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Dezember

Editorial:

Arbeits- und Industriesoziologische Studien

Es gehört zum Anspruch und zum Selbstverständnis der Arbeits- und Industriesoziologie, dass ihre Analysen nicht nur empirische Beschreibungen der Entwicklung von Arbeit, sondern auch Beiträge zu einer gesellschaftstheoretisch motivierten Zeitdiagnose sein sollten – und die Beiträge der vorliegenden Ausgabe der AIS Studien zeigen, dass das keine wirklichkeitsferne Selbstbeschreibung ist: Diese Ausgabe beinhaltet Beiträge zum „Finanzmarktkapitalismus“ (Hiß, Freye, Singe und Kraemer), zur „postfordistischen Arbeitsgesellschaft“ (Aulenbacher) und – in Form eines Tagungsberichts – zum Verhältnis von Arbeitssoziologie und Kapitalismustheorie (Eversberg). Dazu dokumentiert ein Überblick (Bluhm/Holst) über die beiden diesjährigen Tagungen der Sektion, dass das Jahr 2009 ganz im Zeichen der Auseinandersetzung mit dem ökonomischen System – und dessen Krise – stand.

Der Schwerpunkt dieser Ausgabe liegt bei vier Beiträgen zur „Arbeit des Finanzsystems“, die auf Vorträgen bei der Frühjahrstagung in München beruhen. Die Finanzkrise war der Anlass für eine Bilanz der arbeits- und industriesoziologischen Diagnose des Finanzsystems bzw. der Finanzwirtschaft. Die hier vorgestellten Beiträge machen nicht nur deutlich, dass das „Finanzsystem“ nicht erst seit der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise Gegenstand von arbeits- und industriesoziologischen Analysen ist, sondern auch, dass nur über eine differenzierte Analyse Antworten zu haben sind, die sowohl über wenig hilfreiche pauschale Systemkritik wie über – ebenso wenig hilfreiche – pauschale Verhaltenskritik („Gier“) hinausgehen. So wirft Stefanie Hiß mit ihrer Studie über Ratinganalysten („Zum Wandel von Arbeit und Expertentum im Finanzsystem“) einen Blick auf die veränderte Rolle von Experten und zeigt, dass die derzeitige Re-Regulierung der Finanzmärkte möglicherweise genau jene Mechanismen verstärkt, die in die Krise geführt haben. Die Fragestellung von Saskia Freye („Entsteht ein Markt für Unternehmensleiter?“) nach der Entwicklung bzw. „Entstehung“ eines (Arbeits)Marktes für Unternehmensleitungen ist nicht nur eine Frage nach den Allokationsmechanismen des Top-Managements, sondern auch danach, ob mehr Markt über mehr Transparenz zu einer besseren Kontrolle des Managements führt. Der Beitrag von Ingo Singe („Neue Unsicherheiten und neue Grenzziehungen – zum Wandel von Angestelltenarbeit in Finanzdienstleistungsunternehmen“) setzt gewissermaßen an der Unterseite des Finanzmarktkapitalismus an: Sein Beitrag beleuchtet aus der Beschäftigtenperspektive dass und wie die Vermarktlichung traditioneller Institutionen des Finanzwesens (Banken, Versicherungen) die bisherige betriebliche Sozialordnung zerstört – und dass so aber auch mögliche neue Grenzen und Widerstände einer weitergehenden Vermarktlichung entstehen. Klaus Kraemer greift in seinem Beitrag („Propheten der Finanzmärkte“) die Frage auf, wie angesichts der für die Finanzmärkte konstitutiven Ungewissheiten von den Akteuren (Rendite)Entscheidungen getroffen werden. Seine dezidiert soziologische Erklärung setzt am sozialen Prozess der Entstehung von Vertrauen an und stellt charismatische Zuschreibungen in das Zentrum seiner Erklärung.

Der Beitrag von Brigitte Aulenbacher („Arbeit, Geschlecht und soziale Ungleichheiten“) fragt nach den Perspektiven der Geschlechterforschung für die Analyse des Wandels der Arbeitsgesellschaft. Im Mittelpunkt steht dabei das Verhältnis von Arbeit, Geschlecht und sozialer Ungleichheit. Sie arbeitet heraus, dass es vor allem der Blick auf und die Sensibilität für differenzierte soziale Arrangements und Ungleichheiten sind, die die Geschlechterforschung für die Arbeitsforschung fruchtbar machen kann, weil Ungleichheiten hier als Bedingung und als Folge der Entwicklung von Arbeit in den Fokus rücken.

Zwei Tagungsberichte komplettieren die vorliegende Ausgabe: Zum einen fassen Katharina Bluhm und Hajo Holst die Beiträge der beiden diesjährigen Tagungen der Sektion zur „Arbeit des Finanzsystems“ (Frühjahrstagung in München) und zum „Management am Scheideweg“ (Herbsttagung in Osnabrück) zusammen. Von Dennis Eversberg kommt darüber hinaus eine ausführliche Dokumentation der Tagung „Bringing Capitalism Back In“, die im Oktober in Jena stattfand und bei der die Frage nach den – wechselseitigen? – Bezügen von Arbeitssoziologie und Kapitalismustheorie im Zentrum stand.

Die HerausgeberInnen wünschen eine anregende Lektüre. Rückmeldungen, Anmerkungen und Anregungen sind wie immer herzlich willkommen.

 

Die HerausgeberInnen

Stefanie Hiß

Zum Wandel von Arbeit und Expertentum im Finanzsystem – das Beispiel der Ratinganalysten

Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit den im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise viel kritisierten Ratingagenturen, insbesondere mit dem Wandel der Arbeitsweise der Ratinganalysten. Während beim klassischen Unternehmens-(anleihe)rating Analysten direkten Kontakt zum Unternehmen aufnehmen, und dieses auf der Basis einer autonomen, qualitativen Expertenentscheidung beurteilen, sind sie bei der Bewertung strukturierter Finanzprodukte auf externe, von Dritten erstellte Daten angewiesen, die sie mit Hilfe quantitativer formalisiert-standardisierter Modelle auswerten. Zum Auslöser der Finanzkrise wurden die deutlich zu optimistisch bewerteten strukturierten Finanzprodukte, deren breite Abwertung im Jahr 2007 die Abwärtsspirale der Finanzmärkte in Gang brachte. Obwohl die Europäische Kommission als Antwort auf dieses Versagen die Ratingagenturen stärker zu regulieren versucht, nimmt sie in ihren Gesetzesvorhaben keine Unterscheidung zwischen den beiden Ratingverfahren und der damit verbundenen unterschiedlichen Arbeitsweise vor. Dies führt zu der paradoxen Situation, dass das Entscheidungs-modell autonomer, qualitativer Expertenentscheidungen, das beim Unternehmens-rating keine Auswirkungen auf die Krise hatte, auf Kosten einer noch stärkeren Quantifizierung, Formalisierung und Standardisierung der Arbeitsweise der Ratinganalysten geschwächt wird.
The paper deals with rating agencies, in particular with the work of rating analysts. While in the case of corporate bond rating, analysts are in direct contact with the corporation, and come to a decision on the basis of an autonomous, qualitative expert judgment, they have to rely on third party data that they analyze with the help of quantitative formalized-standardized statistical models in the case of judging structured financial products. Now, the strong and widespread downgrading of overly optimistically rated structured financial products triggered the financial crisis in 2007. Although the European Commission in its reaction to the rating agencies’ failure tries to regulate them more coherently, in its proposals it does not differentiate between corporate bond rating and the rating of structured financial products. This leads to the paradoxical situation that the kind of autonomous qualitative expert judgments with no (large) effect on the crisis will be weakened, while the stronger quantifying, formalizing and standardizing kind of work responsible for causing the crisis will be strengthened.

Saskia Freye

Entsteht ein Markt für Unternehmensleiter? Karriereverläufe deutscher Manager im Wandel

Die Agency-Literatur sieht funktionierende Kapital- und Finanzmärkte als effiziente Möglichkeit zur Kontrolle von Unternehmen und ihres Managements. Seit zwei Jahrzehnten gewinnen die Finanzmärkte auch in Deutschland an Bedeutung und lösen die Unternehmenskontrolle durch die traditionellen Netzwerke ab. Der Beitrag untersucht, inwieweit sich im Zuge dieser Entwicklungen ein Markt für Unternehmensleiter herausgebildet hat. Grundlage des Papiers ist eine Datenbank, in der die Karriereverläufe der Vorstandsvorsitzenden der 50 umsatzstärksten Unternehmen zwischen 1960 und 2005 erfasst sind. Es wird argumentiert, dass die veränderten Karrieremuster auf eine Stärkung des Konkurrenzprinzips bei der Besetzung und Beurteilung von Unternehmensleitern hindeuten. Die Märkte für Manager entstehen aber nicht extern sondern innerhalb der Unternehmen.
Agency literature stresses the importance of capital and financial markets for an efficient control of corporations and their management personnel. In Germany financial markets have for the past two decades gained influence, thereby challenging the traditional network-based system of corporate governance. Analyzing the career patterns of German managers, this article investigates if a market for managers has emerged along these developments. The analysis is based upon a unique dataset capturing the career paths of the CEOs of the fifty largest industrial companies in Germany for every five years between 1960 and 2005. It is argued that the recruitment and evaluation of top managers has become more competitive over the course of time. However, markets for managers have not emerged externally but within the company groups.

Ingo Singe

Neue Unsicherheiten und neue Grenzziehungen – zum Wandel von Angestelltenarbeit in Finanzdienstleistungsunternehmen

Dieser Artikel präsentiert Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung zur subjektiven Beschäftigtenwahrnehmung von Wandel und Kontinuität der Arbeit in zwei Finanzdienstleistungsunternehmen. Diagnostiziert wird ein tiefgreifender Bruch, der aus Perspektive der Angestellten in erster Linie als Prozess der Entsicherung beschrieben wird. Als Treiber der Verunsicherung identifiziere ich nicht allein die unmittelbare Bedrohung durch Arbeitsplatzverlust, sondern zusätzlich eine weitreichende Auflösung des tradierten Sozialmodells, die Destabilisierung von Kooperations- und Sozialbezügen im Zuge permanenter Reorganisation und Vermarktlichung sowie widersprüchliche (Leistungs-) Anforderungen an das Individuum. Die Unsicherheit beschädigt die Orientierungs- und Handlungsfähigkeit des Individuums, es droht der Verlust des Kohärenzgefühls. In einem zweiten Schritt beschreibe ich Begrenzung und Rückzüge als Formen des Beschäftigtenverhaltens in den neuen Verhältnissen: Begrenzung der Identifikation mit dem Unternehmen, quantitative Begrenzung der Arbeitskraftverausgabung, Begrenzung informeller Kooperation und opportunistisches Zurückhalten von Kritik und Initiative als Form begrenzten Involvements. Ich bilanziere, dass die Bearbeitung der neuen Unsicherheit in der Angestelltenarbeit die Subjekte vielfach überfordert, dass Vermarktlichung bestimmte Formen subjektiver Einbringung eher hemmt denn fördert und dass die Individuen auch unter prekären Bedingungen nicht umstandslos den neuen Anforderungen fügen.
This article uses qualitative data from two case studies to examine change and continuity in white collar employment. Data was collected in two financial institutions in order to capture employee perspectives and reconstruct workers practical involvement and reaction to change. This research finds deep feelings of uncertainty amongst Angestellte. The new uncertainty can be traced back to various sources, is not necessarily triggered by threats of immediate job loss. Employees describe more far reaching processes: traditional forms of interaction between management and employees and normative integration have eroded; safeguarding mechanisms have been dismantled. Market driven restructuring has had a negative impact on social and cooperative relations at work and individuals are being confronted by contradictory demands. These processes have impeded on individual’s capacity to orientate themselves at work and develop capacities for strategic action. I then go on to describe employee’s practical behaviour. Even though precarity might discipline workers and increase effort, employees displayed alternative reactions as well: disengagement, disloyalty, soldiering, opportunism and reduced informal cooperation were manifest forms of employee behaviour. I conclude that marketization does not necessarily produce employees capable and willing to deal with uncertainty in ways wished for by management.

