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Juni

Editorial:

Arbeits- und Industriesoziologische Studien

Die Arbeits- und Industriesoziologischen Studien haben inzwischen im Umfeld der sozialwissenschaftlichen Forschung und Literatur zum Problem moderner Arbeit und Betriebsverhältnisse einen anerkannten Platz gefunden. Die bisherigen Ausgaben haben erfreuliche Resonanzen nicht nur aus der Mitgliedschaft der Sektion Arbeits- und Industriesoziologie bekommen. Dies bekräftigt die Herausgeberinnen und Herausgeber in ihrer Zielsetzung zwar ein Organ für die schnelle und unkomplizierte Information der ‚Sektion‘ zur Verfügung zu stellen, aber zugleich nach und nach ein breiteres Publikum zu erreichen. Zudem soll weiterhin eine mittlere Linie verfolgt werden, zwischen einerseits einem zeitnahen und kompakten Informationsdienst und einem wissenschaftlichen Journal mit klaren Qualitätskriterien. Ganz in diesem Sinne enthält die jetzige Ausgabe nun einige der Beiträge der Sektionssitzung der Arbeits- und Industriesoziologie auf dem Kongress für Soziologie in Jena im Oktober 2008.

Dies ist zum einem (und wir sagen gerne: vor allem) die schriftliche Widergabe des von Wolfgang Dunkel und Margit Weihrich mit Burkart Lutz geführten Gesprächs. Anlass dieses Gespräch war die Ehrung von Burkart Lutz durch die Deutsche Gesellschaft für Soziologie, die ihm den Preis für sein herausragendes wissen-schaftliches Lebenswerk überreichte. Die Sektion ihrerseits wollte mit diesem bemerkenswerten ‚Interview‘ Burkart Lutz nicht nur als ihr langjähriges Mitglied, sondern als einer der Gründungsväter des Fachs in seiner kaum zu über-schätzenden Bedeutung mit großer Dankbarkeit würdigen. Neben der Ehrung der Person und seines Werks ist das Gespräch aber zugleich ein beeindruckender Rückblick auf die lange Geschichte des Fachs, von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in die jüngste Aktualität. Und es wird mehr denn je deutlich wie intensiv Burkart Lutz das Fach durchgehend geprägt und gefördert hat.

Zum anderen dokumentiert diese Ausgabe drei der in der Sektionssitzung zum Thema „Macht Berater“ gehaltenen Vorträge. Das Thema war gewählt worden, einmal weil die Berater, und genau genommen die inzwischen breit etablierte ‚Beraterindustrie‘, eine immer weiter zunehmende Bedeutung für die Entwicklung moderner Arbeits- und Betriebsverhältnisse haben. Es ist kein Wunder, dass ergänzend zum schon länger kursierenden Schlagwort des Managerkapitalismus in jüngster Zeit nun auch von „Beraterkapitalismus“ gesprochen wurde. Zum zweiten wurde des Thema aber auch gewählt, weil immer mehr Kolleginnen und Kollegen der Arbeits- und Industriesoziologie selbst in der einen oder anderen Weise als ‚Berater‘ im weitesten und unterschiedlichsten Sinne tätig sind. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass das Beratungsgewerbe zu einem wichtigen Markt oder Berufsfeld für Arbeits- und IndustriesoziologInnen geworden ist. Dem wollte der Vorstand der Sektion bewusst Rechnung tragen.

Ausgewählt wurden bewusst drei sehr unterschiedliche Beiträge: Dies ist zum einen der Vortrag von Roland Springer („Der Berater als Arbeitskraftunternehmer“), der als inzwischen etablierter und erfolgreicher industriesoziologischer Berater für große Industriebetriebe einerseits als Praktiker und Betroffener argumentiert, andererseits als Wissenschaftler auch einen reflektierend analytischen Blick auf sein Gewerbe vorstellt. Sascha Liebermann und Thomas Loer („Krisenbewältigung oder Verantwortungsdelegation? Analytische Anmerkungen zum Arbeitsbündnis in fallorientierter Beratung von Organisationen“) gehen danach intensiver auf die konkrete Arbeit von Beratern ein, in dem nach den Bedingungen des Gelingens der Beratungsbeziehung und damit nach dem „Arbeitsbündnis“ beider Seiten und dessen möglichen unterschiedlichen Ausprägungen gefragt wird. Sylvia Marlene Wilz („Was macht der Berater? Aufgaben, Funktionen und Macht von Beratern am Beispiel der Personalberatung“) nähert sich den Beratern handlungstheoretisch. Ihr Thema ist das mikropolitische Handeln von Beratern und ihren Klienten bzw. Auftraggebern in Organisationen; also die Interaktion und Kommunikation der Akteure und damit die alltägliche Praxis als Quelle von Macht. Basis sind Befunde einer explorativen Studie zur Arbeit von „Headhuntern“.

