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Dezember

Schwerpunktheft: Theoretische Perspektiven der Arbeits- und Industriesoziologie: Traditionslinien und Herausforderungen

Editorial:

Arbeits- und Industriesoziologische Studien

Im Mittelpunkt der arbeits- und industriesoziologischen Forschung stehen empirische Studien. Für die Arbeits- und Industriesoziologie, so könnte man dies interpretieren, ist es besonders wichtig, den Veränderungen ihres Gegenstandes auf der Spur zu bleiben, sie nicht aus dem Blick zu verlieren: Was tut sich in den Betrieben, wie entwickeln sich Selbstverständnis und Berufsorientierungen von Erwerbstätigen, welche Prozesse verbergen sich hinter den Daten zur Entwicklung am Arbeitsmarkt? Der Anspruch der Disziplin, aus der Analyse der Organisation der gesellschaftlichen Arbeit Folgerungen für das Verständnis gesellschaftlichen Wandels im Allgemeinen zu ziehen, verpflichtet zur sorgfältigen empirischen Arbeit. Die vorletzte Ausgabe dieses Journals widmete sich deshalb den in der Disziplin eingesetzten Methoden.1 Doch empirische Beschreibungen verlangen nach Interpretation und dafür sind theoretische Instrumente notwendig. Mit welchen theoretischen Werkzeugen arbeitet die Disziplin? Welchen gesellschafts- und sozialtheoretischen Traditionen sieht sie sich verpflichtet? Mit welchen Konzepten setzt sie sich aktuell auseinander und erschließt diese damit für die weitere empirische Forschung? Welche neuen theoretischen Anschlüsse zeichnen sich ab?

Diese Fragen reflektieren nicht zuletzt die heute existierende Vielfalt an Optionen, empirische Forschungsergebnisse theoretisch einzuordnen und eigene Konzepte und Ansätze in die Soziologie einzubringen. Die theoretischen Zugänge sind entsprechend ausdifferenziert und heterogen. Wird dies einerseits als Bereicherung begrüßt, klingt andererseits häufig Bedauern an, dass durch die Vielfalt ein gemeinsamer theoretischer Bezugsrahmen verloren zu gehen scheint. Die Frühjahrstagung der Sektion widmete sich deshalb unter dem Titel „Theoretische Perspektiven der Arbeits- und Industriesoziologie: Traditionslinien und Herausforderungen“ am 12./13. Mai 2011 in der Universität Kassel einer Diskussion über die theoretischen Werkzeuge der Arbeits- und Industriesoziologie. Die vorliegende Ausgabe der Arbeitsund Industriesoziologischen Studien macht acht der anlässlich dieser Tagung erarbeiteten Positionen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Die Beiträge informieren über einige der Traditionslinien der Arbeits- und Industriesoziologie und geben der kritischen Auseinandersetzung mit diesen Raum. Zudem werden neue Konzepte vorgestellt, mit denen die Forschung an weitere aktuelle Diskurse anknüpfen kann.