Klaus Kraemer

Propheten der Finanzmärkte. Die Kompensation von Ungewissheiten durch charismatische Zuschreibungen

Finanzmärkte sind durch erhebliche Ungewissheiten gekennzeichnet. Gleichwohl sind Finanzmarktakteure unablässig gezwungen, Entscheidungen zu treffen. In die-sem Beitrag wird der Frage nachgegangen, wie sie dieses Entscheidungsproblem bewältigen. In kritischer Auseinandersetzung mit dem Konzept der „Erwartungs-Erwartungen“ wird vorgeschlagen, Max Webers Charismakonzeption fruchtbar zu machen, um den Einfluss von „Börsenpropheten“ auf Investment-Entscheidungen besser verstehen und in seiner sozialen Prozesshaftigkeit erklären zu können.
Financial markets are marked by considerable uncertainty. Actors in financial markets are nevertheless constantly forced to make decisions. This article pursues the question of how they cope with this problem of decision-making. Based on a critical discussion of the concept of “expectations of expectations”, I suggest turning to Max Weber’s concept of charisma, which can be fruitfully applied to better understand the influence of “stock market prophets” on investment decisions and explain such influence as a social process.

Brigitte Aulenbacher

Arbeit, Geschlecht und soziale Ungleichheiten

Arbeits- und Industriesoziologie und Geschlechter- und Intersektionalitätsforschung legen verschiedene Perspektiven auf die Analyse von Arbeit und der postfordistischen Arbeitsgesellschaft an. Die Arbeits- und Industriesoziologie fokussiert den Wandel von Erwerbsarbeit und seine Folgen. Die Geschlechter- und Intersektionalitätsforschung rückt den Konnex von Arbeit, Geschlecht und Ungleichheit in den Mittelpunkt. Der Beitrag arbeitet heraus, in welcher Weise beide Perspektiven aufeinander treffen und Erkenntnisse der Geschlechter- und Intersektionalitätsforschung die soziologische Reflexion des Wandels von Arbeit bereichern. Dies wird für die Analyse der gesellschaftlichen Reproduktionskrise gezeigt, welche mit der forcierten Rationalisierung der Daseinsfürsorge einhergeht. Und es wird für die Analyse des Wandels von Herrschaft herausgearbeitet, wie er mit der für den Postfordismus spezifischen ökonomischen Unbeständigkeit und existenziellen Verunsicherung einhergeht. Deutlich wird, dass der gegenwärtige Wandel von Arbeit soziale Ungleichheiten nicht nur zur Folge hat, sondern auf Differenzen und Ungleichheiten nach Geschlecht, Ethnie, Schicht gründet. Dieser Konnex von Arbeit, Geschlecht und Ungleichheit beeinflusst, so die Schlussfolgerung, das Ausmaß und die Ausrichtung des gesellschaftlichen Wandels. Deshalb ist er in der soziologischen Forschung systematisch zu veranschlagen ist
The sociology of work and gender and intersectionality studies follow different perspectives on work and the postfordist society. The sociology of work focuses changes of paid work and their effects. Gender and intersectionality studies focus the connection between work, gender and social inequalities. The article considers the way, in what both perspectives meet and findings of gender and intersectionality studies enrich the sociological analysis of changes in work. First, the crisis of societal reproduction is examined, which is connected with the rationalization and reorganization of public and private care. Second, relations of power and dominance, which are based on the postfordist mode of economical and social uncertainty, are considered. In both cases social inequalities have to be described as consequences of the contemporary changes in work. And, vice versa, the postfordist configuration bases on differences and inequalities, especially by gender, race, class. This connection, so the conclusion of the article, influences and shapes the extension and direction of societal development. Therefore the sociological analysis has to reflect systematically on it.

Mitteilung

Tagungs- und Konferenzberichte: Bringing Capitalism back in

Konferezbericht

Konferenzbericht

In der Presse ist es schon seit längerer Zeit, spätestens aber seit Ausbruch der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise unübersehbar: Die Rede vom Kapitalismus ist wieder hoffähig geworden. Seit den „postideologischen“ 90er Jahren war es weitgehend in den Ruch der politischen Polemik gekommen, offen vom Kapitalismus – statt, vordergründig neutraler, von der „Marktwirtschaft“ – zu sprechen. Freilich scheint dies eher der diffusen Ahnung sozialer und ökologischer Risiken angesichts aktueller Krisen geschuldet als einem neuen Bewusstsein des analytischen Werts des Begriffs. „Kapitalismus“ auch in der Arbeitssoziologie erneut als zentrale Analysekategorie zu etablieren und auf die Gegenstände und Fragestellungen der Disziplin anzuwenden, war Ziel der Jenaer Konferenz „Bringing Capitalism back in – Arbeitssoziologie und Kapitalismustheorie“, die Anfang Oktober vom neugegründeten Jenaer Zentrum für interdisziplinäre Gesellschaftsforschung (JenZiG) in Zusammenarbeit mit dem Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) und dem Münchner Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) veranstaltet wurde. Das mit über 170 Teilnehmenden unerwartet große Interesse gab dieser Intention Recht.

Die Herausforderungen an eine auch in der Gegenwart diagnosefähige kritische Kapitalismustheorie wurden schon im eröffnenden Plenum deutlich. Den Auftakt machte JenZiG-Initiator Klaus Dörre mit einer Begründung seiner auf Rosa Luxemburg verweisenden und in Auseinandersetzung mit David Harvey geschärften These der „neuen Landnahme“, auf die er zugleich die aus seiner Sicht gegenwärtig zentralen Anforderungen an eine kapitalismuskritische Arbeitssoziologie bezog. Zentral sei zunächst, „Kapitalismus“ nicht wie im Kontext institutionalistischer Ansätze als „Modell“ einer nationalen Ökonomie zu betrachten, das je nach Kontextbedingungen unterschiedlich ausfällt und dessen Varianten durch international vergleichende soziologische Forschung zu erfassen wären. Vielmehr müsse man sich auf seinen Kern als bis in betriebliche Mikroverhältnisse hineinwirkende, dynamische soziale Formation besinnen und diesen wieder zum Gegenstand machen. Dass der Kapitalismus bis heute nicht an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde gegangen sei, verdanke er seiner Fähigkeit, sich mittels des Mechanismus der Landnahme nicht nur – wie von Luxemburg angenommen – bis zur Kolonisierung des gesamten Globus, sondern durch eine ständige Dynamik von Kommodifizierung und Dekommodifizierung, Einnahme und Preisgabe geografischer und sozialer 'Gebiete' stets aufs neue und ohne Aussicht auf ein Ende zu reproduzieren. Festzuhalten sei: „Die kapitalistische Entwicklung folgt nicht einfach der Logik von zunehmender Rationalität und Effizienz, sondern sie beruht immer zugleich auf Irrationalität, Zerstörung und Gewalt.“ Spezifisch für die gegenwärtige finanzkapitalistische Landnahme sei dabei, dass das relativ autonome, dominante Anlagekapital markt-begrenzende Institutionen immer weitergehend einnehme, so dass die entstandene finanzkapitalistische Formation in der Lage sei, die Wettbewerbslogik in die Gesellschaft hinein zu transferieren und zu verallgemeinern. Zu dechiffrieren sei die neue Landnahme als eine regressive Modernisierung, insofern die Vermarktlichung ihre eigenen Voraussetzungen, namentlich nicht-marktförmige Strukturen und Verhaltensweisen, auffresse und so erneut Krisen und Vernichtung erzeuge. Dies zeige sich etwa an der jahrzehntelangen Blockierung einer überfälligen ökologischen Erneuerung. Gerade an diesem Punkt knüpft auch Dörres zentrale Schlussfolgerung in politischer Richtung, namentlich der Vorschlag eines ökologischen New Deal, an: In der gegenwärtigen Situation müsse es um die Erzwingung eines anderen modus operandi der Landnahme gehen – der etwa Dekommodifizierung und Investitionsprogramme für ökologischen Umbau als Voraussetzungen für einen krisenüberwindenden neuen Wachstumszyklus beinhalten müsse. Ein solcher, letztlich auf Bestandssicherung zielender Richtungswechsel könne aber nur von außen, durch radikale Kapitalismuskritik, angestoßen werden, die institutionalisierten Formen der Konfliktbearbeitung könnten dies nicht mehr leisten. Für die Arbeitssoziologie könne das Paradigma vom Finanzkapitalismus Grundlage einer Suchstrategie nach einer den Verhältnissen angemessenen Kapitalismustheorie werden.

Auf Dörres Entwurf antworteten Dieter Sauer (ISF) und Volker Wittke (SOFI). Sauer blickte zunächst zurück auf die Konjunkturen der Kapitalismustheorie in den letzten Jahrzehnten. Hatte sie in den 70er Jahren, mitunter ausgearbeitet in monumentalen Begriffsgebäuden, der Industriesoziologie weniger als eigener Forschungsgegenstand denn als Bezugsrahmen gedient (der sich für die Münchner in Anwendungen wie etwa der Theorie der Arbeitsmarktsegmentation konkretisierte), wandte man sich in den 80er Jahren nicht nur von diesen Großentwürfen, sondern vielmals auch von gesellschaftstheoretischer Fundierung der eigenen Arbeiten überhaupt ab. Erst in jüngster Zeit erneuere sich das Interesse. In ein angemessenes Verständnis von Kapitalismus könne diese erneute Konjunktur aber nur münden, wenn dessen dialektisch-dynamischer Charakter als historisch gewordene Formation ins Zentrum gestellt werde, deren Manifestationen in und Wechselwirkung mit den konkret untersuchten Mikroverhältnissen im Betrieb und anderswo zu untersuchen seien. So verstanden, stelle sich die Frage: „War die Industriesoziologie je dialektisch?“ Am ISF sei dies jedenfalls immer der Anspruch gewesen, der sich in den entwickelten Begriffen (Vermarktlichung, Entgrenzung, indirekte Steuerung) auffinden lasse. Praktische Anwendungen der Kritik seien zunächst in einer revitalisierten, tradierte Gegensätze überwindenden Arbeitspolitik möglich – für die Wissenschaft aber müsse die Wiederentdeckung des dialektischen Charakters und der damit verbundenen Unbeherrschbarkeit des kapitalistischen Herrschaftsverhältnisses in erneute Anstrengungen zum Begreifen dieses Verhältnisses münden.

Wittke schließlich betonte vor allem die Bedeutung der sozialen Formung der Faktoren Kapital und Arbeitskraft sowie der Beziehungen zwischen Unternehmen: Bedingungen wie Corporate Governance, strukturierende Wertvorstellungen, Formen der industriellen Beziehungen und zunehmend auch Arbeitsmarktpolitik brächten Unterschiede in der Ausgestaltung des Kapitalismus hervor, die die Analyse spezifischer Konstellationen erforderten und es auch rechtfertigten, im Plural von „Kapitalismen“ zu sprechen. Dennoch könne das nicht darauf hinauslaufen, sich den „Varieties of Capitalism“-Ansatz zu eigen zu machen, berge dieser doch immer die Gefahr, die betrieblichen Einzelverhältnisse aus dem Modell abzuleiten, so dass die Industriesoziologie auf die Aufgabe reduziert werde, generelle Entwicklungstrends „kleinzuarbeiten“. Demgegenüber müsse das empirisch Beobachtete immer als Ergebnis sozialer Prozesse verstanden werden, die weder auf eine allgemeine kapitalistische Logik noch auf die eines nationalen „Modells“ zu reduzieren, sondern immer auch als Produkt eines spezifischen Kontextes „unterhalb“ dieser Ebene zu verstehen seien. Kapitalismustheorie müsse auch der Heterogenität sozialer Prozesse und dem Eigensinn der Menschen Raum einräumen, weshalb es zugleich auch heißen müsse „Bringing labour back in!“

In den auf das Auftaktplenum folgenden Panelphasen wurde eine große Vielfalt an Themen und Fragestellungen abgehandelt – in zweimal vier parallelen Panels kamen insgesamt fast 40 ReferentInnen zu Wort. Dabei hatten sich die OrganisatorInnen besonders auch um eine große Pluralität von Sichtweisen bemüht.