Die Herausgeber/innen hoffen, dass auch mit diesen Themen und Beiträgen der Diskussionskultur in der Arbeits- und Industriesoziologie wertvolle neue Impulse gegeben werden. Wir wünschen eine anregende Lektüre und hoffen auch diesmal auf konstruktive Kritik an dieser Ausgabe der AIS-Studien.

 

Die Herausgeber/Innen

Burkart Lutz

Industriesoziologie zwischen Subjekt- und Strukturbezug: Im Gespräch mit Burkart Lutz

Burkart Lutz wurde auf dem 34. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Jena 2008 Verleihung der Preis der DGS für ein hervorragendes wissen-schaftliches Lebenswerk verliehen. Aus diesem Anlass veranstaltete die Sektion Arbeits- und Industriesoziologie einen Gesprächsabend mit Burkart Lutz. Im Verlauf dieses Gesprächs wurde die theoretische Frage nach der Bedeutung des Subjekt- und Strukturbezugs in der industriesoziologischen Analyse sowohl mit der Geschichte der Industriesoziologie als auch mit seiner Biographie verknüpft. Die wesentlichen Teile dieses Gespräch werden im vorliegenden Artikel wiedergegeben.
At the 34th congress of the German Sociology Society (Deutsche Gesellschaft für Soziologie) in Jena 2008, Burkart Lutz has been awarded the DGS prize for his outstanding lifework. On this occasion, the Section Work and Industrial Sociology hosted a round of talks with Burkart Lutz. The theoretical question about the meaning of subject-reference and structural-orientation in the industrial-sociological analysis has been linked to the history of industrial sociology as well as to his biography in the course of this talk. Crucial parts of this talk will be reproduced in this article.

Roland Springer

Der Berater als Arbeitskraftunternehmer. Zur Funktion und Qualifikation eines modernen Dienstleistungsberufs

Berater sind Wissens-Lieferanten, die einen wachsenden Wissensmarkt mit Know- how unterschiedlichster Art versorgen. Ihre Kunden kaufen ihre Dienstleistungen, weil sie diese nicht selbst erbringen können oder wollen. Beratung ist in hohem Maße People Business, in dem das Wissen und die persönliche Erfahrung des einzelnen Beraters sowie die persönliche Kundenbeziehung eine entscheidende Rolle spielen. Dies prädestiniert Berater zu Arbeitskraftunternehmern, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen entweder als selbständige Freelancer ihren Kunden auf eigene Rechnung selbst verkaufen oder als angestellte Berater von Dritten verkaufen lassen. Beratungsunternehmen handeln daher immer nicht nur mit abstraktem Know- how, sondern mit konkreten Personen, die immer auch vor der Frage stehen, ob sie nicht selbst unternehmerisch tätig werden sollen.
Consultants are know how-suppliers, who, on a growing know how market, offer and sell a wide range of different services. Their customers buy these services, because they are not able to deliver them by themself or don’t want to do this. Consulting to a high degree is People Business, in which the know how and the individual experiences as well as the personel customer relationships are playing a decisive role. Therefore consultants are dedicated to act as Working Craft-Entrepreneurs, selling their know how as freelancers directly to their customers or led do this as employees by their employers. Consulting companies therefore are always dealing not only with an abstract know how but with concrete persons, who are always confronted with the challenge to become employers themself.

