großunternehmen. Der Fokus liegt auf dem betrieblichen Verhandlungs- und Umsetzungsprozess und dessen Wirkungen auf die sozialen Beziehungen im Unternehmen. Dabei werden die Entwicklungen auf der Ebene der Institutionen (Mitbestimmung, Tarifvertrag und Betriebsvereinbarungen) genauso analysiert wie das Verhältnis zwischen Unternehmensleitung und Betriebsrat. Schließlich soll es auch um die Wahrnehmung und Reaktion der Beschäftigten auf den Umstrukturierungsprozess und somit um die individuelle Anerkennung (Wertschätzung, berufliche Identität, Statusdifferenzierung Arbeiter/Angestellte) gehen.
Geplant ist der Einsatz verschiedener Methoden:


• Dokumentenanalyse (betriebsinterne Daten, Protokolle, Unternehmenskommunikation)
• teilnehmende Beobachtung an betriebsinternen Veranstaltungen
• leitfadengestützte, teilstrukturierte Interviews mit relevanten betrieblichen
Akteuren (Unternehmensleitung, Betriebsräte, Führungskräfte) und unternehmensexternen Experten
• Gruppeninterviews mit Beschäftigten und/oder eine Beschäftigtenbefragung
mittels Fragebogen

Durchführung: Sabine Zimmer, M.A., Forschungsinstitut für Arbeit, Technik undKultur e.V. (F.A.T.K.) an der Universität TübingenKontakt: sabine.zimmer@ifsoz.uni-tuebingen.de