Der Nachmittag des ersten Tages stand unter der Überschrift „Bringing labour back in“, diskutiert wurde parallel über die kapitalismusanalytischen Potentiale verschiedener soziologischer Ansätze. Je ein Panel beschäftigte sich mit der Regulationstheorie (Panel 2), dem Finanzmarktkapitalismus-Paradigma (Panel 3), den Theorien funktionaler Differenzierung (Panel 4) sowie dem „Varieties of Capitalism“-Ansatz (VoC) (Panel 1). Das letztere Panel konnte direkt an bereits von Dörre und Wittke eingebrachte Impulse anknüpfen. Der entscheidende, wenn auch selbst nicht anwesende Stichwortgeber war freilich Wolfgang Streeck, auf dessen aktuelles Buch auch das Motto der Konferenz anspielte. Zustimmen wollte der mit ihm assoziierten institutionalistischen Perspektive freilich niemand so recht, vielmehr wurden eine ganze Reihe von schwerwiegenden Kritikpunkten am VoC-Ansatz im Allgemeinen wie an Streeck im Besonderen formuliert. Katharina Bluhm (Osnabrück) plädierte gegen ein vorschnelles Verwerfen des VoC-Ansatzes und nannte als Stärken die Verknüpfung von zuvor getrennten Debatten über verschiedene institutionelle Sphären und ein nicht-deterministisches Verständnis des Zusammenspiels von Unternehmensstrategie und institutioneller Steuerung. Zugleich wandte sie aber ein, dass das Denken in „Modellen“ den Charakter des Kapitalismus als soziale Formation zu wenig berücksichtige und dass die VoC-Literatur Koordination zu einseitig als etwas Positives diskutiere. Gerade in der Forschung zu Osteuropa trete demgegenüber immer wieder die „dark side of coordination“ in Korruption und verwandten Phänomenen zutage, und auch am deutschen Beispiel werde übersehen, dass trotz des Fortbestehens der Formen von Koordination die Kosten ihrer Aufrechterhaltung gestiegen seien und sich ihre Inhalte verändert hätten. Steffen Lehndorff (IAQ Duisburg-Essen) erklärte VoC zur „Wiederauferstehung des neoklassischen Paradigmas in anderem Gewand“, weil die Kritik an der neoliberalen Vorstellung eines „one best way“ nur so weit führe, durch Identifikation institutioneller Komplementaritäten auf internationaler Ebene die Möglichkeit verschiedener „bester Wege“ zu eröffnen. Arbeit hier wieder stärker zu berücksichtigen, würde bedeuten, die dem konstatierten Veränderungsdruck zugrunde liegenden Klassengegensätze zugrunde zu legen und politische Kräfteverhältnisse aufzuzeigen, statt zeitweilige Kompromisse als „Modelle“ zu reifizieren. Auf dieser Grundlage seien Vergleiche jedoch möglich und sinnvoll. Der Jenaer Wohl-fahrtsstaatsforscher Stephan Lessenich wies darauf hin, dass es nach dem Selbstverständnis der VoC-Literatur eigentlich „Varieties of market economy“ heißen müsste – man beschäftige sich mit den Varianten von institutionalisiertem Markthandeln. Arbeit sei dabei schon deshalb ein blinder Fleck, weil VoC die wissenschaftliche Materialisierung eines politisch-wirtschaftlichen common sense sei, der alles vom Unternehmen aus denke. Arbeit und Kapitalismus „wieder hereinzubringen“ verlange, auch die Sozialpolitik als institutionellen Niederschlag der Stärke oder Schwäche der Arbeit im Kapitalismus zum Gegenstand zu machen. Das führe dann zu einer als „Varieties of Exploitation“ (oder auch positiv „... of Empowerment“) apostrophierbaren Perspektive mit transformatorischer Zielrichtung. In der weiteren Debatte kamen noch eine Reihe zusätzlicher Kritikpunkte (Eurozentrismus, Elitismus, Fixierung auf die nationale Ebene) zur Sprache, und es wurde darauf hingewiesen, dass das VoC-Paradigma gerade deshalb für europäische Sozialdemokratien so attraktiv gewesen sei, weil es einen Ausweg erlaubte, um auch unter Bedingungen verschärfter Standortkonkurrenz an stärker koordinierten Regulationsmodi festzuhalten. Wiewohl man dies gegen den 'reinen', auf Deregulierung fixierten Neoliberalismus in Stellung gebracht habe, habe man damit dessen Kern, die Erklärung von Wettbewerbsfähigkeit zur alleinigen Zielgröße, doch „geschluckt“. Die Frage, inwiefern sich der Kritik durch alternative, verschiedene Ebenen unterscheidende und andere Faktoren berücksichtigende Modelle tatsächlich abhelfen ließe, blieb aber im Ergebnis weitgehend offen.

Richard Hyman trug in seinem Plenumsvortrag über „Trade Unions and the Crisis“ Ergebnisse aus aktueller empirischer Forschung in diversen Ländern zusammen. Für ein Szenario neuer sozialer Konflikte fanden sich dabei ebenso Anzeichen wie für eines des verstärkten sozialpartnerschaftlichen Agierens – zur Zeit sei das Bild uneinheitlich und widersprüchlich, und es könne durchaus sein, dass es im Sinne eines „konfliktpartner-schaftlichen“ Arrangements auch so bleibe. Die Gewerkschaften seien gut beraten, ihre eigenen Widersprüche zwischen internationaler Solidarität und Stützung von Standortpolitik, zwischen langfristigen Zielen und kurzfristigen Zwängen zu bearbeiten und den Moment der Delegitimierung der Gegenseite zu nutzen, um neben Umverteilung auch Wirtschaftsdemokratie als zentrales Thema auf die Agenda zu setzen.

Die Panels am Vormittag des zweiten Tages beschäftigten sich verstärkt mit den Perspektiven der kapitalistischen Entwicklung in und nach der derzeitigen Krise. Dabei standen parallel die Themen „informationeller Kapitalismus“ (Panel 5), Auswirkungen veränderter kapitalistischer Formationen auf die Sozialstruktur (Panel 6) und auf die Konstitution von Subjekten (Panel 7) sowie kapitalistische Legitimationskrisen (Panel 8) zur Debatte. Im Panel zu „Kapitalismus und Subjektivität“ stand der Begriff der Subjektivierung im Zentrum. Neben der Frage, was hierunter zu verstehen sei, wurden vor allem hinsichtlich der Verortung von Widerstandspotentialen Differenzen deutlich. Den Anfang machte hier Günter Voß (Chemnitz), der die maßgeblich von ihm vertretene These der „Subjektivierung von Arbeit“ als erweiterter (Selbst-)Ausbeutung menschlicher Natur und Teil einer den gegenwärtigen Kapitalismus kennzeichnenden gesellschaftlichen Ent-Strukturierungsdynamik begründete. Es stelle sich verstärkt die Frage nach der menschlichen „Lebendigkeit“ als möglicher Ressource von Widerstand. Die Voßsche These gab denn auch die Folie ab, an der sich der Großteil der folgenden Diskussion abarbeitete – Stephan Voswinkel (Frankfurt) forderte einen erweiterten Arbeitsbegriff und die Berücksichtigung der Rolle von Arbeit für Anerkennung und Identität ein, Martin Kuhlmann (SOFI) eine Perspektive, die sozialstrukturelle Differenzierungen in den angenommenen Auswirkungen von „Subjektivierung“ anerkenne, und Sabine Pfeiffer (ISF) mahnte ein dialektisches Vorgehen an, das hinsichtlich des Subjekts zwischen Arbeitskraft und Arbeitsvermögen unterscheiden müsse. Ulrich Bröckling (Halle) vertrat dagegen ein gänzlich anderes Verständnis von Subjektivierung: Wer Marx' Identifizierung des Kapitals als „automatisches Subjekt“ ernst nehme, müsse von jedem starken Subjektbegriff Abschied nehmen und aufhören, Subjektivität bei den Individuen zu suchen, die immer nur Produkt der prozessierenden Logik der Verhältnisse sein könnten. Die von Voß unterstellte „Kolonialisierung“ des Menschen setze voraus, dass es überhaupt etwas zu kolonisieren – einen „ursprünglichen Subjektkern“ – gebe. Ausgehend von Althusser und Foucault sei Subjektivierung daher als Weise der Adressierung und Formung von Individuen zu verstehen, als „Modus des Sich-zu-sich-selbst-in-Beziehung-Setzens“. Statt von großen Kampfbegriffen wie „Kapitalismus“ und „Neoliberalismus“ auszugehen, solle die Soziologie besser genaue Beschreibungen der Formationen so verstandener Subjektivierung mit ihren je eigenen Anrufungen und Technologien liefern. Die Frage nach Widerstand mache in diesem Zusammenhang keinen Sinn, weil dieser nicht auf Befreiung von der Subjektivierung, sondern immer nur auf die Etablierung alternativer Subjektivierungs-technologien zielen könne. Silke van Dyk (Jena) kritisierte an beiden Verständnissen von Subjektivierung, dass sie die Assimilation kritischer Potentiale durch die kapitalistische Verwertungslogik allzu pauschal unterstellten und damit zu stark vom Facettenreichtum sowohl der Mechanismen des Systems als auch der Subjekte selbst abstrahierten. Zu fragen sei demgegenüber auch und gerade nach den Potentialen für Widerstand und Organisierung gegen den Kapitalismus, die gerade aus Subjektivierungsprozessen hervorgingen.