Sascha Liebermann, Thomas Loer

Krisenbewältigung oder Verantwortungsdelegation? Analytische Anmerkungen zum Arbeitsbündnis in fallorientierter Beratung von Organisationen

In der sozialwissenschaftlichen Literatur zur Organisationsberatung wird Methoden und Techniken der Beratung viel Aufmerksamkeit gewidmet, nicht aber der Beratungsbeziehung. Allzu schnell wird aus gegenwärtigen Missständen der Beratungspraktiken eine Tugend gemacht oder gar Beratung zur bloßen Geldmacherei erklärt, die für Mittelständler ohnehin unerschwinglich sei. Nach den Bedingungen des Gelingens der Beratungsbeziehung, dem Arbeitsbündnis, wird hingegen kaum gefragt. Der Beitrag greift das in der Professionalisierungstheorie entwickelte Konzept des Arbeitsbündnisses auf, in dessen Zentrum die Rück-gewinnung von Autonomie steht, und prüft, ob und wie es für die Beratung von Organisationen angemessen zu fassen wäre. Dazu wird das Konzept, das der Arzt/ Patient-Beziehung abgelesen wurde, modifiziert, indem Gemeinsamkeiten und Differenzen beider Typen von Klienten bestimmt werden.
Research publications regarding management consulting often focus on skills, techniques and methods, yet neglect to focus on the relationship between the consultant and the client. When addressing deficiencies in consultancy practices and methods, the conditions necessary for a successful consultant-client relationship, the working alliance, are rarely considered. This article, therefore, addresses this issue by adapting the concept of the working alliance as developed in professionalization theory. In addition, it considers how this concept can be transferred adequately to organizations. For this purpose, we show that the concept, which was derived from the dynamic of the doctor-patient relationship, is adaptable and can be modified by responding to similarities and differences between the types of clients in both forms of working alliances.

Sylvia Marlene Wilz

„Was macht der Berater?“ Aufgaben, Funktionen und Macht von Beratern am Beispiel der Personalberatung

Wenn man verstehen will, welche Macht Berater haben, muss man erst einmal wissen, was sie machen. Ausgehend von dieser Behauptung stellt der Beitrag das (mikropolitische Aus)Handeln in Organisationen, die Interaktion und Kommunikation der Akteure, und damit die alltägliche Praxis als Quelle von Macht in den Mittelpunkt. Anhand der Befunde einer explorativen Studie zur Arbeit von „Headhuntern“ wird die These entwickelt, dass die Aufgabe der Berater darin zu bestehen scheint, ein Ritual zu inszenieren, und zwar dafür, dass jemand in eine Position gebracht wird, für die er oder sie sich nicht „offiziell“ qualifizieren muss. Die Analyse des Zusammenhangs von Aufgaben und Funktionen der Beratung zeigt, dass Beratung auch – und vor allem – eine Funktion der Legitimation und Sinnstiftung hat, die die Organisation selbst nicht übernehmen kann, die aber mit Mitteln der Organisation und innerhalb der Organisation erreicht werden soll. Das bedeutet, dass die Machtverhältnisse zwischen Beratern und Beratenen nicht von vornherein zu bestimmen sind, sondern in der Interaktion zwischen den beiden beteiligten Organisationen und ihren Akteuren entstehen.
To understand the power consultants have, one must first understand exactly what they do. Based on this premise, this article focuses on (micropolitical) actions, interactions, and communication between actors in organizations as well as the daily praxis as a source of power. Referring to the results of an explorative study on the work of ‘headhunters’, a hypothesis is developed, stating that the task of consultants seems mainly to be the staging of rituals that allow personnel to acquire positions for which they are not officially qualified. The analysis of the conjunction of tasks and functions of consulting demonstrates that personnel consulting also works as a means to create legitimation and meaning for the organizations’ actions, which the organization cannot create itself; but which must be achieved within the organizational context. This means that the power relations between personnel consultants and the people with which they work are not determined a priori, but emerge between both organizations and the actors in the process.

Mitteilung

Forschungsvorhaben

Forschungsprojekt: AEGIS – Advancing Knowledge-Intensive Entrepreneurship and Innovation for Economic Growth and Social Well-being in Europe

Seit dem 1. Januar 2009 ist der Lehrstuhl Wirtschafts- und Industriesoziologie der TU Dortmund an dem Forschungsprojekt „Advancing Knowledge-Intensive Entrepreneurship and Innovation for Economic Growth and Social Well-being in Europe” (AEGIS) beteiligt. Das internationale Verbundprojekt wird im siebten Forschungsrahmenprogramm der EU gefördert und hat eine Laufzeit von drei Jahren. Insgesamt sind 21 sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Partner aus Europa, China, Indien und Russland beteiligt.

