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August

Editorial:

Arbeits- und Industriesoziologische Studien

Die Arbeits- und Industriesoziologie ist eine dezidiert empirische Wissenschaftsdisziplin: Wenn jemand eine arbeits- und industriesoziologische Studie durchführt, dann bedeutet das fast automatisch, dass er oder sie empirische Forschung betreibt. Wenig verwunderlich ist daher, dass die Arbeits- und Industriesoziologie über ein breites Methodenspektrum und ein ausgefeiltes methodisches Instrumentarium verfügt: standardisierte Repräsentativbefragungen gehören ebenso zum Repertoire der Arbeits- und Industriesoziologie, wie Betriebsfallstudien, offene Intensivinterview, Gruppendiskussionen, teilnehmende Beobachtung u.v.m. Gemessen an der zentralen Bedeutung empirischer Forschung ist dann allerdings schon etwas verwunderlicher, dass die angewandeten Methoden in den Forschungsberichten und Veröffentlichungen kaum oder nur kursorisch Erwähnung finden und insgesamt eine systematische Reflexion über Instrumente, methodische Herangehensweisen und Forschungsstrategien weitgehend fehlt. Eine solche Reflexion ist aber notwendiger denn je: Im Zuge der aktuellen Entwicklungsdynamik von Arbeit sind die Methoden und Forschungsstrategien der Arbeits- und Industriesoziologie auf ihre Tauglichkeit und Reichweite hin zu überprüfen. Dies betrifft zum einen die Frage, inwiefern die Soziologie derzeit innovative Methoden bereitstellt, um sozialen Wandel zu erfassen, zum anderen aber auch den Gegenstand von Arbeits- und Industriesoziologie, indem etwa Prozesse der Entgrenzung und Subjektivierung von Arbeit neue Erhebungs- und Auswertungsverfahren erfordern. Die dazu durchgeführten Forschungen zeigen an vielen Stellen, dass die mehrheitlich praktizierten Methoden teilweise an Grenzen stoßen: Fallstudien müssen zum Teil neu konzipiert oder einzelne Verfahren (oft erstmals) genauer reflektiert werden. Manche mit den neuen Themen entstehende Fragestellungen erfordern nicht zuletzt völlig neuartige methodische Zugriffe (etwa bei der Beobachtung) und führen zu methodischen Innovationen. Vor diesem Hintergrund wird nicht zuletzt deutlich, dass die Arbeits- und Industriesoziologie methodische Fragen neu zu stellen hat und die explizite Auseinandersetzung mit methodologischen Überlegungen auf die Agenda setzen muss. Hierbei ergibt sich nicht nur die Chance, die empirische Stärke der Teildisziplin zu untermauern, sondern auch einen Beitrag zu einer innovativen Methodenentwicklung der Soziologie insgesamt zu leisten.

Deshalb stand die Frühjahrstagung 2010 der Sektion Arbeits- und Industriesoziologie in Chemnitz (27./28.05.2010) ganz im Zeichen der, so der Titel, „Forschungsmethodischen Herausforderungen der Entwicklung von Arbeit“. Neun Referate mit im engeren Sinne arbeits- und industriesoziologischen Beiträgen wurden ergänzt durch ein Gastreferat von Irene Götz (München), die Methoden und Methodologie (arbeits-)ethnographischer Studien vorstellte.

In dieser Ausgabe der AIS-Studien sind acht der insgesamt zehn Beiträge der Frühjahrstagung versammelt. Die Beiträge zeigen nicht nur das ganze forschungsmethodologische Spektrum der Arbeits- und Industriesoziologie, sondern auch deren Anpassungs- und Innovationsfähigkeit. Den Anfang macht der Beitrag von Jessica Pflüger, Hans Pongratz und Rainer Trinczek, die über die Ergebnisse eines DFG-Projekts zu den methodologischen Herausforderungen der arbeits- und industriesoziologischen Fallstudienforschung berichten. Im Anschluss daran fragen Sarah Nies und Dieter Sauer nach dem historischen Wandel des „Betriebs“ und der daraus resultierenden Konsequenzen für die Fallstudienforschung. Im Gegensatz zu den ersten beiden Beiträgen, in denen der Betrieb die wesentliche Ebene empirischer Forschung darstellt, fokussieren Arno Georg, Christina Meyn und Gerd Peter die Arbeitsebene und stellen mit dem methodologischen Konzept der „Arbeitssituationsanalyse“ einen interdisziplinären Forschungsansatz vor. Nach diesen drei eher konzeptionellen Artikeln, werden in den weiteren Artikeln konkrete empirische Vorgehen beschrieben: Janis Diekmann, Brigitte Petendra, Stefan Sauer, Christian Schilcher und Marc Ziegler stellen dar, wie sie „Vertrauen in unternehmensübergreifenden Kooperationsbeziehungen“ untersuchen. Frank Bauer, Philipp Fuchs, Manuel Franzmann und Matthias Jung stellen eine Implementationsstudie zur Umsetzung der unbefristet geförderten Beschäftigung nach § 16e SGB II vor, in der verschiedene Heuristiken und Methoden in einem gestuften Untersuchungskonzept integriert werden. Im Beitrag von Andreas Hirseland, Natalie Grimm und Tobias Ritter wird eine subjektorientierte, qualitative Paneluntersuchung von Langzeitarbeitslosen vorgestellt. Martin Wetzel präsentiert Vorgehen und Ergebnisse einer quantitativen Mehrebenenanalyse der „Subjektivierung von Arbeit“. Abschließend gibt Irene Götz einen Einblick in die Methodik (arbeits)ethnographischer Untersuchungen: Ihr besonderes Augenmerk liegt dabei bei Beobachtungen und ihrer Textualisierung als wesentliche Methoden einer „Ethnographie der Nähe“.