Im abschließenden Plenum erinnerte Christoph Scherrer (Kassel) zunächst daran, dass die aktuelle Krise eine globale sei. Aktuelle politische und wissenschaftliche Debatten konzentrierten sich allzu oft auf die Ursachen und Folgen der Krise in den kapitalistischen Zentren. Anschließend reflektierte Hans-Jürgen Urban vom geschäftsführenden Vorstand der IG Metall auf das Verhältnis zwischen kritischer Wissenschaft und Gewerkschaften und benannte mögliche Schnittstellen für dessen Revitalisierung, die für beide Seiten ein wichtiger Schritt aus der Defensive sein könne. Ein erstes gelungenes Beispiel sei die viel beachtete Jenaer Studie über „Strategic Unionism“, durch die die angelsächsische Debatte über Bedingungen und Probleme strategischer Handlungsfähigkeit der Gewerkschaften zugänglich und anschlussfähig gemacht wurde. Diese Erkenntnisse gelte es angesichts einer Vielzahl von Herausforderungen zu nutzen, unter denen die drängendste und für die kommenden Jahre prägende in seiner Sicht der Konflikt um die Verteilung der Krisenlasten sei. Hier müssten die Gewerkschaften realistischerweise darum kämpfen, „nicht gänzlich unter die Räder zu geraten“. Wenn die Wirtschaft wieder wachse, müsse man mit einer „Prekaritätsexplosion“ rechnen, wodurch gerade die Bereiche gewerkschaftlicher Handlungsunfähigkeit zuungunsten ihrer Hochburgen anwüchsen. Zudem sei das automatisch gegebene institutionalisierte Machtpotential der Gewerkschaften im „deutschen Modell“ inzwischen weitgehend aufgezehrt und ein Erhalt des bisherigen Einflusses ohne einen Zuwachs an Organisationsmacht infolge steigender Mitgliederzahlen nicht denkbar. Umso wichtiger sei damit die institutionelle Absicherung von Mobilisierungserfolgen. Das setze eine selbstkritische Praxis voraus, bei der die Arbeitssoziologie wertvolle Hilfe leisten könne – etwa in Fragen der Mitbestimmung, die sich – ähnlich wie von Colin Crouch für die politischen Institutionen festgestellt – in einem „postdemokratischen“ Zustand fortschreitender innerer Aushöhlung befänden, der sie vielleicht stärker beschädigt habe als alle politischen Angriffe von außen. Zudem seien die Erkenntnisse kritischer Wissenschaft hilfreich, um die neue Qualität des entstehenden „Krisenkorporatismus“ zu begreifen. Gegenüber dem „herkömmlichen“ Wettbewerbs-korporatismus sei die Position der Arbeit noch weiter geschwächt, die Gewerkschaften fänden nur als „Krisenmoderator“ überhaupt noch Gehör. Umso dringender stelle sich in strategischer Sicht die Notwendigkeit einer Intensivierung der Debatte über Wirtschaftsdemokratie. Diese müsse sich, soviel sei klar, unter den Bedingungen des globalisierten Kapitalismus auf mehreren Ebenen abspielen. Jedoch könne sie kein Selbstzweck sein, sondern beziehe ihre Legitimation aus den Zielen, die man auf wirtschaftsdemokratischem Wege zu erreichen sucht – und hier stehe an erster Stelle, „den Shareholder Value zu knacken“, dessen Status als Maß aller Dinge in den Unternehmen sich zu einem neuen „stahlharten Gehäuse der Hörigkeit“ entwickelt habe. Parallel dazu wachse allerdings auch die Bedeutung und das Konfliktpotential der Kämpfe um die Bedingungen sozialstaatlicher Sekundärverteilung. Als Verbund, der all diese Kämpfe führen und darin bestehen kann, seien die Gewerkschaften allein mit Sicherheit überfordert – es brauche dringend einen neuen „kollektiven korporativen Akteur“, den Urban provisorisch als „Mosaiklinke“ bezeichnet. Nimmt man an, dass all diese von Urban aus der Gewerkschaftsperspektive benannten praktisch-politischen Herausforderungen zugleich auch analytische Herausforderungen an eine kapitalismustheoretisch fundierte Arbeitssoziologie sind, so hat die Jenaer Konferenz sicher zunächst mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet, könnte aber den Startpunkt für eine Reihe von wichtigen und mittlerweile überfälligen wissenschaftlichen Diskussionen gesetzt haben.

 

Hinweis:

Interessierte können die auf Video aufgezeichneten Diskussionen der Konferenz mittlerweile aus dem Internet herunterladen.

Vereinfachter Link: http://tinyurl.com/yggej2o

Mitteilung

Tagungs- und Konferenzberichte: Sektionstagungen

Tagungsthemen der Sektion Arbeits- und Industriesoziologie

Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise hat den Gegenstand der Arbeits- und Industriesoziologie mit neuer Brisanz in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen und öffentlichen Interesses gerückt. Wurde in Teilen der Öffentlichkeit (und manchmal auch in der Soziologie selbst) vor gar nicht so langer Zeit noch vom „Ende der Arbeitsgesellschaft“ gesprochen und galt gelegentlich sogar überhaupt Arbeit (etwa gegenüber „Wirtschaft“) als randständiges Thema, so wird angesichts der momentanen ökonomischen Verwerfungen vielen Beobachtern wieder mit Macht bewusst, welche Bedeutung (erwerbsbezogene) Arbeit nach wie vor für die Entstehung und Verteilung von Lebenschancen und damit für den Charakter moderner Gesellschaften hat.

Vor dem Hintergrund dieses gestiegenen Interesses an ihrem Gegenstand stellt sich die Frage, was eine Teildisziplin wie die Arbeits- und Industriesoziologie zur Aufklärung der derzeitigen wirtschaftlichen (und damit auch sozialen) Krise und ihrem Verlauf beitragen kann. Mit genau dieser Frage beschäftigte sich die Sektion für Arbeits- und Industriesoziologie auf ihrer Frühjahrs- und Herbsttagung im Jahre 2009. Ausgangspunkt beider Tagungen war die Annahme, dass die Krise zu einer Zäsur im Handeln der Wirtschaftsakteure und der Politik führen würde, die auch – vorsichtig formuliert – neue Akzente im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs setzt. Die Frühjahrstagung am 15. und 16. Mai in München widmete sich der „Arbeit des Finanzmarkts“, wobei damit sowohl Arbeit im Finanzmarkt wie auch die Arbeitsweise der Finanzmärkte im Lichte der Krise und deren Auswirkungen auf die Realwirtschaft unter die Lupe genommen werden sollten. Die Herbsttagung am 9. und 10. Oktober in Osnabrück trug den Titel „Management am Scheideweg?“, bei der die bisherige soziologische Forschung sowie neue Ergebnisse zu Managern in der Realwirtschaft als soziale Akteure im Lichte der Veränderungen zur Debatte standen.

Die bei der Frühjahrstagung gehaltenen Vorträge von Stefanie Hiß, Saskia Freye, Ingo Singe und Klaus Kraemer werden in der vorliegenden Ausgabe der AIS Studien veröffentlicht. Im Folgenden werden nur die anderen, hier nicht publizierten Beiträge zusammengefasst:

Wolfgang Dunkel, Nick Kratzer und Wolfgang Menz (München) eröffneten die Münchner Tagung. Am Beispiel einer deutschen Privatbank untersuchten sie, was der Finanzmarktkapitalismus „mit der Arbeit im Finanzdienstleistungssektor macht“. Die Organisation der Arbeit in der Bank, selbst ein zentraler Akteur des Finanzmarkt-kapitalismus in Deutschland, ist in den letzten Jahren nicht zuletzt aufgrund der Kapitalmarktorientierung der Unternehmensführung tiefgreifend reorganisiert worden. Anknüpfend an frühere Arbeiten identifizierten die Autoren drei zentrale Entwicklungstrends, welche die Arbeit der Angestellten nachhaltig prägen: die Finanzialisierung der Leistungsziele, die Finalisierung der Leistungskontrolle und die indirekte Steuerung der Leistungsverausgabung. Auch wenn sich diese Trends wie ein roter Faden durch die gesamte Bankorganisation ziehen, zeigt sich doch, dass die spezifische Arbeitsform einen Filter für die Durchsetzung der neuen Steuerungsformen bildet. Innerhalb der untersuchten Privatbank existieren verschiedene Tätigkeitsfelder, in denen sich die Finanzialisierung, die Finalisierung und auch die indirekte Steuerung mit unterschiedlichen Intensitäten und unterschiedlichen Folgen für die Beschäftigten ausprägen. Auffällig ist jedoch, so ein Fazit der Referenten, dass sich die Folgen des Finanzmarktkapitalismus für die Arbeit in seinem Zentrum (der Finanzwirtschaft) strukturell offensichtlich nicht wesentlich von den Folgen in den Unternehmen der Realwirtschaft unterscheiden.

Einen Höhepunkt der Münchner Veranstaltung stellte die Abendvorlesung von Paul Windolf (Trier) dar. Anknüpfend an seine früheren Arbeiten zum Finanzmarktkapitalismus stellte er die Frage: Kann man Risiko beherrschen? Für Windolf ist die aktuelle Finanzmarktkrise das Ergebnis eines längeren Trans-formationsprozesses, der die zentralen Institutionen des Kapitalismus nachhaltig verändert hat. Unterschied sich der fordistische Managerkapitalismus vom Familienkapitalismus vor allem durch die Trennung von Eigentum und Kontrolle, basiert der Finanzmarktkapitalismus auf einer Trennung von Eigentum und Risiko. Während das private Schicksal des Familienunternehmers an sein Eigentum gekoppelt war, wächst im Finanzmarktkapitalismus die Gruppe der „Eigentümer ohne Risiko“. Investment-, Pensions- und Hedge-Fonds-Manager kontrollieren genauso wie Investment-Banker das Eigentum, müssen aber nicht das Risiko der von ihnen gefällten unternehmerischen Entscheidungen tragen. Freilich verschwindet das Risiko nicht. Der Umstand, dass es den neuen Eigentümern gelingt, das Risiko vom Eigentum zu entkoppeln, heißt gerade nicht, dass die gesellschaftliche Fähigkeit gewachsen wäre, das Risiko ökonomischer Transaktionen zu „beherrschen“. Vielmehr wird das Risiko von den Kunden der Fonds und Banken getragen, die in der Hoffnung auf steigende Renditen Anteile an Investment- oder Pensionsfonds erwerben, die aber ohne Kontrolle über die von den Fonds gehaltenen Unternehmen bleiben. Vor dem Hintergrund dieser Analyse wies Windolf darauf hin, dass es trotz einer Vielzahl vergleichbarer Phänomene und Entwicklungen einen markanten Unterschied zwischen der Bankenkrise von 1931 und der aktuellen Finanzmarktkrise gibt: Während die Krise der 1930er eine exogene Krise war, die primär durch Entwicklungen außerhalb des Bankensystems verursacht wurde, sind die aktuellen Turbulenzen Ausdruck einer endogenen Krise, die durch die für den Finanz-marktkapitalismus charakteristische Trennung von Eigentum und Risiko erst möglich wurde. Dadurch ist es, so die Schlussfolgerung des Referenten, auch nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Krise vor der Tür steht: Von den Finanzmarktakteuren werden heute schon innovative Finanzprodukte entwickelt, die für die „Eigentümer ohne Risiko“ neue Profitmöglichkeiten beinhalten, mit denen die Risiken aber, wie auch schon in der Vergangenheit, nicht „beherrscht“ werden können, sondern nur weitergereicht werden. Abhilfe könnte nur eine veränderte Regulierung der Finanzmärkte mit sich bringen, die eine erneute Verknüpfung von Eigentum und Risiko beinhaltet.

Während sich die beschriebenen Vorträge mit der Arbeit in der Finanzwirtschaft auseinandersetzten, bildeten zwei der Beiträge faktisch eine Brücke zur Osnabrücker Herbsttagung, indem sie die Transfermechanismen der Arbeit des Finanzsystems in die Realwirtschaft beleuchteten. Sabine Pfeiffer (München) berichtete aus ihrer Forschung über die Arbeit der Controller. Controlling als Arbeit und der Einfluss von Kennzahlen auf die Arbeit in Unternehmen stellt trotz der Konjunktur, die ERP-Steuerungssysteme seit den 1990er Jahren haben, bis heute ein relativ wenig beforschtes Feld dar. Mit Blick auf die häufig gestellte Frage nach den Transfermechanismen, mit denen die Erwartungen von Finanzmarktakteuren und das Finanzmanagement Einfluss auf die Sphäre der Produktion nehmen, verwundert diese Zurückhaltung der Arbeits- und Industriesoziologie. Pfeiffer verdeutlichte in ihrem Beitrag, dass mit der Einführung der ERP-Systeme die Zugriffsintensität des Managements auf die Gestaltung organisatorischer Abläufe und betrieblicher Prozesse zugenommen hat. Die Kennziffern der ERP-Steuerungssysteme sind mehr als nur reine Informationssysteme, sie liegen im Zentrum der Interessenkämpfe zwischen Finanz- und Operativmanagement, die dezentralisierte Unternehmens- oder Konzernstrukturen unter den Bedingungen finanzialisierter Arbeit charakterisieren. Die wachsenden Controlling-Abteilungen bilden ein neues Machtzentrum in den Unternehmen, zugleich sind die Controller jedoch auch „Opfer“ der von ihnen generierten Zahlen. Allerdings zeigt sich auch hier, dass die Monats-, Quartals- und Jahresberichte kein Eigenleben führen: In verschiedenen Unternehmenskontexten nimmt das Controlling höchst divergente Formen an und dient unterschiedlichen Zielen.