Das AEGIS Projekt analysiert die Beziehungen zwischen Wissen, Wirtschaftswachstum und sozialem Wohlstand in Europa. Im Fokus der Betrachtung steht Knowledge-intensive Entrepreneurship (KIE), das hierbei als notwendiger Transformationsmechanismus bzw. Schnittstelle zwischen dem System der Wissensgenerierung und dem Wirtschaftssystem verstanden wird. Ausgegangen wird davon, dass beide Systeme von einem breiten sozialen Kontext geformt werden, den sie gleichzeitig beeinflussen.

Das Projekt verfolgt 3 Hauptziele:

  • Auf der Mikro-Ebene werden Charakteristika, Grenzen und das Spektrum sowie Motive von KIE untersucht.
  • Auf der Makro-Ebene stehen die Beziehungen zwischen KIE, Wirtschafts-wachstum und sozialem Wohlstand im Zentrum.
  • Auf der Politik-Ebene wird ein systematischer Ansatz unternommen, diverse Politikmaßnahmen zur Unterstützung von KIE zu integrieren.

Der Lehrstuhl Wirtschafts- und Industriesoziologie geht als Koordinator des Arbeitspakets Low-tech Sectors empirisch und konzeptionell der Frage nach, was Knowledge-Intensive Entrepreneurship unter den sich wandelnden Strukturbedingungen traditioneller Industriesektoren bedeuten kann. Insbesondere geht es darum, inwieweit neues Wissen und neue Technologien zur Standortsicherung und Innovationsfähigkeit von Unternehmen aus Lowtech-Sektoren beitragen können, die im Allgemeinen eher geringe Mittel für FuE aufwenden.

Durchführende Stelle: Technische Universität Dortmund, Lehrstuhl für Wirtschafts- und Industriesoziologie und weitere Partner
Projektteam: Prof. Dr. Hartmut Hirsch-Kreinsen, Isabel Schwinge M.A.
Projektleitung: PLANET S.A., Athen (Koordinator)
Förderung: 7. RP der EU
Laufzeit: 2009 - 2011
Kontakt: isabel.schwinge@tu-dortmund.de

 

 

Forschungsprojekt: Re-Flexibilisierung des Rentenübergangs – Neue Möglichkeiten der Gestaltung des Übergangs vom Erwerbs-leben in die Rente

Das Projekt erforscht Bedingungen und Hindernisse für die Nutzung von Instrumenten des vorzeitigen Ausscheidens aus dem Erwerbsleben und des gleitenden Übergangs in den Ruhestand. Ziel ist es, konkrete Umsetzungsmodelle insbesondere auf tariflicher und betrieblicher Ebene zu entwickeln, die möglichst vielen Beschäftigtengruppen auch in Zukunft einen flexiblen Rentenübergang ermöglichen.

Hintergrund: Die Erhöhung des Renteneintrittsalters gehört nicht erst seit der Anhebung der Regelaltersgrenze auf 67 Jahre zu den zentralen Zielen deutscher Rentenpolitik. Bereits mit Beginn der 1990er Jahre wurden die Altersgrenzen für den vorgezogenen Bezug einer Altersrente sukzessive angehoben und Möglichkeiten eines flexiblen Rentenübergangs immer weiter eingeschränkt. Auf der anderen Seite ist die Lage Älterer auf dem Arbeitsmarkt noch immer von hohen Erwerbslosen-quoten, Altersdiskriminierung und dem weitgehenden Fehlen von alterns- und altersgerechten Arbeitsbedingungen gekennzeichnet. Aktuelle Arbeitsmarkt-projektionen weisen darauf hin, dass sich an dieser Situation trotz des demographischen Wandels und der langfristigen Abnahme des Erwerbspersonen-potenzials bis hin ins Jahr 2050 kaum etwas ändern wird. Drohende Folgen sind eine anhaltende Alterserwerbslosigkeit, die Zunahme prekärer Rentenübergänge, niedrigere Renten und eine verstärkte Altersarmut.