Die HerausgeberInnen wünschen eine anregende Lektüre. Rückmeldungen, Anmerkungen und Anregungen sind wie immer herzlich willkommen.

Die Herausgeber/Innen

Jessica Pflüger, Hans Pongratz und Rainer Trinczek

Methodische Herausforderungen arbeits- und industriesoziologischer Fallstudienforschung

Auch vor dem Hintergrund aktueller Veränderungen von Erwerbsarbeit bleibt die Fallstudie aufgrund ihrer vielgestaltigen Einsatzmöglichkeiten eine zentrale Forschungsstrategie für die Arbeits- und Industriesoziologie. Sie steht jedoch vor einer Reihe von Herausforderungen, die eine wesentlich intensivere Reflexion methodischer und methodologischer Probleme erfordern als bisher üblich. Offene Fragen bestehen vor allem im Hinblick auf die Fallkonstruktion, die Methodenkombination und den Theoriebezug. Da auch die internationale Diskussion zur Case Study Methodology erst am Anfang steht, sind kaum lehrbuchmäßige Lösungen verfügbar. Fallstudienempirie erfordert deshalb eine Reihe von projektspezifischen forschungsstrategischen Entscheidungen: klare Schwerpunktsetzung in den Erkenntniszielen, eine gezielte (und begründete) Auswahl von methodischen Variationen und die bewusste Reflexion praktischer Forschungserfahrungen innerhalb und zwischen Forschungsteams.
Major transitions in the world of work pose challenges for Case Study Research in Sociology of Work and Industrial Relations. Although the case study as a research strategy will remain important in that specific academic field, there is an intensified need for methodological reflection. Issues at hand primarily concern the definition and construction of case units, the combination of multiple methods and perspectives as well as the integration of theory into case study research. International Case Study Methodology so far offers very little solutions to those problems. Therefore, research with case studies invariably depends on taking project-specific strategic decisions. To meet the mentioned challenges we especially see potential in focusing clearly on research aims, distinctly choosing method combinations and explicitly reflect on tacit research knowledge within and between research teams.

Sarah Nies, Dieter Sauer

Was wird aus der Betriebsfallstudie? Forschungsstrategische Herausforderungen durch Entgrenzung von Arbeit und Betrieb

Wohl kaum eine Forschungsstrategie hat die Arbeits- und Industriesoziologie über die Jahre so geprägt wie die Betriebsfallstudie. Schon in der Gründungsphase der Disziplin war die am Einzelbetrieb orientierte Fallstudienforschung nicht nur das vorherrschende empirische Verfahren, sondern schien auch die logische methodische Konsequenz der zentralen Forschungsfragen dieser Zeit. Auch am ISF München hat sich ein spezifischer, theoriegeleiteter Zugang der Fallstudienforschung entwickelt, der sich vor allem durch einen auch theoretisch begründeten Fokus auf den Betrieb (über das theoretische Konzept des Betriebsansatzes) und durch die zentrale Stellung des Vermittlungsproblems von Empirie und Theorie auszeichnete. Die theoretische Konzeption des Betriebsansatzes bot dabei die Grundlage für analytische Kategorien, anhand derer auf der konkreten empirischen Ebene – im Betrieb – gesamtgesellschaftliche Entwicklungen identifiziert und interpretiert werden sollten. Gegenwärtige Tendenzen der Entwicklung von Arbeit stellen die Fallstudie als Forschungsstrategie vor neue Herausforderungen: Angsichts der Auflösung betrieblicher Außengrenzen in Folge von Dezentralisierung, Vernetzung und Globalisierung und der Tendenzen einer Subjektivierung von Arbeit, die die fordistische Grenzziehung zwischen Arbeitskraft und Person durchlässig werden lassen, stösst das auf den Einzelbetrieb fokussiertes Fallstudienkonzept an seine Grenzen. Am Beispiel der früheren und der aktuellen Fallstudienpraxis am ISF München geht der Beitrag diesen Herausforderungen und den forschungsstrategischen Bewältigungsversuchen nach und stellt die Frage nach der Zukunft kritischer Fallstudienforschung.
The enterprise case study may have been the most dominant research strategy in sociology of work and industry in the last decades. Even in the founding stage of the discipline, case study research focused upon a single enterprise was the prevailing empirical research practice, and it also appeared as a logical and methodological consequence of the central research issues of that time. At the ISF Munich, a specific theory-guided approach of case study research has developed, characterized most notably by a special focus on enterprise (based upon the theoretical concept of the „enterprise approach“) and on the problem of mediation between theory and practice. The concept of the enterprise approach offered a theoretical foundation for analytical categories which allowed for an identification and interpretation of general social developments upon a concrete empirical level, namely the enterprise. Current tendencies of the development of work are posing new challenges for case studies as a research strategy: by the dissolution of external boundaries of enterprises due to decentralization, networking and globalization, a case study concept focused upon a single enterprise is pushed to its limits. The same is true for tendencies of subjectivation of work that amount to a dissolution of the fordist boundaries between workforce and person. This contribution investigates these challenges and certain coping strategies, using the development of the case study research practice at the ISF Munich as an example, and discusses the future of this research strategy.