Michael Faust und Jürgen Kädtler (Göttingen) referierten auf beiden Veranstaltungen aus ihren langjährigen Forschungen zu den Auswirkungen des liberalisierten Finanzmarkts auf die Unternehmen in der Realwirtschaft. In München konzentrierten sie sich auf die Rückbindung der Finanzwelt an die Realwirtschaft. Indem sie den doppelten Bezug von Finanzmarktakteuren zum Referenzobjekt realwirtschaftlicher Unternehmen herausarbeiteten, verdeutlichten Faust und Kädtler, dass es eine ganze Reihe von Verknüpfungen zwischen der Finanzwelt und der Realwirtschaft gibt. In Osnabrück setzten sie mit ihrem Beitrag die Münchner Debatte unmittelbar fort. Den Windolfschen Thesen und Analysen zum Finanzmarkt-kapitalismus hielten sie entgegen, dass die Unternehmen und ihr Top-Management nicht „einfach fungibles Instrument eines einheitlichen (neuen) Eigentümers“ (v. a. Investment- und Pensionsfonds) seien, die die Manager der Aktiengesellschaften „zwingen“ würden, eine hohe Eigenkapitalrendite zu erwirtschaften. Der „Grundkonstruktion“ der heutigen Theorie vom „Finanzmarktkapitalismus“ würde nicht nur eine genaue Analyse der oben genannten Transfermechanismen fehlen, sondern sie sei auch im Organisations- und Akteurskonzept „eindimensional“ (nicht zuletzt auch und gerade im Hinblick auf die Interessen und Strategien der institutionellen Investoren). Zudem blende sie andere, realwirtschaftliche Märkte in ihrer Wirkung auf das Managementhandeln aus. Damit stellten Faust und Kädtler auch den nicht unerheblichen Steuerungsoptimismus von Managementhandeln durch Finanzmärkte in der Rappaportschen Shareholder-Value-Theorie in Frage. Sie argumentieren mit einem auf den ersten Blick paradoxalen Befund: Bei genauer Prüfung ist die Kapitalmarktexposition der deutschen Großunternehmen nach wie vor sehr unterschiedlich, die realwirtschaftliche Profitsteigerung unterliegt nach wie vor erheblichen Schwankungen. Dennoch haben sich von 1983 bis 2002 die Aktienrendite und noch mehr die Managereinkünfte beträchtlich erhöht. Dieses Rätsel lässt sich nur organisationstheoretisch auflösen, so das Resümee der Göttinger Forscher, indem man Unternehmen als Zusammen- und Gegeneinander-wirken interner und externer Koalitionen begreift, bei deren Machtspielen auch die realwirtschaftlichen Faktormärkte und deren Akteure zu berücksichtigen sind. In diesem Sinne plädieren sie für eine „Konfigurationsanalyse“. Wie sehr indes die Eigentümerstruktur den Charakter und Stil eines Unternehmens verändern kann, hat Thomas Edeling (Potsdam) in Osnabrück in seinem Vortrag über (Teil-)Privatisierung kommunaler Unternehmen demonstriert. Während die Kommunen von diesen Unternehmen unverändert einen Beitrag zu öffentlichen Gütern erwarten und ihren politischen Einfluss betonen, setzt sich das Selbstverständnis der Manager in den kommunalen Unternehmen mit Formeln wie „Rechnet es sich, machen wir es; rechnet es sich nicht, machen wir es nicht!“ davon ab. Die Privatisierung hat zudem zu einem deutlichen Rückgang der Techniker zugunsten der Kaufleute geführt.

Renate Liebold (Erlangen-Nürnberg) stellte ihre Forschungsergebnisse zu „Selbstbild und Selbstinszenierung der ökonomischen Elite“ vor, bei der sie auf der Basis narrativer Interviews mit Top-Managern deutscher Großunternehmen nach Generationsunterschieden fragt. Während nach diesen Befunden die Selbst-präsentation älterer Top-Manager, die in der Nachkriegszeit groß geworden sind, ihre individuelle Besonderung vor dem Hintergrund einer kollektiven Schicksals-betroffenheit konturieren, weist die jüngere Generation eine individualisierte, wenn auch unprätentiöse Selbstauslegung auf, die Erfolg und Risikobereitschaft pointiert. Beiden gemeinsam ist, dass sie ihre Erfolgsgeschichten „jenseits aller Maßstäbe des Leistungsprinzips“ ansiedeln, das ihre Exzeptionalität in Frage stellen würde.

Einen thematischen Schwerpunkt der Osnabrücker Tagung bildete der Wandel von Karrierewegen der Manager im Kontext zunehmender Internationalisierung. Als ein Resümee aus den Beiträgen von Ursula Mense-Petermann (Bielefeld), Pamela Wehling (Dortmund) und Michael Hartmann (Darmstadt) lässt sich ziehen, dass sich ein längerer Auslandsaufenthalt für eine Managerkarriere nicht lohnt, also gerade ein solcher Auslandsaufenthalt, bei dem man eine Sprache richtig lernt und andere Kulturen und Denkweisen in sich aufnimmt. Folgt man Michael Hartmann, so scheint es im Gegenteil eher von Nachteil zu sein, zu lang von den heimischen Netzwerken fernzubleiben. Der Befund von Ursula Mense-Petermann auf der Basis biographischer Interviews mit Fach- und Führungskräften war ein doppelter: Auf der einen Seite zeigte sie die anhaltende Bedeutung formal ausgebauter Karriere-systeme innerhalb von Unternehmen (d. h. eine durch häufige Unternehmens-wechsel zusammengesetzte „boundaryless carreer“ ist eher eine prekäre Karriere), auf der anderen Seite legte sie dar, dass auch ein Auslandsaufenthalt nicht mehr den nächsten Karriereschritt garantiert; mitunter muss der Rückkehrer sogar um seinen alten Arbeitsplatz kämpfen. Pamela Wehling hat die „impliziten Verträge“ von international tätigen Managern auf der Basis standardisierter Befragungen und Leitfadeninterviews näher untersucht. Auch sie stellt fest, dass das Fehlen einer Karriereplanung nach Rückkehr durch das Unternehmen von den Expatriates als eine Vertragsverletzung wahrgenommen wird. Hinzukommt, dass sie im Ausland selten Unterstützung von der Unternehmens-zentrale erhalten. Die Zufriedenheit mit dem Auslandsaufenthalt begründet sich daher eher aus anderen Erträgen etwa im Hinblick auf die persönliche Entwicklung, den Ausbau internationaler Netzwerke, einem besseren Verständnis globaler Zusammenhänge etc.

Michael Hartmann (Darmstadt) hat in der Herbsttagung die Abendvorlesung gehalten, bei der er Ergebnisse seiner internationalen Vergleichsstudie vorstellte. Er zeigte anhand unterschiedlicher Daten (Zusammensetzung der Vorstände von Unternehmen, Karrierewege, Auslandsaufenthalt u. a.), dass die Internationalität von Managerkarrieren nicht wesentlich gestiegen ist, dass sogar mehr Ausländer den Vorständen der älteren Kohorte von Top-Managern angehören. Sie sind zumeist aus dem gleichen Kulturkreis. Die Auslandserfahrungen unter den Jüngeren haben zwar zugenommen, aber nur in Ländern, in denen dies früher weniger üblich war. Für Frankreich konstatiert Hartmann sogar einen deutlichen Rückgang, während in Deutschland die jüngere Kohorte häufiger im Ausland war. Deren Auslandsaufenthalt beschränkt sich aber maximal auf zwei Jahre. Von einem Internationalitätssprung könne daher keine Rede sein, eher handele es sich um einen allmählichen Prozess. Warum ist das so? Hartmann erklärt das Ausbremsen von „Ausländern“ und die Risiken zu langer Auslandsaufenthalte für die Karriere mit der anhaltenden Bedeutung nationaler Karrieremuster, die eng mit dem jeweiligen Bildungssystem verbunden sind, sowie mit den Selektionsmechanismen nach „habitueller Ähnlichkeit“ bei der Personalauswahl. Auch wenn sich diese Verklammerung langsam aufzulösen beginnt, so handelt es sich doch um einen zähen Prozess. Die Transnationalisierung der großen Unternehmen geht also keineswegs mit der Genese einer transnationalen „business class“ einher, für deren Entstehung die interne Mobilität von wesentlicher Bedeutung ist. Wie Unternehmen mit diesem Spannungsfeld zwischen internationaler Organisation und national rekrutierten Führungskräften umgehen und ob es für die oben skizzierte Debatte um den Einfluss der Finanzmärkte und die Rolle von Koalitionsbildung von Bedeutung ist, bleibt eine Frage für die weitere Forschung.

Janina Curbach (Hamburg) schlug den Bogen zurück zur Finanzkrise und stellte die Entwicklung des Konzepts von Corporate Social Responsibility im Sinne der Framing-Theorie der sozialen Bewegungen als aktives Counterframing der multinationalen Unternehmen vor. Die Finanzkrise hat die CSR-Bewegung nicht zum Stoppen gebracht, eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein: CSR wird immer mehr Bestandteil des Kerngeschäfts und einer Standardisierung wie Effektivierung unterworfen und – etwa auf der Ebene der Europäischen Betriebsräte – Gegenstand kollektivvertraglicher Verhandlungen. Ob CSR ernsthaft ein Ansatzpunkt gegen eine strikte Shareholder-Value-Orientierung sein kann, der jenseits einiger Mindest-standards auch arbeitspolitisch spürbar wird, oder doch letztlich eher eine spezifische Absicherungsstrategie des Shareholder-Value darstellt, bleibt eine offene Frage, da es zu wenige Fallstudien auf Unternehmensebene zu diesem Thema gibt.

Die Herbsttagung in Osnabrück schloss mit einer Diskussion früherer arbeits- und industriesoziologischer Studien zu Fach- und Führungskräften, zu der Hermann Kotthoff (Darmstadt), Michael Faust (Göttingen) und Nick Kratzer (München) einen Beitrag vorbereitet hatten. Die zusammenhängende Rückschau auf die Studien von Baethge/Denkinger/Kadritzke zum „Führungskräftedilemma“ (1995), der Studien von Kotthoff und Kotthoff/Wagner zum Wandel der Firmenkultur (1997; 2008) sowie von Faust, Jauch und Notz „Befreit und Entwurzelt“ (2000) hat verdeutlicht, dass die arbeits- und industriesoziologische Forschung hier einiges zu bieten hat, das zum Teil auch einer Aktualisierung bedürfe. Dazu gehört der bemerkenswerte Befund, dass die früheren Studien sehr viel mehr Status- und Rollenkonflikte im Zuge der Unternehmensreorganisationen der 1990er Jahre zumindest für das mittlere Management prognostizieren, als sich in der jüngsten Studie von Kotthoff und Wagner über „Die Leistungsträger“ (2008) wiederfinden lassen. Kotthoff und Wagner zeigen in diesem Buch, dass die zunehmende Rotation des Managements die Loyalität zu den Beschäftigten und gegenüber einzelnen Standorten nachweislich abschwächt. Den in der Managerliteratur vielfach beschworenen Manager als „Intrapreneur“ konnten sie indes ebenso wenig finden wie massive lebensweltliche Konflikte mit den entgrenzten Anforderungen an die Managerrolle im Zuge der Unternehmensreorganisationen. Ob man dies so interpretieren kann, dass sich auch das mittlere Management trotz Karriereunsicherheit ganz gut mit dem Shareholder-Value arrangiert hat und sich – wieder einmal – soziologischer Alarmismus nicht bestätigt hat, oder ob die Konflikte auf anderen als auf den prognostizierten Wegen zum Tragen kommen, ist eine Frage an die Forschung.