Fragestellung: Im Zentrum des Forschungsprojektes steht die Frage, wie auch in Zukunft ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Erwerbsleben und ein gleitender Übergang in den Ruhestand ermöglicht werden können. Entsprechende Lösungswege werden dabei vor allem auf tariflicher und betrieblicher Ebene gesucht. Dazu werden Akteure auf Beschäftigten- wie Unternehmerseite 1. nach ihren Erfahrungen mit Instrumenten eines flexiblen Rentenübergangs, 2. nach weiteren Flexibilisierungsbedarfen, 3. nach ihrer Einschätzung neuer Instrumente und 4. nach möglichen Hindernissen zu deren Umsetzung bzw. Nutzung gefragt. Das Forschungsprojekt verfolgt dabei im Kern eine doppelte Zielsetzung: Zum einen sollen Bedingungen und Hindernisse für die Nutzung flexibler Renten-übergangsmöglichkeiten auf Beschäftigten- wie Unternehmerseite identifiziert werden. Zum anderen sollen darauf aufbauend konkrete Umsetzungsmodelle für verschiedene Gruppen von Lohnabhängigen und Betrieben entwickelt werden.

Untersuchungsmethoden: Die Untersuchung ist empirisch-explorativ angelegt. Dabei kommt eine Triangulation qualitativer und quantitativer Methoden zum Einsatz: 1. eine sekundäranalytische Aufbereitung der verfügbaren Daten zur Entwicklung des Rentenübergangsgeschehens seit Beginn der 1990er Jahre, 2. eine qualitativ-hermeneutische Dokumentenanalyse der Positionen von Gewerkschaften und Unternehmensverbänden zum flexiblen Rentenübergang, 3. überbetriebliche Expertengespräche in Form offener Leitfrageninterviews mit VertreterInnen von Beschäftigten und Unternehmen, 4. vertiefende Betriebsfallstudien, in deren Mittelpunkt fokussierte Interviews mit UnternehmensvertreterInnen, BetriebsrätInnen und Beschäftigten stehen sowie 5. eine flankierende Sekundäranalyse quantitativer branchen- und betriebsbezogener Daten.

Durchführende Stelle: Universität Duisburg-Essen, FB Bildungswissenschaften, Institut für Soziale Arbeit und Sozialpolitik
Projektteam: Prof. Dr. Ute Klammer, M.A. Thilo Fehmel, Dipl.-Pol. Norbert Fröhler
Förderung: Hans-Böckler-Stiftung
Laufzeit: 12/2008 bis 11/2010
Kontakt: norbert.froehler@uni-duisburg-essen.de

 

 

Forschungsprojekt: "Rückenwind für die Betriebsräte?" Eine Analyse betrieblicher Modernisierungskampagnen in der Metall- und Elektroindustrie

Das Projekt analysiert betriebliche Modernisierungskampagnen in der Metall- und Elektroindustrie. Im Zentrum der Untersuchung steht die Kampagne "Besser statt Billiger", die im Bezirk NRW der IG Metall entwickelt und umgesetzt wurde. Ziel der Kampagne ist die Stärkung der Betriebsräte als Promotoren der Innovation in Aushandlungen mit dem Management um betriebliche Modernisierung. Betriebsräte sollen auf kompetente Weise langfristige Modernisierungs- und Konkurrenzstrategien entwickeln und vertreten können und damit Alternativen zu Strategien der kurzfristigen Renditesteigerung eröffnen.

Im Forschungsprojekt werden zwei Frageschwerpunkte untersucht. Der erste Frageschwerpunkt widmet sich der Rekonstruktion der Kampagne und des Kampagnenverlaufs. In diesem Zusammenhang soll den Fragen nachgegangen werden, welche Instrumente zur Stärkung der Handlungsfähigkeit der Betriebsräte entwickelt wurden, ob und in welcher Weise diese Instrumente von Betriebsräten genutzt werden, welche Themen im Einzelnen Gegenstand der Kampagne geworden sind und welche Verbreitung die Kampagne bei den Betriebsräten gefunden hat. Dabei ist zudem danach zu fragen, welche Betriebsräte zur Zielgruppe der Kampagne gehören und welche Entwicklungs- und Verbesserungsmöglichkeiten in den Augen der Träger der Mitbestimmung bestehen.