Arno Georg, Christina Meyn, Gerd Peter

Arbeitssituationsanalysen subjektivierter Arbeit – ein interdisziplinärer Ansatz

Die vorliegende Abhandlung stellt den Versuch dar, durch eine Aktualisierung der phänomenologischen Arbeitsforschung Grundlagen und Voraussetzungen aufzuzeigen, die zu einer Erneuerung interdisziplinärer Arbeitsforschung notwendig sind. Ausgangssituation der Betrachtung ist die Ausdifferenzierung und Entgrenzung gesellschaftlicher Arbeit und Reproduktion, die ein ganzheitliches Arbeitsverständnis in den Mittelpunkt rückt, das über Erwerbsarbeit hinausgeht. Das Ganze der Arbeit neu zu bestimmen heißt dann auch, Gegenstand und Methoden der Arbeitsforschung in einen neuen Zusammenhang zu bringen. Hierzu wird die Typik der Arbeitssituationen als zukünftig gemeinsamen Gegenstand vorgeschlagen, die über eine duale Arbeitsanalyse objektivierender und subjektivierender Vorgehensweisen erfasst werden können.
This paper is an attempt - via an update of phenomenological work research - to identify the fundamentals and prerequisites which are necessary for a new interdisciplinary work research. We start with a discussion of the ongoing differentiation and subjectivation of labour and social reproduction. This development emphasizes the need for a holistic understanding of work going beyond wage labour. Defining the “entirety of work” in a new way also means to put the subject and methods of work research into a new context. For this purpose typical work situations are proposed to be the future common subject of work research. These can be described by a dual work analysis using both qualitative and quantitative methods.

Janis Diekmann, Brigitte Petendra, Stefan Sauer, Christian Schilcher, Marc Ziegler

Dem Vertrauen auf der Spur.

Die Rekonstruktion von Vertrauensverhältnissen in unternehmensübergreifenden Kooperationen Das Forschungsprojekt TRUST untersucht die Rolle von Vertrauen in unternehmensübergreifenden Kooperationen in der Automobilindustrie. In diesem Beitrag stellen wir eine spezifische methodologische Herangehensweise vor, die eine enge Verzahnung von Theorie und Empirie vorsieht und einen explorativen Charakter hat. Statt einen vordefinierten Begriff abzufragen, wird mittels eines dreistufigen Verfahrens die Entstehung, Bedeutung und Pflege von Vertrauen über die Kontexte erschlossen, in denen Vertrauen innerhalb der sozialen Praxis eingebunden und entfaltet wird.
The research project TRUST seeks to analyse the impact of trust on cross-organisational engineering cooperations in the automotive industry. The paper presents a special methodological approach based on the interdependency of theoretical and empirical data. The analysis is explorative. We argue that analysing trust by exploring its socio-practical context with a three-step method gives deeper insight than to simply interrogate pre-defined terms of trust.

Frank Bauer, Philipp Fuchs, Manuel Franzmann, Matthias Jung

Implementation unbefristet geförderter Beschäftigung (§ 16e SGB II) – methodische Zugänge zur Erforschung des Umsetzungshandelns in der Arbeits- und Sozialverwaltung

Im Rahmen einer Implementationsstudie untersuchen wir die Umsetzung von § 16e SGB II, gemäß dem ein Arbeitgeber, der einen Langzeitarbeitslosen mit weiteren Vermittlungshemmnissen einstellt, einen Zuschuss zu den Lohnkosten von bis zu 75 % erhalten kann. Erscheint nach Ablauf einer zweijährigen Förderung eine Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt auch in den beiden folgenden Jahren als nicht möglich, soll das Arbeitsverhältnis entfristet und die öffentliche Förderung dauerhaft, d.h. potenziell bis zur Verrentung, aufrechterhalten werden. Das Interesse der Untersuchung richtet sich auf die Akteure der Umsetzung (also die ARGEn und Optionskommunen) und deren Lösung der mit ihr verbundenen Handlungsprobleme. Der Studie liegen zwei sich ergänzende Heuristiken zugrunde: Zum einen der „Akteurszentrierte Institutionalismus“ (vgl. Mayntz/Scharpf 1995), der die akteursbezogene soziologische Steuerungsforschung mit der regel- und institutionsorientierten Governance-Forschung verbindet, sowie zum anderen das aus der Ethnologie stammende Konzept der „Aneignung“, das den Fokus richtet auf Prozesse der Interpretation des Neuen, Anzueignenden und sein Einpassen in die schon vorhandenen Strukturen und Handlungsvollzüge; mit ihm lässt sich die Tatsache analytisch erfassen, dass das Gesetz in wesentlichen Dimensionen verändert und sogar zweckentfremdet wurde, ohne dass dies Ausdruck bewusster strategischer Manipulation wäre, sondern vielmehr den Akteuren im Zuge ihrer Umsetzungsanstrengungen unterläuft. Verzahnt sind die genannten Heuristiken mit der Auswertungsmethode der Objektiven Hermeneutik, die in besonderer Weise dazu geeignet ist, hinter den verschiedenen Umsetzungsstrategien stehende implizite Annahmen und Erklärungsmuster zu rekonstruieren, welche sich einer einfachen Abfragbarkeit entziehen. Inhaltlich konzentriert sich der Beitrag auf die Analyse von offenen, nichtstandardisierten Interviews mit für die Umsetzung Verantwortlichen bei den ARGEn und Optionskommunen (Geschäftsführern, Bereichsleitern).
This article is based on a study examining the implementation of § 16e SGB II. According to this law, an employer is entitled to a wage subsidy of up to 75 % for the employment of a formerly longterm unemployed person with additional obstacles to placement. If after a two-year period of employment the employee still proves to lack any chances of unsubsidized employment, tenure is to be granted and the wage subsidy to be paid for an unlimited period of time, potentially up to the time of retirement. Our study is focused on the actors of implementation (the employment agencies for the longterm unemployed) and their solution of the action problem at hand. In this study, two mutually supplemental heuristics are applied: On the one hand the “actor-centred institutionalism” (see Mayntz/Scharpf 1995) which combines actor focused sociological steerage research with governance research focusing on rules and institutions, and on the other hand the concept of “assimilation” derived from ethnology. The latter is concerned with processes of interpretation of things new and to be adopted and the ways of integrating them into given structures and routines of action. By using this heuristic it can be properly explained why by some actors the law was changed and even misappropriated in crucial dimensions. This shouldn’t be regarded as an expression of conscious strategic manipulation; it’s on the contrary much more a process which unconsciously occurs to the actors during the process of implementation. The mentioned heuristics are interlocked with the analytic strategy of objective hermeneutics, which is particularly well suited for the reconstruction of the implicit assumptions and explanatory patterns on which the implementation strategies are based and which usually defy accessibility through direct questioning. The article focuses on the analysis of open, non-standardized interviews with actors in charge of the implementation on behalf of the employment agencies of the longterm unemployed (executive directors and divisional directors).