In der Zusammenschau haben beide Tagungen eines deutlich gemacht: Anders als in der Vergangenheit liegen, bei allem weiterhin bestehenden Forschungsbedarf, heute eine ganze Reihe überzeugender empirischer Analysen aus der Arbeits- und Industriesoziologie sowohl zur Arbeit im Finanzsystem als auch zur Arbeit des Finanzsystems vor. Dies gilt sowohl für die Arbeit in Banken und Versicherungen, in Ratingagenturen, in Unternehmensberatungen und für die Rationalitäten anderer Finanzmarktakteure vorliegen als auch für Folgen des Finanzmarktkapitalismus oder der Finanzialisierung der Arbeit des Managements realwirtschaftlicher Unternehmen. Darüber hinaus zeigten die Analysen und Diskussionen sehr deutlich, dass die aktuelle Krise keineswegs, wie in den politischen Debatten häufig suggeriert, das Ergebnis individuellen Fehlverhaltens einzelner Banker und Manager ist, sondern auf Strukturen beruht, die schon seit einigen Jahren unter den Stichworten Finanzmarkt-kapitalismus, Shareholder-Value-Kapitalismus und Auflösung der Deutschland AG diskutiert werden. Die in der gesellschaftlichen Regulierung des zeitgenössischen Kapitalismus verankerten strukturellen Voraussetzungen der aktuellen Entwicklungen herauszuarbeiten, gehört zu den dringendsten Aufgaben der Arbeits- und Industriesoziologie als Teildisziplin.

Mitteilung

Forschungsvorhaben

Forschungsprojekt: balance.arbeit. Vom reaktiven Störungs- zum prospektiven Ressourcenmanagement. Kompetenz und Pooly-valenz zur internen Flexibilisierung

 

Thema des Projekts sind die Anforderungen an interne Flexibilität in den Unternehmen und deren konkrete Umsetzung. Während die Notwendigkeit von Planungswissen zur Stabilisierung und Standardisierung der Betriebsabläufe in Theorie und Praxis fest verankert ist, gilt dies nicht für das flexible Reagieren auf Kundenwünsche oder auf Störungen. Diese Anforderung muss oft nebenher und „inoffiziell“ erfüllt werden, nicht selten gegen die etablierte Standardisierungslogik. Auf der Planungsebene spielt sie kaum eine Rolle.

Der übliche Umgang mit Störungen im Produktionsprozess kann als „reaktives Störungsmanagement“ bezeichnet werden: Erst wenn die Störung eingetreten ist, wird reagiert. Effektiver und nachhaltiger ist jedoch ein „prospektives Ressourcenmanagement“: Vorausschauend werden Ressourcen geschaffen, um die Flexibilitätsanforderungen bewältigen zu können. Das Projekt trägt dazu bei, theoretische Ansätze und praxisadäquate Umsetzungsideen für ein solches prospektives Ressourcenmanagement zu entwickeln.

Als zentrale Flexibilitätsressource identifiziert balance.arbeit die erfahrungs-basierten Dispositionsfähigkeiten der Mitarbeiter – und die Fähigkeit der Organi-sation, dieses Potenzial zu nutzen und zu fördern. Flexibilitätskompetenz oder „Flexability“, das Ausbalancieren im Spannungsfeld von Stabilität und Flexibilität, bringen die Beschäftigten schon heute täglich auf. Zukünftig geht es darum, mittels eines umfassenden Qualifikations- und Gestaltungsmodells alle Mitarbeiter systematisch zu solcher „Balancearbeit“ zu befähigen.

Ausgangspunkt der interdisziplinären Analyse sind die Tätigkeiten und Fähigkeiten von „Best-Perfomers“, also von Arbeitskräften, die schon heute in hohem Maße Balancearbeit leisten. Sie bilden die Basis für eine systematische Bestimmung der Anforderungen an eine personelle, kollektive und organisationale Flexability und der Dimensionen von Balancearbeit. Die Forschung konzentriert sich auf die Erfahrung und das Arbeitsvermögen dieser Beschäftigten: auf implizite Fähigkeiten, informelle Prozesse, erfahrungsbasiertes Wissen. Aus dieser Analyse werden Anforderungsdimensionen für die Aufgaben eines Flexability-Managements entwickelt. Ein zentrales Ergebnis wird ein gestuftes Konzept zur systematischen Entwicklung von Flexibilitätskompetenz sein.

 

Durchführende Stelle: Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung – ISF München.

Projektteam: PD Dr. Sabine Pfeiffer, Stefan Sauer

Koordination: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Arbeitsgruppe Arbeits- und Organisationspsychologie

 

Forschungsprojekt: BOPS - Beruflichkeit, Organisations- und Per-sonalentwicklung im Spannungsfeld von Restrukturierung und Kompetenzsicherung

 

Das Verbundprojekt erforscht die Bedingungen, unter denen moderne Konzepte der beruflichen Bildung angesichts der Veränderungen in einer sich wandelnden Ar-beitswelt weiterhin zu einem sozial verträglichen Ausgleich von Stabilität und Flexibi-lität im Betrieb beitragen können. Trotz aller Problemfelder ist die berufliche Erst- und Weiterbildung innerhalb des dualen Berufsausbildungssystems nach wie vor das vorherrschende Modell zur Rekrutierung von Fachkräften. Allerdings haben sich in den letzten Jahren die Strukturen innerhalb der Gesellschaft, in der internationalisier-ten Ökonomie und in den Unternehmen und damit die Bedingungen für den Aufbau und langfristigen Erhalt von Qualifikationen grundlegend geändert. Im Zentrum des Projekts stehen drei innovative Modelle einer vorausschauenden Personal- und Or-ganisationsentwicklung in Unternehmen. Der Zielsetzung des Herausarbeitens von Rahmenbedingungen und der Kriterien, nach denen Unternehmen ihre Personal- und Organisationsentwicklung ausrichten, folgt das Verbundprojekt durch die Analy-se und den Vergleich der Personal- und Organisationsentwicklung in unterschiedli-chen Branchen und Wirtschaftsunternehmen.

Den empirischen Kern des Projekts bilden drei Untersuchungsfelder zur Neuaus-richtung der betrieblichen Personal- und Organisationsentwicklung, die von den wis-senschaftlichen Forschungsinstituten arbeitsteilig in verschiedenen Wirtschaftsbran-chen (Öffentlicher Dienst, Einzelhandel, Metall- und Elektroindustrie) bearbeitet wer-den.

In einem ersten Ansatz „Versetzungsabteilungen im öffentlichen Dienst und in der privaten Wirtschaft“ wird durch organisatorische Maßnahmen – wie beispielsweise die Bildung von unternehmensinternen Arbeitsagenturen – die Vermittlung von Per-sonal auf dem internen Arbeitsmarkt verbessert, um Freisetzungen zu verhindern und Qualifizierungsmaßnahmen zu koordinieren (Teilvorhaben IAQ Duisburg-Essen und Universitätsklinikum Köln).

In einem zweiten Ansatz „Aufstiegs- und Karrierewege im Handel“ werden be-triebliche Konzepte zur Förderung beruflicher Karrieren sowie branchenspezifische Aufstiegsfortbildungen im Einzelhandel daraufhin überprüft, inwieweit sie geeignet sind, den in quantitativer und qualitativer Hinsicht benötigten Fach- und Führungs-kräftenachwuchs zu sichern (Teilvorhaben IAQ Duisburg-Essen).

In einem dritten Ansatz werden die Strukturprinzipien von „Unternehmensüber-greifenden Lernallianzen“ (Ausbildungskooperationen sowie –verbünde von selbst-ständigen Unternehmen innerhalb der Region und/oder Branche) in der Metall- und Elektroindustrie ausgelotet. Dabei werden Bedingungen untersucht, wie diese Aus-bildungspartnerschaften sich verändern und langfristig gesichert werden (Teilvorha-ben ISF München).

Im Rahmen quantitativer Analysen und auf der Grundlage bestehender Datensät-ze wird in einer Querschnittsfragestellung der Verbreitung der innovativen Ansätze der Organisations- und Personalentwicklung nach Unternehmenstypen und Wirt-schaftszweigen nachgegangen (Teilvorhaben Universität Bamberg).

 

Durchführende Stellen: Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ), Universität Duisburg-Essen; Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V., ISF München; Professur für Arbeitswissenschaft, Universität Bamberg

Projektteam: Dr. Dorothea Voss-Dahm, Gernot Mühge; Christine Franz (IAQ), Prof. Dr. Olaf Struck, Matthias Dütsch (Universität Bamberg), Dr. Klaus Schmierl (ISF)

Projektleitung: Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ), Universität Duisburg-Essen

Förderung: Das Vorhaben wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung im Rahmen der Förderinitiative „Balance von Flexibilität und Stabilität in einer sich wandelnden Arbeitswelt“ gefördert. Betreut wird das Projekt vom Projekt-träger im DLR, Arbeitsgestaltung und Dienstleistungen.

Laufzeit: 06/2009 bis 04/2013

Kontakt: dorothea.voss-dahm@uni-due.de, klaus.schmierl@isf-muenchen.de und www.bops-projekt.de

 

Forschungsprojekt: Evaluation der Leistungen zur Beschäftigungs-förderung nach §16e SGB II: Operationalisierung und Exploration von Beschäftigungsfähigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe

 

Langzeitarbeitslosigkeit hat negative Auswirkungen auf die betroffenen Personen, die sich wechselseitig oft reproduzieren und zu einem dauerhaften Verbleib im Hilfebezug führen können. Dazu zählen unter anderem: begrenzter Zugang zu ökonomischen Ressourcen, Gefährdung der Beschäftigungsfähigkeit, Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe.

Beschäftigungsförderung nach §16e SGB II sieht für diese Personengruppe besondere Leistungen vor, nämlich „Beschäftigungszuschüsse“ an den Arbeitgeber als Ausgleich für „zu erwartende Minderleistungen“. Unter welchen Bedingungen können die so geförderten Arbeitsverhältnisse langfristig zu einer Steigerung des Arbeitsvermögens der Betroffenen beitragen und sie damit in die Lage versetzen, an der Erwerbswelt teilzuhaben? Diese Frage steht im Zentrum des Projekts.

Die Analyse kann sich hier nicht auf das Erwerbsleben allein beschränken. Nicht nur das spezifische Arbeitsumfeld geförderter Beschäftigung, sondern auch die individuelle biografische Perspektive der Betroffenen, ihre biografischen Pläne und ihr Selbstbild sind wesentlich für die Bildung von Arbeitsvermögen. Lebensweltliche Aktivitäten wie die Integration in private soziale Netzwerke oder das Engagement in sozialen, kulturellen und Bildungstätigkeiten spielen eine bedeutsame Rolle. Dabei bestehen Interdependenzen zwischen den Aktivitäten in der Erwerbs- und der Lebenswelt.

Die qualitativ angelegte Explorationsstudie untersucht in einer Längsschnittperspektive: Unter welchen Bedingungen fördern oder behindern die Leistungen nach §16e SGB II die gesellschaftliche Teilhabe und die Entwicklung von Arbeitsvermögen? Welche Optionsräume eröffnen sich für die Betroffenen? Wie gestalten sich die Interdependenzen zwischen Erwerbs- und Lebenswelt? Unterscheidet sich die Genese von Arbeitsvermögen in geförderter Beschäftigung von derjenigen in marktvermittelter „regulärer“ Beschäftigung?

Zentrale Dimensionen der Untersuchung sind die Entwicklung biografischer Perspektiven, die Entwicklung von Arbeitsvermögen, die funktionale und soziale betriebliche Integration, die soziale und kulturelle Teilhabe und die Entwicklung sozialer Netzwerke.

 

Durchführende Stelle: Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung – ISF München

Projektteam: PD Dr. Sabine Pfeiffer, Petra Schütt, Tobias Ritter

Projektpartner: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)

Förderung: Aus Mitteln des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Vom IAB finanziertes Teilprojekt der „Evaluation der Leistungen der Beschäftigungsförderung nach §16e SGB II“

Laufzeit: Juli 2009 bis Dezember 2010

Kontakt: sabine.pfeiffer@isf-muenchen.de, petra.schuett@isf-muenchen.de, tobias.ritter@isf-muenchen.de

 

Forschungsprojekt: Konsumentenarbeit. Zur Einbindung der Arbeitskraft von Konsumenten in den betrieblichen Produktions-prozess

 

Untersuchungsgegenstand des Projekts ist die zunehmende systematische Einbindung der Arbeitskraft von Konsumenten in betriebliche Prozesse durch Verlagerung von Funktionen auf private Kunden von Unternehmen bzw. auf private Nutzer von Unternehmensangeboten im Internet. Zentrales Ziel des Vorhabens ist es empirisch zu untersuchen, wie, warum und mit welchen Auswirkungen Betriebe dies praktizieren und sich Konsumenten daran beteiligen.