Am Anfang gibt Walter Müller-Jentsch einen kritischen Überblick über die Traditionslinien des ökonomischen und des soziologischen Institutionalismus. Er schlägt für die Arbeits- und Industriesoziologie ein neues Konzept auf Basis des akteurszentrierten Institutionalismus vor, um dem Zusammenhang von Handlung und Struktur besser zu entsprechen und erläutert dies am Beispiel der Montanmitbestimmung. Fritz Böhle, Annegret Bolte, Judith Neumer, Sabine Pfeiffer, Stephanie Porschen, Tobias Ritter, Stefan Sauer und Daniela Wühr bilanzieren die bisherige Entwicklung des Konzepts des subjektivierenden Arbeitshandelns. Für die künftige Arbeit, so die AutorInnen, komme es darauf an, dem subjektivierenden Arbeitshandeln sowohl in der Forschung als auch in der Arbeitspolitik den Stellenwert eines substantiellen Elements jedes Arbeitshandelns zuzuerkennen und dem auch in Fragen der Organisation, des Technikeinsatzes und der Bildung gerecht zu werden. Mathias Heiden eröffnet neue Zugänge zur Kategorie des Konflikts und zur Konflikttheorie unter Rückgriff auf Georg Simmels formale Soziologie. Arbeitskonflikte, so die These, seien als Vergesellschaftungsprozesse zu konzipieren. Stephan Voswinkel setzt die Kategorie der Anerkennung mit der für die Industriesoziologie fundamentalen Kategorie des Interesses in Beziehung, indem er ihre jeweilige Begriffsgeschichte rekonstruiert und nach wechselseitigen Bezügen fragt. Interesse sei reflexiv zu verstehen. Im Begriff der Interessenidentität, so die These, werde greifbar, dass Interessen in Anerkennungsprozessen legitimiert werden können. Linda Nierling befasst sich ebenfalls mit dem Begriff Anerkennung. Sie fragt, welche Bedeutung Anerkennung auch in nicht erwerbsförmiger Arbeit haben kann und wie vor diesem Hintergrund gesellschaftspolitische Strategien zur Relativierung der Bedeutung von Erwerbsarbeit eingeschätzt werden können. Nicht-Erwerbsarbeit in Familie und Ehrenamt, so ihre Folgerung, eröffne wichtige individuell spezifische subjektive Anerkennungspotentiale. Sie könne fehlende Anerkennung durch Erwerbsarbeit nicht ersetzen, biete jedoch wichtige Anknüpfungspunkte für ein umfassendes Verständnis von „guter“ Arbeit und „gutem“ Leben. Brigitte Aulenbacher und Birgit Riegraf stellen einen Ansatz vor, der Erwerbsarbeit in den Rahmen alltäglicher und biografischer Arbeitsarrangements stellt. Sie illustrieren anhand des Berufsfeldes von WissenschaftlerInnen an Universitäten, das sie zur Zeit in einem internationalen Vergleich untersuchen, welchen Erkenntnisgewinn sie von einem Zugriff erwarten, der die konkrete Arbeits- und Berufssituation als Koppelung einander widersprechender Sphären versteht und dabei geschlechtsspezifisch differente Lösungen erwarten lässt. Auch Karin Lohr, Thorsten Peetz und Romy Hilbrich berichten über einen Ansatz zur Untersuchung von Arbeit im nichterwerbswirtschaftlich organisierten Bildungswesen. Sie erproben eine systemtheoretisch angeleitete Interpretation empirischer Befunde und konstatieren, dass die arbeitenden Personen den Erwartungen und Zumutungen der Organisationen, in de-nen sie tätig sind, mit bemerkenswertem Eigensinn begegnen. Das Heft schließt mit einem Beitrag von Tanja Bogusz. Sie eröffnet eine arbeitssoziologische Perspektive im Anschluss an die französische pragmatische Soziologie und fordert dazu auf, u.a. die Frage nach der Möglichkeit koordinierten (Arbeits-)Handelns unter der Bedingung sich widersprechender Referenzen auch mit Hilfe soziokultureller anthropologischer Konzepte zu untersuchen. Dabei erschlössen sich, so die These, nicht nur analytisch interessante, sondern auch arbeitspolitisch relevante Erkenntnismöglichkeiten.

Die vorliegende Ausgabe stellt ein vielfältiges und vielschichtiges Spektrum aktuellen theoretischen Denkens in der deutschen Arbeits- und Industriesoziologie vor. Sie regt zum Weiterdenken und Weiterlesen an und vielleicht auch dazu, in der eigenen Forschung neue theoretische Optionen zu erproben. In diesem Sinne erwarten wir auch von diesem Heft, dass es zur Selbstverständigung und Fortentwicklung der Disziplin nachhaltig beiträgt.

Für die HerausgeberInnen
Heike Jacobsen

 

1 Arbeits- und Industriesoziologische Studien, Jg. 3, Heft 1, August 2010, www.ais-studien.de/home/veroeffentlichungen-11.html

Walther Müller-Jentsch

Kritik und Weiterführung institutionalistischer Theorieansätze in der Arbeits- und Industriesoziologie

In dem Beitrag werden zwei der am häufigsten rezipierten Ansätze des neueren Institutionalismus, der soziologische und ökonomische Neo-Institutionalismus, mit ihren wichtigsten Aussagen vorgestellt und kritisiert (Abschnitte I u. II). Die Kritik dieser von Arbeits- und Industriesoziologen zur theoretischen Erklärung von Institutionen vorwiegend herangezogenen Ansätze ist Ausgangspunkt zur Elaboration eines eigenen Ansatzes: eines ‚erweiterten (akteurzentrierten) Institutionalismus‘. Er verknüpft handlungstheoretische mit strukturalistischen Erklärungen (III). Abschließend wird an einem Fallbeispiel (der Entstehung und Entwicklung der für die deutschen industriellen Beziehungen folgenreichen Institution der paritätischen Unternehmensmitbestimmung in der Montanindustrie) die Erklärungskraft des vorgestellten Theoriegerüsts demonstriert (IV).