Andreas Hirseland, Natalie Grimm, Tobias Ritter

Aktivierung zur Arbeit? – Zum Gegenstandsbezug qualitativer Forschungsansätze in der Arbeitslosenforschung in Zeiten des SGB II

Wie können Wirkungen der durch die Reform des SGB II geprägten Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik auf die Individuen untersucht werden? Der Beitrag stellt die Methode der qualitativen Paneluntersuchung vor. Vorzug dieser Methode ist, dass die subjektiven Relevanzhorizonte der Betroffenen, ihre daran orientierten Handlungslogiken und deren Reinterpretation und somit entsprechende Neu- und Umorientierungen im Verlauf des Hilfebezugs analysiert werden können. Insbesondere durch Fallvergleiche kann die Relevanz biographischer und sozialer Kontexte für ein Leben im Hilfebezug verdeutlicht und die unterschiedlichen Wirkungsweisen institutioneller Praktiken von Arbeitslosengeld II-Trägern auf die Erwerbsorientierung der Betroffenen beschrieben werden. Der Beitrag diskutiert dies auch unter Berücksichtigung der heterogenen Zusammensetzung der Hilfeempfänger im SGB II und verweist mit zwei Falldarstellungen auf unterschiedliche Wege zur Überwindung des Hilfebezugs.
How can effects of labour market- and social politics, which are shaped by new regulations for long term unemployed through the German Social Code Book II (SGB II), on the individual be investigated? The paper introduces qualitative panel methods for this purpose. Thereby, the subjective frames of relevance for those who are affected by these provisions – i.e. long term unemployed persons - can be taken into special consideration. Furthermore, the rationale behind their actions as well as their reinterpretations and with that new and different orientations over the period of their dependency on the welfare system can be considered. The impact of biographic as well as social contexts can be illustrated very well by comparing different cases. This also helps to understand better how institutional actions of welfare service providers influence the orientation of their clients towards employment. These issues are discussed taking into consideration the heterogeneous composition of the group of people who rely on the provisions of the SGB II. Two case descriptions show different ways to overcome the dependency on unemployment benefits.

Martin Wetzel

Die Mehrebenenanalyse als Werkzeug der Arbeitssoziologie

Zum Nutzen von Analysen im Zeitverlauf bei Untersuchungen von aktuellen arbeitssoziologischen Fragestellungen Viele Forschungsfragen der Arbeitssoziologie beziehen sich auf Wandlungsprozesse von Arbeit über die Zeit. Dieser Beitrag möchte exemplarisch – am Beispiel der praktischen Dimension der Subjektivierung von Arbeit (Kleemann et al. 2003) – zeigen, dass diese Prozesse durch die Anwendung neuerer quantitativer Methoden wie die Mehrebenenanalyse untersucht werden können. Benutzt man sie als Längsschnittanalyse, dann handelt es sich um eine Regressionstechnik, die für jedes Individuum eine eigene Entwicklung über die Zeit schätzt. Die sich daraus ergebenden Vorteile sind, dass individuelle Effekte (z. B. Bildung, Geschlecht) und strukturelle Effekte (z. B. Tertiärisierung) getrennt voneinander kontrolliert und dadurch auch Ausdifferenzierungsprozesse abgebildet werden können. Solch ein Vorgehen kann die qualitative Forschung gewinnbringend ergänzen.
The sociology of work often deals with questions concerning the changing process of work over time. For this purpose, this article examines – by analysing the practical dimension of subjectivisation of work (Kleemann et al. 2003) – the possibilities of a current quantitative approach – multilevel analysis. This statistical method can be used for investigating longitudinal data. Multilevel analysis is a type of regression analysis. The advantage of this method is the ability to estimate individual trends over the time. In this way, the procedure enables the examination of both individual effects (e.g. education, sex, migration) and structural effects (e.g. tertiarisation). Furthermore, multilevel analysis allows for the investigation of processes of heterogenisation. Such an approach complements the primary qualitative research of the sociology of work.

Irene Götz

Ethnografien der Nähe – Anmerkungen zum methodologischen Potenzial neuerer arbeitsethnografischer Forschungen der Europäischen Ethnologie