Als empirische Grundlage dienen komplexe Betriebsfallstudien in ausgewählten Bereichen mit Fokus auf neue internetvermittelte Formen des Zugriffs auf Arbeitsleistungen von Konsumenten:

Analysiert werden betriebliche Strategien der produktiven Nutzung und wirtschaftlichen Verwertung privater Arbeit und deren Folgen für die Unternehmen. Komplementär dazu sollen die Motivationen und Nutzungspraktiken bei den sich an den entsprechenden betrieblichen Angeboten beteiligenden Konsumenten erfasst werden. Im Wechselspiel mit den empirischen Arbeiten erfolgt die Entwicklung eines in Bezug auf den Untersuchungsgegenstand erweiterten Verständnisses der zentralen arbeitssoziologischen Konzepte „Betrieb“ und „Arbeit“.

 

Durchführende Stelle: Technische Universität Chemnitz, Professur Industrie- und Techniksoziologie

Projektteam: Dipl.Soz. Tabea Beyreuther, Dipl.Soz. Christian Eismann, Dipl.Soz. Sabine Hornung, Dr. Frank Kleemann, Prof. Dr. G. Günter Voß

Projektleitung: Prof. Dr. G. Günter Voß, Dr. Frank Kleemann

Förderung: DFG

Laufzeit: 2009 – 2011

Kontakt: guenter.voss@phil.tu-chemnitz.de

 

Forschungsprojekt: Implizite Verträge unterschiedlicher Beschäftig-tengruppen angesichts gewandelter Arbeitsvertragsformen – Re-ziprozität in Tauschbeziehungen aus Inhalts- und Prozessperspek-tive

 

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen haben einen Wandel der Ar-beitsverhältnisse zur Folge. Neben die herkömmlichen Normalarbeitsverhältnisse treten neue, flexiblere Formen des Tausches von Arbeitskraft gegen Entgelt. Ob sich zugleich auch die impliziten Verträge zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer verän-dern, welche über den juristischen Arbeitsvertrag hinausgehende wechselseitige Er-wartungen und wahrgenommene Verpflichtungen umfassen, wird im Rahmen des Forschungsprojektes untersucht. Das Vorhaben zielt darauf ab, mögliche Verände-rungen zu analysieren, indem die impliziten Verträge unterschiedlicher Beschäftig-tengruppen empirisch erfasst und gegenübergestellt werden.

Fragestellung: Das Projekt befasst sich zum einen mit der Frage nach den Re-ziprozität begründenden Tauschinhalten zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern in transaktionalen respektive relationalen formalen Vertragsverhältnissen. Zum ande-ren sind die dahinter liegenden Abwägungs-, Aushandlungs- und Entwicklungspro-zesse zu identifizieren, die zur Herausbildung von Reziprozitätsvorstellungen im Ar-beitsverhältnis führen. Zielsetzung ist es, die Austauschnormen in den Arbeitsbezie-hungen zu untersuchen und zugleich die Aushandlungsmechanismen und Reziprozi-tätsbewertungen unter den Vertragspartnern zu erschließen.

Forschungsmethoden: Im Rahmen einer qualitativen Herangehensweise werden in einem ersten Schritt die impliziten Verträge unterschiedlicher Beschäftigtengrup-pen untersucht und kontrastierend gegenübergestellt: einerseits Normalarbeitnehmer mit eher relationalen Verträgen, andererseits Arbeitskräfte in flexiblen, eher transak-tionalen Vertragsarrangements. Die Untersuchung der Beschäftigten unter Normal-arbeitsbedingungen bezieht sich vornehmlich auf die Branchen Maschinenbau, Chemie- und Elektroindustrie. Arbeitskräfte in flexiblen Beschäftigungsverhältnissen werden in Branchen, wie z. B. der Medien, der Informationstechnologien sowie der Beratung vermutet.

Im Rahmen von leitfadengestützten Interviews mit den Beschäftigten werden Sta-tionen der Berufsbiographie, persönliche Wertorientierung, Arbeitsidentität, Charakte-ristika der Tauschbeziehung, allgemeine Erwartungen, ausgehandelte Versprechun-gen sowie der Umgang mit Enttäuschungen thematisiert.

In einem zweiten Schritt wird die Perspektive der Unternehmen erfasst, indem spie-gelbildliche Interviews mit Personalverantwortlichen geführt werden. Die Auswertung der Interviews erfolgt mit Hilfe der qualitativen Inhaltsanalyse sowie ergänzenden Fallportraits.

Im letzten Schritt geht es darum, Übereinstimmungen bzw. Unstimmigkeiten zwi-schen Individuums- und Organisationsperspektive zu analysieren, indem ermittelt wird, ob und in welchem Ausmaß die sich in impliziten Verträgen ausdrückenden Er-wartungen von Individuen und sie beschäftigenden Organisationen korrespondieren. Anvisiert ist die Herausarbeitung von Mustern im Hinblick auf die implizite Vertrags-gestaltung und Reziprozitätserwartungen, um gegebenenfalls Typen von impliziten Verträgen zu identifizieren, die sich jedoch nicht notwendigerweise an den formalen Vertragskonstellationen orientieren müssen.

Die Ergebnisse der Forschung sollen darüber hinausgehend Hinweise darauf ge-ben, wie das Transformationsproblem der Arbeit vor dem Hintergrund gewandelter Bedingungen in verschiedenen formalen Vertragsarrangements gelöst werden kann.

 

Durchführende Stelle: Lehrstuhl für Arbeitsorganisation und Arbeitsgestaltung am Institut für Arbeitswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum

Projektteam: Prof. Dr. Heiner Minssen, Dr. Pamela Wehling, Sonja Teupen

Kooperationspartner: Lehrstuhl für Arbeitsmanagement und Personal am Institut für Arbeitswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum

Förderung: DFG

Laufzeit: 2009 – 2011

Kontakt: pamela.wehling@rub.de

 

Forschungsprojekt: „LANCEO – Balanceorientierte Leistungspolitik: Ansätze zur leistungspolitischen Gestaltung der Work-Life-Balance“

Das Verbundprojekt „Lanceo“ untersucht betriebliche Leistungspolitik als zentrales Feld zum Verständnis aktueller Probleme der Work-Life-Balance sowie zu deren Gestaltung. Unter „Work-Life-Balance“ wird dabei die Antwort auf die Frage verstanden, wie in einer flexiblen Arbeitswelt das Verhältnis von „Arbeiten“ und „Leben“ so gestaltet werden kann, dass Leistungsfähigkeit und Lebensqualität nicht im Widerspruch zueinander stehen, sondern sich vielmehr wechselseitig verstärken.

Aktuelle Herausforderungen für die Work-Life-Balance liegen in einem Umbruch in den betrieblichen Prinzipien der Leistungssteuerung, die ein neues Verhältnis von Zeit und Leistung implizieren. Unter Bedingungen ergebnisorientierter, „indirekter“ Steuerungsprinzipien sind nicht länger die vorhandenen Ressourcen und die Leistungsfähigkeiten der Beschäftigten, sondern vielmehr marktorientierte Benchmarks und abstrakte Renditeerwartungen der zentrale Bezugspunkt für die Definition von Leistungs- und Ergebniszielen. Zugleich wird die Bewirtschaftung von Zeitmengen tendenziell ersetzt durch eine Ökonomie der Zeitpunkte.

Dies bedeutet, dass der gewohnte Ansatz, Work-Life-Balance in erster Linie über Instrumente der Arbeitszeitpolitik zu gestalten, ins Leere laufen kann. Vielmehr müssen die Prinzipien und Instrumente der Leistungssteuerung selbst in den Mittelpunkt gestellt werden.

Hier setzt das Verbundvorhaben „Lanceo“ an: Sein zentrales Ziel besteht darin, betriebliche Maßnahmen und individuelle Kompetenzen, die zu einer ausgewogeneren Work-Life-Balance von Beschäftigten führen, zu entwickeln und systematisch aufeinander zu beziehen. Der zentrale Ansatzpunkt ist dabei die betriebliche Leistungs-politik. Im Zentrum der Projektarbeiten steht daher die Entwicklung eines Gestaltungs-konzepts balanceorientierter Leistungspolitik. Das konkrete Gestaltungsfeld sind die Instrumente, Methoden und Verfahren der unmittelbaren Leistungssteuerung in verschiedenen Tätigkeits- bzw. Unternehmensfeldern sowie die Entwicklung der individuellen Kompetenzen zum gelungenen Umgang mit den widersprüchlichen Anforderungen aus Arbeit und Leben. Das Projekt berücksichtigt dabei insbesondere die Mehrdimensionalität von Work-Life-Balance: Es geht nicht nur um die Balance von Ergebnisvorgaben und Arbeitszeit, sondern darum, alle Dimensionen von Leistungs-steuerung und des Verhältnisses von Arbeit und Leben in eine ausgewogene und sozial nachhaltige Relation zu bringen: Arbeitszeit und „Lebenszeit“, Anforderungen und Ressourcen, aber auch zu erbringende Leistung und (materielle und immaterielle) Anerkennung, heutige Anstrengung und die Perspektiven zukünftiger Entwicklung, Verausgabung und Erholung sowie Quantität und Qualität von Arbeit.

 

Durchführende Stelle: Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. – ISF München (Verbundkoordination), Institut für Autonomieforschung – Cogito e.V., Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Arbeitsgruppe Arbeits- und Organisationspsychologie am Institut für Psychologie, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Professur für Betriebswirtschaftslehre, insbes. Organisation und Personal, Endress + Hauser GmbH & Co. KG, Maulburg

Projektteam: Dipl.-Psych. Carolina Bahamondes Pavez, Prof. Dr. Thomas Breisig, Dr. Wolfgang Dunkel, Dr. Nick Kratzer, Jürgen Laimer, Dr. Wolfgang Menz, Dipl.-Soz. Sarah Nies, Dr. Stephan Hinrichs, Dr. Klaus Peters, Jörg Stadlinger, Dr. Gerlinde Vogl, Barbara Wilde

Förderung: Bundesministeriums für Bildung und Forschung, Mittel des Europäischen Sozialfonds. Betreut wird das Projekt vom Projektträger im DLR Arbeitsgestaltung und Dienstleistungen

Laufzeit: 1. August 2009 bis 30. April 2013

Kontakt: wolfgang.menz@isf-muenchen.de

 

Forschungsprojekt: Produktionsforschung 2020

Im Auftrag des BMBF bearbeitet der Lehrstuhl Wirtschafts- und Industriesoziologie der TU Dortmund in Kooperation mit ca. 20 Forschungseinrichtungen und Unternehmen sowie dem VDMA eine Studie unter dem Titel „Produktionsforschung 2020“. Das Konsortium wird vom Institut für Produktionsmanagement, Technologie und Werkzeugmaschinen (PTW) der Technischen Universität Darmstadt koordiniert. Das Ziel ist die Entwicklung eines neuen produktionstechnologischen Forschungsprogramms des BMBF, das das bisherige Rahmenkonzept „Forschung für die Produktion von morgen“ ab 2011 ablösen soll.

Die Produktionsforschung leistet einen wesentlichen Beitrag zur Steigerung der Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes. In Zeiten struktureller Umbrüche kommt ihr eine besonders wichtige Aufgabe zu. Gefragt sind eine aktive und vorausschauende Technologieentwicklung und die rasche Reaktion auf den sozialen und ökologischen Wandel, damit die industrielle Produktion auch langfristig im Wettbewerb bestehen und sich den stets neuen Anforderungen stellen kann. In sechs Arbeitsgruppen sollen die standortrelevanten Wettbewerbsfaktoren ermittelt, der Handlungsbedarf abgeleitet und der Forschungsbedarf ermittelt werden. Der Lehrstuhl Wirtschafts- und Industriesoziologie ist gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), Stuttgart, für das Arbeitspaket „Qualifikation und Wissen“ verantwortlich.