Criticism and further elaboration of institutional approaches in industrial soci-ology

The paper discusses two dominant models of institutionalism, sociological and eco-nomic neo-institutionalism, with a critical view on their shortcomings (sections I and II). The criticism of these – by industrial sociologists mostly favored – approaches is succeeded by an elaboration of a new approach, called ‘extended (actor-centered) institutionalism’. It brings together two theoretical threads to analyzing action and structure as linked processes (III). Finally, a case study on the genesis and the socio-political effects of co-determination in the coal and steel industry is added. It shall serve to demonstrate the explanatory capability of the frame of reference outlined before (IV).The paper discusses two dominant models of institutionalism, sociological and eco-nomic neo-institutionalism, with a critical view on their shortcomings (sections I and II). The criticism of these – by industrial sociologists mostly favored – approaches is succeeded by an elaboration of a new approach, called ‘extended (actor-centered) institutionalism’. It brings together two theoretical threads to analyzing action and structure as linked processes (III). Finally, a case study on the genesis and the socio-political effects of co-determination in the coal and steel industry is added. It shall serve to demonstrate the explanatory capability of the frame of reference outlined before (IV).

Fritz Böhle, Annegret Bolte, Judith Neumer, Sabine Pfeiffer, Stephanie Porschen, Tobias Ritter, Stefan Sauer, Daniela Wühr

Subjektivierendes Arbeitshandeln – „Nice to have“ oder ein gesellschaftskritischer Blick auf „das Andere“ der Verwertung?

Der Aufsatz zeigt, wie das Konzept des subjektivierenden Arbeitshandelns zur Ana-lyse der Entwicklung von Arbeit in kritischer Reflexion und mit neuen Ansätzen bei-trägt: Mit der Untersuchung des Arbeitshandelns als Referenzrahmen wird die Per-spektive des Subjekts eingenommen, und damit wird der Blick auf sinnlich-körperliche Erfahrung im Arbeitsprozess möglich. Theoretisch wie empirisch begründet der Artikel die eigenständige Bedeutung subjektivierenden Handelns. In umfangreichen empirischen Untersuchungen erweist sich die Bewältigung von Unwägbarkeiten und Unbestimmtheiten als zentrale Anforderung an menschliche Arbeit, die subjektivierendes Arbeitshandeln und damit verbunden praktisches Erfahrungswissen als wesentliche Elemente menschlichen Arbeitsvermögens benötigt. In der Forderung nach selbstgesteuertem Handeln, das im Sinne kapitalistischer Verwertungslogik transparent und messbar gemacht werden soll, erkennen wir einen in der Subjektivierung von Arbeit angelegten Widerspruch, in den sich subjektivierendes Arbeitshandeln (als nicht formalisierbares Handeln) grundsätzlich nicht einfügt. Mit Bezug auf empirisch fundierte Modelle schließen wir mit einem Plädoyer für eine arbeitspolitische Perspektive, die subjektivierendes Arbeitshandeln als substanzielles Element menschlichen Arbeitsvermögens anerkennt und Formen der Organisation, Technik wie Bildung entwickelt, die dieses Handeln ermöglichen.

Subjectifying work action – “nice to have” or a socio-critical perspective upon “the other” of exploitation?

This article will explain how the concept of subjectifying work action can contribute to critically analyze new developments of work. The concept of subjectifying work action uses work actions of subjects as the point of reference for empirical analysis. Our perspective emphasizes sensual, bodily and embodied human experiences. These sticky and hard to imitate resources are often hidden or neglected. In the first part of our contribution we will show their importance for successful work operations especially in moments of high uncertainties. We will argue on a theoretical and empirical basis that the ability to handle uncertainties is a key requirement for “the working man” and how the dimensions of subjectifying work actions enable researchers to grasp how humans manage these situations. In the second part of our text we will develop an immanent contradiction in new forms of work organization based on self-organized processes. Here subjectifying work actions, capacities which cannot be formalized, are used in form of self-regulation and extended responsibilities for individuals. Yet, management directives require work actions that are performed in an objectifying manner to suit governance structures of transparency and objectivity. We complete our article with perspectives for a labour policy that acknowledges and includes subjectifying work actions as substantial part of human labour capacities.

Mathias Heiden

Der arbeits- und industriesoziologische Konfliktbegriff und die Notwendigkeit seiner Erweiterung

Die Arbeits- und Industriesoziologie resümiert seit den 1980er Jahren einen gravie-renden Wandel der Arbeitswelt und ihrer Regulierung, in dessen Zuge sich auch die Bedeutung von Arbeitskonflikten verändert: Dezentralisierung und Verbetrieblichung des Arbeitskonflikts auf der einen Seite, die Verlagerung des Arbeitskonflikts in das Subjekt auf der anderen Seite. Mit diesem Wandel von Arbeit werden grundlegende Fragen nach dem arbeits- und industriesoziologischen Konfliktbegriff aufgeworfen.
Der Beitrag fokussiert auf alltägliche Arbeitskonflikte und geht der Thematisie-rungstradition von Konflikten in der Arbeits- und Industriesoziologie nach. Er plädiert dafür, das Konfliktverständnis der Teildisziplin um Perspektiven der Konfliktsoziologie zu erweitern. Wurden alltägliche Auseinandersetzungen in der Arbeit theoretisch bislang vor allem als „Restkonflikte“ der industriellen Beziehungen begriffen, versteht der soziologische Klassiker Georg Simmel Konflikte als Alltagsphänomen und weist auf ihre grundlegende Bedeutung als Ausgangspunkte von Vergesellschaftungsprozessen hin. Diese Begriffserweiterung eröffnet der Arbeits- und Industriesoziologie in mehrfacher Hinsicht neue analytische Perspektiven.