Arbeitsethnografische Forschungen der Europäischen Ethnologie, die in den letzten 15 Jahren über Phänomene des Arbeitens und Lebens unter postfordistischen Bedingungen entstanden sind, basieren unter anderem auf einem interdisziplinären Austausch mit der Arbeits- und Industriesoziologie, an deren Konzepten „Subjektivierung“ und „Entgrenzung“ sich die Europäische Ethnologie teilweise orientiert. Trotz vieler Gemeinsamkeiten beider Disziplinen unterscheiden sie sich auch in ihren Arbeitsweisen. Anhand vier empirischer Fallbeschreibungen werden die Spezifika und Potenziale ethnografischen Arbeitens aufgezeigt. So können mit Hilfe der Methoden- und Quellentriangulation kulturelle Formen und symbolische Praktiken von Softwareentwicklern bzw. unabhängigen Finanzberatern im Sinne von Clifford Geertz „dicht beschrieben“ werden. Eine induktive, partizipative Vorgehensweise und ein kontextorientierte Deutung der Erzählungen von Arbeitern einer kleinen Bilderrahmen-Fabrik lassen symbolisch belegte Objekte und Arbeitspraktiken erkennen und eröffnen Schlüsselmotive des Verstehens von Innensichten. Anhand der Milieustudie eines Friseursalons wird Einblick in Praktiken der „Emotionsarbeit“ gegeben und ein ethnografischer Schreibstil aufgezeigt, der auch auf die Diskussion über die spätmoderne „Krise der Repräsentation“ reagiert.
Ethnographic research projects in European Ethnology/ Cultural Anthropology dealing with phenomenons of work and life under postfordistic conditions in the last 15 years are based on an interdisciplinary approach, which has adapted some concepts and tools of Sociology of Work and Industry, especially questions of “subjectivation”(Subjektivierung”) and “delimitation” (“Entgrenzung”). This paper points out some of the heuristic questions which these neighbouring disciplines have in common and then stresses some of the specific characteristics and potentials of the ethnographic approach in this research field by presenting four empirical case studies. They demonstrate how a “triangulation” of methods and sources can help reconstructing cultural patterns and symbolic practices in the work of software engineers and self-employed financial consultants. A participant observation and an inductive context-orientated analysis of the narratives of migrant workers in a small-sized handicraft- enterprise show symbolic working practices and shed light on informal hierarchies from an insiders’ point of view. The last case study about the special “atmosphere” of a hairdresser’s shop as a result of various ongoing acts of the employees’ emotional work illustrates a special genre and style of ethnographic writing. “Thick Descriptions” (Clifford Geertz) are suggested to be an adequate answer on the postmodern problem of representation.

Mitteilung

Forschungsvorhaben

Forschungsprojekt: AEGIS – Advancing Knowledge-Intensive Entrepreneurship and Innovation for Economic Growth and Social Well-being in Europe

Seit dem 1. Januar 2009 ist der Lehrstuhl Wirtschafts- und Industriesoziologie der TU Dortmund an dem Forschungsprojekt „Advancing Knowledge-Intensive Entrepreneurship and Innovation for Economic Growth and Social Well-being in Europe” (AEGIS) beteiligt. Das internationale Verbundprojekt wird im siebten Forschungsrahmenprogramm der EU gefördert und hat eine Laufzeit von drei Jahren. Insgesamt sind 21 sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Partner aus Europa, China, Indien und Russland beteiligt.

Das AEGIS Projekt analysiert die Beziehungen zwischen Wissen, Wirtschaftswachstum und sozialem Wohlstand in Europa. Im Fokus der Betrachtung steht Knowledge-intensive Entrepreneurship (KIE), das hierbei als notwendiger Transformationsmechanismus bzw. Schnittstelle zwischen dem System der Wissensgenerierung und dem Wirtschaftssystem verstanden wird. Ausgegangen wird davon, dass beide Systeme von einem breiten sozialen Kontext geformt werden, den sie gleichzeitig beeinflussen.

Das Projekt verfolgt 3 Hauptziele:

  • Auf der Mikro-Ebene werden Charakteristika, Grenzen und das Spektrum sowie Motive von KIE untersucht.
  • Auf der Makro-Ebene stehen die Beziehungen zwischen KIE, Wirtschafts-wachstum und sozialem Wohlstand im Zentrum.
  • Auf der Politik-Ebene wird ein systematischer Ansatz unternommen, diverse Politikmaßnahmen zur Unterstützung von KIE zu integrieren.

Der Lehrstuhl Wirtschafts- und Industriesoziologie geht als Koordinator des Arbeitspakets Low-tech Sectors empirisch und konzeptionell der Frage nach, was Knowledge-Intensive Entrepreneurship unter den sich wandelnden Strukturbedingungen traditioneller Industriesektoren bedeuten kann. Insbesondere geht es darum, inwieweit neues Wissen und neue Technologien zur Standortsicherung und Innovationsfähigkeit von Unternehmen aus Lowtech-Sektoren beitragen können, die im Allgemeinen eher geringe Mittel für FuE aufwenden.

Durchführende Stelle: Technische Universität Dortmund, Lehrstuhl für Wirtschafts- und Industriesoziologie und weitere Partner
Projektteam: Prof. Dr. Hartmut Hirsch-Kreinsen, Isabel Schwinge M.A.
Projektleitung: PLANET S.A., Athen (Koordinator)
Förderung: 7. RP der EU
Laufzeit: 2009 - 2011
Kontakt: isabel.schwinge@tu-dortmund.de

 

 

Forschungsprojekt: Re-Flexibilisierung des Rentenübergangs – Neue Möglichkeiten der Gestaltung des Übergangs vom Erwerbs-leben in die Rente

Das Projekt erforscht Bedingungen und Hindernisse für die Nutzung von Instrumenten des vorzeitigen Ausscheidens aus dem Erwerbsleben und des gleitenden Übergangs in den Ruhestand. Ziel ist es, konkrete Umsetzungsmodelle insbesondere auf tariflicher und betrieblicher Ebene zu entwickeln, die möglichst vielen Beschäftigtengruppen auch in Zukunft einen flexiblen Rentenübergang ermöglichen.