 

Durchführende Stelle: Technische Universität Dortmund, Lehrstuhl Wirtschafts- und Industriesoziologie

Projektteam: Prof. Dr. Hartmut Hirsch-Kreinsen, Dr. Jörg Abel, Dr. Peter Ittermann

Projektleitung: Technische Universität Darmstadt, Institut für Produktions-management, Technologie und Werkzeugmaschinen (PTW) (Koordinator)

Förderung: BMBF

Laufzeit: 2/2009 bis 12/2009

Kontakt:joerg.abel@tu-dortmund.de

 

Forschungsprojekt: TRUST – Teamwork in unternehmensüber-greifenden Kooperationen

Hochqualifizierte Wissens- und Entwicklungsarbeit ist in der Automobilindustrie fast ausschließlich Projektarbeit. Dabei kooperieren verschiedene Unternehmen, Fachdisziplinen und Unternehmenskulturen. Die Interessen der Partner können sich unterscheiden und teilweise widersprüchlich sein. Solche heterogenen Kooperationen stellen besonders kleine und mittelständische Unternehmen vor immer wieder neue Anforderungen und Risiken.

Vertrauen ist in solchen Projekten unerlässlich, um die Kooperation fruchtbar zu gestalten und die Kreativität und Stabilität der Prozesse zu erhöhen. Situativ können aber Loyalitätskonflikte und Macht- und Ressourcenkämpfe zwischen den Partnern auftreten.

Deshalb ist Projektarbeit gerade in global organisierter Kooperation Gegenstand weit reichender organisatorischer, juristischer und technischer Formalisierung. Diese Formalisierung wirkt aber oft nicht nur vertrauensförderlich, sondern auch vertrauensverhindernd, etwa durch übertriebene Kontrolle und ausufernden Aufwand. Es fehlen bisher konkrete Handlungsempfehlungen, wie die Spannungen zwischen Flexibilität, Stabilität und Vertrauen aufgelöst werden können.

Das Projekt erforscht, wie Vertrauen in unternehmensübergreifenden Projekten bei möglicherweise wechselnder Konstellation der Partner generiert werden kann. Drei Faktoren stehen dabei im Blickpunkt: die verschiedenen Arten von Projektorganisation und -struktur, die Regulierung der Projektorganisation auf formeller und informeller Ebene und die Rolle des Vertrauens in der Zusammenarbeit. Es geht darum, wie Vertrauen entsteht und immer wieder neu gebildet wird, wie eine vertrauensförderliche Projektorganisation aussieht und welche Kompetenzen die Mitarbeiter dafür benötigen.

Diese Fragen werden gemeinsam mit Zulieferunternehmen der Automobilindustrie untersucht. Dabei stehen die impliziten Fähigkeiten der Beschäftigten in der Teamarbeit im Mittelpunkt – sowohl im Umgang mit formalen Strukturen als auch jenseits davon. Es geht um die Ausprägungen von Erfahrungswissen und Arbeitsvermögen im alltäglichen Innovationshandeln und um deren Rolle beim Aufbau von Vertrauen in Kooperationsprozessen.

 

Durchführende Stelle: Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung – ISF München.

Projektteam: PD Dr. Sabine Pfeiffer, Stefan Sauer

Koordination: Technische Universität Darmstadt, Fachgebiet Arbeit, Technik und Gesellschaft am Institut für Soziologie

Kooperationspartner:

  • Unternehmenspartner: Marquard GmbH, EM engineering methods AG, Umicore AG & Co. KG, Brose Fahrzeugteile GmbH & Co. KG, Mann + Hummel GmbH, ZF Sachs AG
  • Beratungs- und Verbandspartner: VIA Consult GmbH & Co. KG, RLE Rhein Main Produktentwicklungsgesellschaft GmbH, IG Metall Vorstand, Abt. Bildungspolitik, Zentralverband der Elektro- und Elektronikindustrie (ZVEI)
  • Forschungspartner: Technische Universität Darmstadt, Fraunhofer Institut für Arbeitswissenschaft und Organisation IAO

Förderung: Aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und des Europäischen Sozialfonds. Betreuung: Projektträger im DLR Arbeitsgestaltung und Dienstleistungen.

Laufzeit: August 2009 bis Juli 2013

Homepage: www.trust-teamwork.de

Kontakt: sabine.pfeiffer@isf-muenchen.de, stefan.sauer@isf-muenchen.de

 

Forschungsprojekt: Verred – Vertrauen in flexiblen Unterneh-men – reflexiv, erfahrungsbasiert, dynamisch. Neue Verfahren zur Bewältigung der Risiken des Wandels

Warum ist das Thema Vertrauen so wichtig?

Infolge neuer Technologien, Organisationsformen und gewandelter Werte hat das Thema Vertrauen in vielen Unternehmen in den letzten Jahren an Bedeu-tung gewonnen: Die Verringerung hierarchischer Kontroll- und Überwachungs-instrumente kann nicht ohne Vertrauen realisiert werden.

Warum ein Projekt zum Thema Vertrauen?

Die Entstehung von Vertrauen ist an stabile personenbezogene soziale Bezie-hungen und ein weitgehend stabiles organisatorisches Umfeld gebunden. Durch die Reorganisation in Unternehmen werden jedoch soziale Rahmenbe-dingungen, die traditionell Vertrauensbeziehungen ermöglicht haben, infrage-gestellt. Ziel des Projekts ist die Entwicklung einer neuen reflexiv (gezielt geför-derten) erfahrungsbasierten Vertrauensbeziehung in einer dynamischen Umwelt.

Was soll im Projekt gemacht werden?

In dem Projekt werden verschiedene Schwerpunkte bearbeitet, die von theore-tischer Grundlagenarbeit bis hin zur Entwicklung spezifischer Organisationsmo-delle und Gelegenheitsstrukturen reichen.

Konzeptuelle Grundlagen und allgemeine Handlungsprinzipien für ein reflexives und erfahrungsbasiertes Vertrauen

Vertrauen ist keine fraglose Selbstverständlichkeit (mehr), die sich weitgehend ungeplant ergibt (traditionelle Perspektive der „trust relations“). Im Rahmen ei-ner flexiblen Organisation müssen Vertrauensbeziehungen in besonderer Wei-se „gewollt“ und entwickelt werden. Anstelle eines nur präreflexiven Vertrauens (Luhmann) ist nun eine neue reflexive Vertrauenskultur notwendig. In einem dynamischen Umfeld bestehen jedoch besondere Schwierigkeiten Vertrauen aufzubauen. Die Forschungsfrage ist daher, in welcher Weise es möglich ist, in einem dynamischen Umfeld bewusst solche Erfahrungsräume zu gestalten, auf deren Grundlage Vertrauen entstehen kann. Wir knüpfen diesbezüglich an neu-ere Forschungen zur Rolle des Erfahrungswissens und impliziten Wissens an. Darüber hinaus ist der Frage nachzugehen, in welcher Weise es notwendig und möglich ist, die Entwicklung neuer Vertrauensbeziehungen durch die Festle-gung allgemeiner verbindlicher Handlungsgrundsätze zu flankieren. Wesentlich erscheint hierbei, dass die Unternehmen als ein für sie verbindliches Hand-lungsprinzip die soziale Verantwortung für die Bewältigung von Ambivalenzen und Risiken des organisatorischen Wandels verankern.

 

Durchführende Stelle: ISF München e.V.

Projektteam: Prof. Dr. Fritz Böhle, Dr. Annegret Bolte, Dr. Stephanie Porschen, Dr. Sabine Pfeiffer, Dipl.-Soz. Stefan Sauer, Dipl.-Soz. Judith Neumer

Förderung: Dieses Vorhaben wird mit Mitteln des Bundesministeriums für Bil-dung und Forschung sowie des Europäischen Sozialfonds unter dem Förder-kennzeichen 01FH09036 gefördert.

Laufzeit: 01.07.2009 – 30.04.2013

Kooperationspartner: CAS Software AG, Glomb Feinblechbearbeitung GmbH & Co. KG, Maschinenbau Jessenitz GmbH

Kontakt: judith.neumer@isf-muenchen.de

 

Forschungsprojekt: Ökonomie mit Vielfalt, im Rahmen des Bundes-programmes XENOS – Integration und Vielfalt

Kann Vielfalt (bzw. Diversity) in Unternehmen ökonomisch sicht- und nutzbar gemacht werden? Sind die (zum organisationalen Überleben) notwendigen Selektionsmechanismen in Organisationen rational sinnvoll zu begründen, oder ist es rational(er) neue Wege zum Umgang mit Diversitäten zu erschließen?

Seit dem 1. August 2009 bearbeitet der Lehrstuhl für Arbeitsorganisation und -gestaltung als Konsortialführer das Projekt "Ökonomie mit Vielfalt", das im Rahmen des Bundesprogrammes XENOS – Integration und Vielfalt angesiedelt ist.

Um den ökonomischen Wert von Vielfalt konkret sichtbar und nutzbar machen zu können, wird ein Beratungs- und Trainingsprozesses konzipiert, der pilothaft mit neun kleinen und mittleren Unternehmen im Ruhrgebiet erprobt und evaluiert werden soll. So wird bisher ungenutztes Marktpotenzial – das durch teilweise diskriminierende Selektionsmechanismen bisher übersehen wird – identifiziert und an die sich beteiligenden Unternehmen kommuniziert. Eine argumentative Verzahnung inner-organisatorischer Strukturen mit einer Abbildung des Marktes soll dabei den beteiligten Unternehmen brachliegende Potenziale aufzeigen.

Durch eine breit angelegte Evaluationsmethodik erweitert dieses Projekt bestehende Diversity-Ansätze, die häufig kaum über einen appellativen und normativen Charakter hinaus reichen und somit selten nachhaltig Bestand haben. Die Erfahrungen der dadurch erzeugten „Good-Practice“-Beispiele fließen in ein Ausbildungskonzept für MultiplikatorInnen und das Modul „Diversitymanagement“, das am Institut für Arbeitswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum implementiert und umgesetzt wird.

 

Durchführende Stelle: Ruhr-Universität Bochum, Institut für Arbeitswissenschaft, Lehrstuhl für Arbeitsorganisation- und Arbeitsgestaltung und weitere Partner

Projektteam: Patricia Schütte M.A., Dipl.-Soz. Wiss. Mara Erlinghagen

Projektleitung: Prof. Dr. Heiner Minssen, Dr. Pamela Wehling

Förderung: 7. RP der EU

Laufzeit: 2009 – 2012

Kontakt: mara.erlinghagen@rub.de, patricia.schuette@rub.de

 

Mitteilung

Habilitation

Kumulierte Habilitation: Leib – Stoff – Dialektik. Skizzen eines allgemeinsoziologischen Forschungsprogramms aus der Perspektive von Arbeit

Sabine Pfeiffer (ISF München) hat sich habilitiert, die allgemeine "venia legendi" in Soziologie wurde erteilt von der FernUniversität Hagen, Fachbereich Kultur- und Sozialwissenschaften. Der Titel der kumulierten Habilitationsschrift ist “Leib – Stoff – Dialektik. Skizzen eines allgemein-soziologischen Forschungsprogramms aus der Perspektive von Arbeit”. Sie wurde vorgelegt im Dezember 2008. Der Vortrag zur Habilitation “Hunger in der Überflussgesellschaft. Die gesellschaftliche (Nicht-)Bewältigung eines als überwunden geglaubten Phänomens” fand statt am 01. September 2009. Die Gutachter waren Prof. Dr. Dr. Wieland Jäger, Prof. Dr. Uwe Schimank und Prof. Dr. Fritz Böhle.