Der zweite Frageschwerpunkt dreht sich um den Wandel der Mitbestimmung der Betriebsräte als Promotoren der Innovation. Die Promotorenrolle stellt neue Anforderungen und Erwartungen an die Betriebsräte in ihren Austauschbeziehungen mit dem Management, der Belegschaft und der Gewerkschaft. In diesem Zusammenhang ist zu untersuchen, ob sich die Durchsetzungsfähigkeit der Betriebsräte gegenüber dem Management verbessert und sie tatsächlich Einfluss auf die strategische Ausrichtung der Unternehmen nehmen können, ob die Betriebsräte die Beschäftigten in ihre Politik einbeziehen und sie an der Entwicklung dieser Politik beteiligen und ob die Betriebsräte die gewerkschaftlichen Handlungsangebote annehmen. Das Projekt soll aufzeigen, wie weit mit den neuen Rollenerwartungen tatsächlich ein Rollenwandel der Betriebsräte verbunden ist und wo Probleme und Entwicklungsmöglichkeiten der Promotorenrolle liegen.

Das Projekt stützt sich methodisch auf mehrere Pfeiler. Der wichtigste dieser Pfeiler sind betriebliche Fallstudien. Insgesamt sollen 16 Fälle unterschiedlicher Einzelbranchen und Ausgangsbedingungen untersucht werden, davon 6 in Form von Intensivfallstudien und 10 in Form von Kurzfallstudien. Die Kombination aus Intensiv- und Kurzfallstudien soll die Tiefenanalyse der Kampagne und des Rollenwandels der Betriebsräte mit einer Breitenanalyse unterschiedlicher Falltypen der Umsetzung und der Mitbestimmungspraxis verbinden. Zusätzlich zu den Fallstudien werden Experteninterviews mit den Protagonisten der Kampagne bei der Bezirksleitung der IG Metall sowie mit einem Vertreter des Arbeitgeberverbandes Metall NRW durchgeführt. Sie werden ergänzt durch Experteninterviews mit Branchenbezug, in denen Fragen der branchenmäßigen Koordinierung der Kampagne diskutiert werden sollen. Schließlich wird eine standardisierte Befragung der Verwaltungsstellen im Bezirk NRW der IG Metall durchgeführt, um Aussagen zur Verbreitung der Kampagne treffen zu können. Die Projektergebnisse werden im Rahmen betrieblicher und überbetrieblicher Workshops rückgekoppelt.

Durchführende Stelle: Institut Arbeit und Qualifikation, Universität Duisburg-Essen
Projektteam: Dr. Thomas Haipeter, Dr. Steffen Lehndorff, Antonio Brettschneider, Tabea Bromberg
Laufzeit: 01.10.2008 – 31.12.2010
Förderung: Hans Böckler Stiftung
Weitere Infos: www.iaq.uni-due.de

 

 

Forschungsprojekt: SInn – Smarte Innovation. Produktlebens-zyklus- und wertschöpfungsnetzübergreifende Innovations-strategien

Wie stellen sich Betriebe in Anbetracht von aktuellen – aber auch kommenden – Herausforderungen durch den Weltmarkt weiterhin innovationsfähig auf? Wie können die kontinuierlichen Anforderungen innovativ zu sein, bewältigt werden und gleichzeitig gesellschaftliche Entwicklungen ebenso wie Fragen der Kompetenzentwicklung und der Mitarbeiterbeteiligung integriert werden?