Hintergrund: Die Erhöhung des Renteneintrittsalters gehört nicht erst seit der Anhebung der Regelaltersgrenze auf 67 Jahre zu den zentralen Zielen deutscher Rentenpolitik. Bereits mit Beginn der 1990er Jahre wurden die Altersgrenzen für den vorgezogenen Bezug einer Altersrente sukzessive angehoben und Möglichkeiten eines flexiblen Rentenübergangs immer weiter eingeschränkt. Auf der anderen Seite ist die Lage Älterer auf dem Arbeitsmarkt noch immer von hohen Erwerbslosen-quoten, Altersdiskriminierung und dem weitgehenden Fehlen von alterns- und altersgerechten Arbeitsbedingungen gekennzeichnet. Aktuelle Arbeitsmarkt-projektionen weisen darauf hin, dass sich an dieser Situation trotz des demographischen Wandels und der langfristigen Abnahme des Erwerbspersonen-potenzials bis hin ins Jahr 2050 kaum etwas ändern wird. Drohende Folgen sind eine anhaltende Alterserwerbslosigkeit, die Zunahme prekärer Rentenübergänge, niedrigere Renten und eine verstärkte Altersarmut.

Fragestellung: Im Zentrum des Forschungsprojektes steht die Frage, wie auch in Zukunft ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Erwerbsleben und ein gleitender Übergang in den Ruhestand ermöglicht werden können. Entsprechende Lösungswege werden dabei vor allem auf tariflicher und betrieblicher Ebene gesucht. Dazu werden Akteure auf Beschäftigten- wie Unternehmerseite 1. nach ihren Erfahrungen mit Instrumenten eines flexiblen Rentenübergangs, 2. nach weiteren Flexibilisierungsbedarfen, 3. nach ihrer Einschätzung neuer Instrumente und 4. nach möglichen Hindernissen zu deren Umsetzung bzw. Nutzung gefragt. Das Forschungsprojekt verfolgt dabei im Kern eine doppelte Zielsetzung: Zum einen sollen Bedingungen und Hindernisse für die Nutzung flexibler Renten-übergangsmöglichkeiten auf Beschäftigten- wie Unternehmerseite identifiziert werden. Zum anderen sollen darauf aufbauend konkrete Umsetzungsmodelle für verschiedene Gruppen von Lohnabhängigen und Betrieben entwickelt werden.

Untersuchungsmethoden: Die Untersuchung ist empirisch-explorativ angelegt. Dabei kommt eine Triangulation qualitativer und quantitativer Methoden zum Einsatz: 1. eine sekundäranalytische Aufbereitung der verfügbaren Daten zur Entwicklung des Rentenübergangsgeschehens seit Beginn der 1990er Jahre, 2. eine qualitativ-hermeneutische Dokumentenanalyse der Positionen von Gewerkschaften und Unternehmensverbänden zum flexiblen Rentenübergang, 3. überbetriebliche Expertengespräche in Form offener Leitfrageninterviews mit VertreterInnen von Beschäftigten und Unternehmen, 4. vertiefende Betriebsfallstudien, in deren Mittelpunkt fokussierte Interviews mit UnternehmensvertreterInnen, BetriebsrätInnen und Beschäftigten stehen sowie 5. eine flankierende Sekundäranalyse quantitativer branchen- und betriebsbezogener Daten.

Durchführende Stelle: Universität Duisburg-Essen, FB Bildungswissenschaften, Institut für Soziale Arbeit und Sozialpolitik
Projektteam: Prof. Dr. Ute Klammer, M.A. Thilo Fehmel, Dipl.-Pol. Norbert Fröhler
Förderung: Hans-Böckler-Stiftung
Laufzeit: 12/2008 bis 11/2010
Kontakt: norbert.froehler@uni-duisburg-essen.de

 

 

Forschungsprojekt: "Rückenwind für die Betriebsräte?" Eine Analyse betrieblicher Modernisierungskampagnen in der Metall- und Elektroindustrie

Das Projekt analysiert betriebliche Modernisierungskampagnen in der Metall- und Elektroindustrie. Im Zentrum der Untersuchung steht die Kampagne "Besser statt Billiger", die im Bezirk NRW der IG Metall entwickelt und umgesetzt wurde. Ziel der Kampagne ist die Stärkung der Betriebsräte als Promotoren der Innovation in Aushandlungen mit dem Management um betriebliche Modernisierung. Betriebsräte sollen auf kompetente Weise langfristige Modernisierungs- und Konkurrenzstrategien entwickeln und vertreten können und damit Alternativen zu Strategien der kurzfristigen Renditesteigerung eröffnen.

Im Forschungsprojekt werden zwei Frageschwerpunkte untersucht. Der erste Frageschwerpunkt widmet sich der Rekonstruktion der Kampagne und des Kampagnenverlaufs. In diesem Zusammenhang soll den Fragen nachgegangen werden, welche Instrumente zur Stärkung der Handlungsfähigkeit der Betriebsräte entwickelt wurden, ob und in welcher Weise diese Instrumente von Betriebsräten genutzt werden, welche Themen im Einzelnen Gegenstand der Kampagne geworden sind und welche Verbreitung die Kampagne bei den Betriebsräten gefunden hat. Dabei ist zudem danach zu fragen, welche Betriebsräte zur Zielgruppe der Kampagne gehören und welche Entwicklungs- und Verbesserungsmöglichkeiten in den Augen der Träger der Mitbestimmung bestehen.

Der zweite Frageschwerpunkt dreht sich um den Wandel der Mitbestimmung der Betriebsräte als Promotoren der Innovation. Die Promotorenrolle stellt neue Anforderungen und Erwartungen an die Betriebsräte in ihren Austauschbeziehungen mit dem Management, der Belegschaft und der Gewerkschaft. In diesem Zusammenhang ist zu untersuchen, ob sich die Durchsetzungsfähigkeit der Betriebsräte gegenüber dem Management verbessert und sie tatsächlich Einfluss auf die strategische Ausrichtung der Unternehmen nehmen können, ob die Betriebsräte die Beschäftigten in ihre Politik einbeziehen und sie an der Entwicklung dieser Politik beteiligen und ob die Betriebsräte die gewerkschaftlichen Handlungsangebote annehmen. Das Projekt soll aufzeigen, wie weit mit den neuen Rollenerwartungen tatsächlich ein Rollenwandel der Betriebsräte verbunden ist und wo Probleme und Entwicklungsmöglichkeiten der Promotorenrolle liegen.

Das Projekt stützt sich methodisch auf mehrere Pfeiler. Der wichtigste dieser Pfeiler sind betriebliche Fallstudien. Insgesamt sollen 16 Fälle unterschiedlicher Einzelbranchen und Ausgangsbedingungen untersucht werden, davon 6 in Form von Intensivfallstudien und 10 in Form von Kurzfallstudien. Die Kombination aus Intensiv- und Kurzfallstudien soll die Tiefenanalyse der Kampagne und des Rollenwandels der Betriebsräte mit einer Breitenanalyse unterschiedlicher Falltypen der Umsetzung und der Mitbestimmungspraxis verbinden. Zusätzlich zu den Fallstudien werden Experteninterviews mit den Protagonisten der Kampagne bei der Bezirksleitung der IG Metall sowie mit einem Vertreter des Arbeitgeberverbandes Metall NRW durchgeführt. Sie werden ergänzt durch Experteninterviews mit Branchenbezug, in denen Fragen der branchenmäßigen Koordinierung der Kampagne diskutiert werden sollen. Schließlich wird eine standardisierte Befragung der Verwaltungsstellen im Bezirk NRW der IG Metall durchgeführt, um Aussagen zur Verbreitung der Kampagne treffen zu können. Die Projektergebnisse werden im Rahmen betrieblicher und überbetrieblicher Workshops rückgekoppelt.

Durchführende Stelle: Institut Arbeit und Qualifikation, Universität Duisburg-Essen
Projektteam: Dr. Thomas Haipeter, Dr. Steffen Lehndorff, Antonio Brettschneider, Tabea Bromberg
Laufzeit: 01.10.2008 – 31.12.2010
Förderung: Hans Böckler Stiftung
Weitere Infos: www.iaq.uni-due.de

 

 

Forschungsprojekt: SInn – Smarte Innovation. Produktlebens-zyklus- und wertschöpfungsnetzübergreifende Innovations-strategien

Wie stellen sich Betriebe in Anbetracht von aktuellen – aber auch kommenden – Herausforderungen durch den Weltmarkt weiterhin innovationsfähig auf? Wie können die kontinuierlichen Anforderungen innovativ zu sein, bewältigt werden und gleichzeitig gesellschaftliche Entwicklungen ebenso wie Fragen der Kompetenzentwicklung und der Mitarbeiterbeteiligung integriert werden?

Um diesen Fragestellungen nachzugehen und zu untersuchen, wie Innovation noch smarter werden kann, wurde das Forschungsprojekt „SInn – Smarte Innovation“ initiiert. Denn Innovationsprozesse selbst werden mehr und mehr zum Gegenstand von Innovation. Innovation muss immer wieder neu erfunden werden und wird auch zukünftig mehr als bisher zu einer permanenten Herausforderung für Unternehmen. Mit der Methode des Gegenstromprinzips betrachtet SInn Innovation als integralen Bestandteil jedes Prozessschrittes innerhalb des Produktlebenszyklus über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg. Grundsätzlich ist die Daueraufgabe Innovation zwar schon lange kein Thema mehr, das alleine im Bereich Forschung und Entwicklung (FuE) anzusiedeln ist. Jede Abteilung, jede Station im Produktlebenszyklus hat ihren Anteil am Innovationsprozess – oder besser: sie könnte einen haben. Denn immer noch ist eine gar nicht so neue Frage letztlich unbeantwortet: Wie kommt innovationsrelevantes Wissen, wie kommen Innovationsimpulse aus den einzelnen Stationen des Produktlebenszyklus zeitnah und nachhaltig zurück in den FuE-Bereich?

Um Innovationstreiber und -hemmnisse entlang des Produktlebenszyklus zu identifizieren, wurde für SInn ein neues, ganzheitliches, Forschungsdesign entwickelt: PIA, die Produktlebenszyklusorientierte Innovationsverlaufsanalyse. Diese Analysemethode kombiniert Methoden der Sozialwissenschaft mit Elementen der Moderations- und Planspielvisualisierung sowie der agilen IT-Entwicklung. Auf die Weise verfolgen wir konkrete zukunftsweisende Produkte entlang ihres gesamten Produktlebenszyklus. An jeder Station, die das Produkt tatsächlich im Innovations- und Arbeitsprozess durchläuft, werden die jeweils beteiligten Personen einbezogen. Deren ganz konkrete Erfahrungen und Erlebnisse in der Arbeit mit diesen Produkten stehen dabei im Mittelpunkt. Die dann folgende SInn-Analyse umfasst fünf Dimensionen:

Systeme Organisation und Netzwerke, Produktions- und Entwicklungssysteme
Menschen Alle – potenziellen – Innovationsakteure im gesamten Produktlebenszyklus
Antizipation - Neue Märkte, neue Produkte, zukünftige, gesellschaftliche Herausforderungen
Ressourcen Ressourcenschonung bei Produktentwicklung, -einsatz und Herstellung, aber auch der nachhaltige Einsatz der Ressource Mensch
Technologie Produkt- und Prozesstechnologien, neue branchenfremde Technikansätze, IT-Tools

Die SMART-Analyse gibt also einerseits darüber Aufschluss, wie Entwicklungsingenieure, Produktionsmitarbeiter und Servicetechniker in Maschinenbauunternehmen tagtäglich Innovation erleben und gestalten. Andererseits greifen unsere Ergebnisse die Frage auf, wie Innovation trotz verstärktem Kostendruck und in globaler Konkurrenz gelingen kann. Mit unserem Blick auf Technologien stellen wir dar, wo Methoden des Innovations- und Projektmanagements den kreativen Prozess unterstützten und wo sie hemmend wirken.