Um diesen Fragestellungen nachzugehen und zu untersuchen, wie Innovation noch smarter werden kann, wurde das Forschungsprojekt „SInn – Smarte Innovation“ initiiert. Denn Innovationsprozesse selbst werden mehr und mehr zum Gegenstand von Innovation. Innovation muss immer wieder neu erfunden werden und wird auch zukünftig mehr als bisher zu einer permanenten Herausforderung für Unternehmen. Mit der Methode des Gegenstromprinzips betrachtet SInn Innovation als integralen Bestandteil jedes Prozessschrittes innerhalb des Produktlebenszyklus über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg. Grundsätzlich ist die Daueraufgabe Innovation zwar schon lange kein Thema mehr, das alleine im Bereich Forschung und Entwicklung (FuE) anzusiedeln ist. Jede Abteilung, jede Station im Produktlebenszyklus hat ihren Anteil am Innovationsprozess – oder besser: sie könnte einen haben. Denn immer noch ist eine gar nicht so neue Frage letztlich unbeantwortet: Wie kommt innovationsrelevantes Wissen, wie kommen Innovationsimpulse aus den einzelnen Stationen des Produktlebenszyklus zeitnah und nachhaltig zurück in den FuE-Bereich?

Um Innovationstreiber und -hemmnisse entlang des Produktlebenszyklus zu identifizieren, wurde für SInn ein neues, ganzheitliches, Forschungsdesign entwickelt: PIA, die Produktlebenszyklusorientierte Innovationsverlaufsanalyse. Diese Analysemethode kombiniert Methoden der Sozialwissenschaft mit Elementen der Moderations- und Planspielvisualisierung sowie der agilen IT-Entwicklung. Auf die Weise verfolgen wir konkrete zukunftsweisende Produkte entlang ihres gesamten Produktlebenszyklus. An jeder Station, die das Produkt tatsächlich im Innovations- und Arbeitsprozess durchläuft, werden die jeweils beteiligten Personen einbezogen. Deren ganz konkrete Erfahrungen und Erlebnisse in der Arbeit mit diesen Produkten stehen dabei im Mittelpunkt. Die dann folgende SInn-Analyse umfasst fünf Dimensionen:

Systeme Organisation und Netzwerke, Produktions- und Entwicklungssysteme
Menschen Alle – potenziellen – Innovationsakteure im gesamten Produktlebenszyklus
Antizipation - Neue Märkte, neue Produkte, zukünftige, gesellschaftliche Herausforderungen
Ressourcen Ressourcenschonung bei Produktentwicklung, -einsatz und Herstellung, aber auch der nachhaltige Einsatz der Ressource Mensch
Technologie Produkt- und Prozesstechnologien, neue branchenfremde Technikansätze, IT-Tools

Die SMART-Analyse gibt also einerseits darüber Aufschluss, wie Entwicklungsingenieure, Produktionsmitarbeiter und Servicetechniker in Maschinenbauunternehmen tagtäglich Innovation erleben und gestalten. Andererseits greifen unsere Ergebnisse die Frage auf, wie Innovation trotz verstärktem Kostendruck und in globaler Konkurrenz gelingen kann. Mit unserem Blick auf Technologien stellen wir dar, wo Methoden des Innovations- und Projektmanagements den kreativen Prozess unterstützten und wo sie hemmend wirken.

Durchführende Stelle: ISF München e.V.
Projektteam: Dr. Sabine Pfeiffer (Projektkoordination), Dr. Klaus Schmierl, Dipl.-Soz. Petra Schütt, Dr. Stefanie Weimer, Dipl.-Soz. Daniela Wühr
Förderung: Dieses Vorhaben wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und aus dem Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union gefördert. Betreut wird das Projekt vom Projektträger im DLR Arbeitsgestaltung und Dienstleistungen
Laufzeit: 01.06.2008 bis 31.05.2011
Kooperationspartner:

  • VDMA, IG Metall und ZLW/IMA an der RWTH Aachen
  • Hauni Maschinenbau AG, H. P. Kaysser GmbH & Co. KG,
    TRUMPF Werkzeugmaschinen GmbH & Co. KG, Voith AG und Wittenstein AG

Kontakt: sabine.pfeiffer@isf-muenchen.de; www.smarte-innovation.de

 

Mitteilung

Dissertationsprojekte

Promotionsvorhaben: Zur Bedeutung des Habitus für die Rekrutierung journalistischer Positionseliten

Das Dissertationsprojekt befasst sich mit der Bedeutung des Habitus – der “inkorporierten Klasse“ (Bourdieu 1982, S. 686) – für berufliche Erfolge im journalistischen Feld. Die Autorin möchte in Erfahrung bringen, welche subtilen Selektionsmechanismen neben den offiziell-formalen Auswahlkriterien – wie beispielsweise Schulabschluss oder Volontariat – wirksam sind. Dabei soll besonders die Möglichkeit für Angehörige unterschiedlicher Milieus, in die Riege der journalistischen Positionselite aufzusteigen, in den Blick genommen werden.