Durchführende Stelle: ISF München e.V.
Projektteam: Dr. Sabine Pfeiffer (Projektkoordination), Dr. Klaus Schmierl, Dipl.-Soz. Petra Schütt, Dr. Stefanie Weimer, Dipl.-Soz. Daniela Wühr
Förderung: Dieses Vorhaben wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und aus dem Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union gefördert. Betreut wird das Projekt vom Projektträger im DLR Arbeitsgestaltung und Dienstleistungen
Laufzeit: 01.06.2008 bis 31.05.2011
Kooperationspartner:

  • VDMA, IG Metall und ZLW/IMA an der RWTH Aachen
  • Hauni Maschinenbau AG, H. P. Kaysser GmbH & Co. KG,
    TRUMPF Werkzeugmaschinen GmbH & Co. KG, Voith AG und Wittenstein AG

Kontakt: sabine.pfeiffer@isf-muenchen.de; www.smarte-innovation.de

 

Mitteilung

Dissertationsprojekte

Promotionsvorhaben: Zur Bedeutung des Habitus für die Rekrutierung journalistischer Positionseliten

Das Dissertationsprojekt befasst sich mit der Bedeutung des Habitus – der “inkorporierten Klasse“ (Bourdieu 1982, S. 686) – für berufliche Erfolge im journalistischen Feld. Die Autorin möchte in Erfahrung bringen, welche subtilen Selektionsmechanismen neben den offiziell-formalen Auswahlkriterien – wie beispielsweise Schulabschluss oder Volontariat – wirksam sind. Dabei soll besonders die Möglichkeit für Angehörige unterschiedlicher Milieus, in die Riege der journalistischen Positionselite aufzusteigen, in den Blick genommen werden.

Die Verfasserin geht davon aus, dass es im journalistischen Feld – ähnlich wie beispielsweise in Bereichen von Privatwirtschaft, Justiz oder Politik (vgl. Hartmann 2002) – einen spezifischen Habitus-Code gibt, der für eine homogene Personalrekrutierung aus einem bestimmten sozialen Milieu und auf der anderen Seite für den Ausschluss bzw. Selbstausschluss anderer Milieus sorgt. Je nach sozialer Herkunftsschicht kann der Habitus demnach Grenzen oder Möglichkeiten bei Berufswahl und Berufserfolg bestimmen.

 

Forschungsrelevanz

Die Relevanz der Studie begründet sich in der Rolle der Medien als „vierte Gewalt“ in einem Staat mit demokratischer Verfassung. Journalisten haben nach ihrer Berufsethik eine „Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit“ (Deutscher Presserat 2006, Pressekodex, Präambel) – diese Öffentlichkeit setzt sich aus machtvollen und weniger machtvollen Teilöffentlichkeiten zusammen, die milieuspezifisch unterschiedliche Bedürfnisse und Rezeptionsstrategien haben. Die Demokratie weißt den Medien mehrere Funktionen zu – unter anderem, neben der Informationsfunktion, auch eine Kritik-, Kontroll- und Meinungsbildungsfunktion.

Laut der zuletzt 2006 in einer Ergebnisschau zusammengeführten Langzeitstudie ‚jourid’ von Weischenberg/Malik/Scholl rekrutieren sich Journalisten überwiegend aus der gesellschaftlichen Mitte – darüber hinaus verbringen sie auch im Privatleben ihre Freizeit meist mit Berufskollegen, die demselben Milieu entstammen. Die Folge dieser Homogenisierung könnte eine selektive Wahrnehmung von Ereignissen sein – pluralistische Meinungsbildungsangebote werden durch die Barriere der kollektiven Wahrnehmungs- und Wertungsstruktur nicht mehr unterbreitet. Medienmacher produzierten in diesem Falle ihre eigene milieuspezifische Wirklichkeit. Nutzung und Verständnis der medialen Angebote würde Rezipienten vorbehalten bleiben, die Habitusverwandtschaften mit den Verfassern aufweisen, d.h. der so genannten Mittelschicht entstammen.

Die Gefahr dieses Habituszirkels liegt in der Exklusivität der Informationsmöglichkeiten, die dem demokratischen Medienauftrag zuwiderläuft.

 

Untersuchungsmethode:

Mit dem Dissertationsprojekt soll erforscht werden, in welchen sozialen Prozessen sich Selektion konkret vollzieht. Daher wird besonders auf das Bewerbungsgespräch eingegangen.

Die Arbeit fokussiert journalistische Positionseliten (Chefredakteure, Redaktionsleiter). Die Gründe dafür liegen zum einen in der thematischen Definitionsmacht der Entscheider, als auch in ihrem direkten Einfluss auf die Einstellungspolitik des Unternehmens in Bezug auf journalistischen Nachwuchs.

Insgesamt werden drei Gruppen befragt:
1) Redaktionsleiter,
2) Leiter von Journalistenschulen und
3) Schüler von Journalistenschulen.

Die Arbeit ist überwiegend als explorativ-qualitative Studie angelegt. Sie setzt auf einen Methoden-Mix aus standardisierter schriftlicher Befragung, fokussierten Face-to-face-Interviews und Gedächtnisprotokollen.

Das Dissertationsprojekt wird seit Oktober 2008 an der GRASS Münster durchgeführt. Die empirische Erhebung wird spätestens im Juni 2009 abgeschlossen sein. Bisher wurden 15 Interviews geführt.

Durchführung: Klarissa Kunze, M.A.; Graduate School of Sociology Münster;
Gutachter: Prof. Dr. Matthias Grundmann, PD Dr. Armin Scholl
Kontakt: k.kunze@uni-muenster.de