Die Verfasserin geht davon aus, dass es im journalistischen Feld – ähnlich wie beispielsweise in Bereichen von Privatwirtschaft, Justiz oder Politik (vgl. Hartmann 2002) – einen spezifischen Habitus-Code gibt, der für eine homogene Personalrekrutierung aus einem bestimmten sozialen Milieu und auf der anderen Seite für den Ausschluss bzw. Selbstausschluss anderer Milieus sorgt. Je nach sozialer Herkunftsschicht kann der Habitus demnach Grenzen oder Möglichkeiten bei Berufswahl und Berufserfolg bestimmen.

 

Forschungsrelevanz

Die Relevanz der Studie begründet sich in der Rolle der Medien als „vierte Gewalt“ in einem Staat mit demokratischer Verfassung. Journalisten haben nach ihrer Berufsethik eine „Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit“ (Deutscher Presserat 2006, Pressekodex, Präambel) – diese Öffentlichkeit setzt sich aus machtvollen und weniger machtvollen Teilöffentlichkeiten zusammen, die milieuspezifisch unterschiedliche Bedürfnisse und Rezeptionsstrategien haben. Die Demokratie weißt den Medien mehrere Funktionen zu – unter anderem, neben der Informationsfunktion, auch eine Kritik-, Kontroll- und Meinungsbildungsfunktion.

Laut der zuletzt 2006 in einer Ergebnisschau zusammengeführten Langzeitstudie ‚jourid’ von Weischenberg/Malik/Scholl rekrutieren sich Journalisten überwiegend aus der gesellschaftlichen Mitte – darüber hinaus verbringen sie auch im Privatleben ihre Freizeit meist mit Berufskollegen, die demselben Milieu entstammen. Die Folge dieser Homogenisierung könnte eine selektive Wahrnehmung von Ereignissen sein – pluralistische Meinungsbildungsangebote werden durch die Barriere der kollektiven Wahrnehmungs- und Wertungsstruktur nicht mehr unterbreitet. Medienmacher produzierten in diesem Falle ihre eigene milieuspezifische Wirklichkeit. Nutzung und Verständnis der medialen Angebote würde Rezipienten vorbehalten bleiben, die Habitusverwandtschaften mit den Verfassern aufweisen, d.h. der so genannten Mittelschicht entstammen.

Die Gefahr dieses Habituszirkels liegt in der Exklusivität der Informationsmöglichkeiten, die dem demokratischen Medienauftrag zuwiderläuft.

 

Untersuchungsmethode:

Mit dem Dissertationsprojekt soll erforscht werden, in welchen sozialen Prozessen sich Selektion konkret vollzieht. Daher wird besonders auf das Bewerbungsgespräch eingegangen.

Die Arbeit fokussiert journalistische Positionseliten (Chefredakteure, Redaktionsleiter). Die Gründe dafür liegen zum einen in der thematischen Definitionsmacht der Entscheider, als auch in ihrem direkten Einfluss auf die Einstellungspolitik des Unternehmens in Bezug auf journalistischen Nachwuchs.

Insgesamt werden drei Gruppen befragt:
1) Redaktionsleiter,
2) Leiter von Journalistenschulen und
3) Schüler von Journalistenschulen.

Die Arbeit ist überwiegend als explorativ-qualitative Studie angelegt. Sie setzt auf einen Methoden-Mix aus standardisierter schriftlicher Befragung, fokussierten Face-to-face-Interviews und Gedächtnisprotokollen.

Das Dissertationsprojekt wird seit Oktober 2008 an der GRASS Münster durchgeführt. Die empirische Erhebung wird spätestens im Juni 2009 abgeschlossen sein. Bisher wurden 15 Interviews geführt.

Durchführung: Klarissa Kunze, M.A.; Graduate School of Sociology Münster;
Gutachter: Prof. Dr. Matthias Grundmann, PD Dr. Armin Scholl
Kontakt: k.kunze@uni-muenster.de