The term of conflict in sociology of work and the necessity for its expansion

Sociology of work and industry has summed up a radical transition in the work world and its regulation since the 1980s. In the course of this transition the significance of work conflicts has also shifted: decentralisation of the work conflict to the company level on the one hand, and its transferral to the individual subject on the other hand. This transition raises fundamental questions about the concept of conflict held by sociology of work and industry.
This article focuses on labour conflicts in everyday work and pursues the tradition of addressing conflicts in sociology of work and industry. It pleads for widening the concept of conflict in this subdiscipline by considering perspectives opened by conflict sociology. Conflicts in everyday work were so far grasped primarily as “rest conflicts” in industrial relations. Georg Simmel, the sociological classic, rather points to conflicts as everyday phenomena and emphasises their fundamental importance as starting points of socialization processes. In many ways this terminological extension opens up new analytic perspectives for sociology of work and industry.

Stephan Voswinkel

Zum konzeptionellen Verhältnis von „Anerkennung“ und „Interesse“

„Anerkennung“ und „Interesse“ sollten nicht als alternative Konzepte, sondern als zwei sich ergänzende Perspektiven auf denselben Gegenstand behandelt werden. „Anerkennung“ und „Interesse“ sind unterschiedliche Handlungsdimensionen, allerdings häufig ineinander übersetzbar und können in einen „Zielkonflikt“ geraten: Das Streben nach Anerkennung kann Interessenverzicht zur Folge haben und Interessen können Selbstwert und Anerkennung „abkaufen“. Anerkennungsverhältnisse sind Resultate geronnener Interessenkämpfe und sie definieren die Legitimität von Interessen. Und methodisch-empirisch kann man „Interesse“ und „Anerkennung“ als unterschiedliche Skripte verstehen, mit denen Anliegen, Auseinandersetzungen und Enttäuschungen artikuliert werden können. Voraussetzung für ein solches mehrdimensionales Konzept von „Anerkennung“ und „Interesse“ ist eine erneuerte Präzisierung des „Interessen“-Begriffs, in der das strategisch-reflektierte Moment hervorgehoben wird und das „objektive“ Interesse als sozialer Zuschreibungsprozess verstanden wird. Mit der „Interessenidentität“ wird ein Konzept vorgeschlagen, mit dem Interessen- und Anerkennungsparadigmata zusammengeführt werden können.

Notes on the conceptual relation of “recognition” and “interest”

“Recognition” and “interest” should be treated not as alternative concepts but as two complementary perspectives on the same object. „Recognition” and “interest“ are different dimensions of action, they can be transferred into each other and a “trade-off” can result: The striving for recognition can entail interest renunciation and inter-ests can “buy” self-worth and recognition. Recognition relations are results of interest fights and they define the legitimacy of interests. And, methodically-empirically, one can understand “interest” and “recognition” as different scripts for the articulation of concerns, discussions and outrages. A condition for such a multidimensional concept of “recognition” and “interest” is a renewed specification of the “interest”-concept in which the strategical-reflected moment is emphasised and the “objective” interest is understood as a process of social attribution. With the “interest identity” a concept for the integration of the “interest” and “recognition” paradigms is suggested.

Linda Nierling

Anerkennung als Analysekategorie für erweiterte Arbeit – Erweiterung der Anerkennungstheorie Honneths

Die Theorie der Anerkennung von Axel Honneth wurde in arbeits- und industriesoziologischen Forschungsansätzen bereits in unterschiedlicher Weise genutzt, um die Perspektive auf subjektive Bedürfnisse im Arbeitsprozess zu öffnen. Ausgehend von einem erweiterten Verständnis von Arbeit, d.h. einem Verständnis von Arbeit, das neben Erwerbsarbeit weitere Formen von Arbeit wie Familien-, Gemeinschafts- und Eigenarbeit umfasst, soll im Folgenden die These vertreten werden, dass Anerkennungsverhältnisse in „erweiterter Arbeit“ in besonderem Maße von subjektiven Faktoren abhängig sind, die sich nicht mit ökonomischen Kategorien fassen lassen. Um „erweiterte Arbeit“ allerdings angemessen mit der Kategorie der Anerkennung nach Honneth analysieren zu können, ist eine Modifikation von Honneths Theorie vonnöten, da Honneth einen Arbeitsbegriff verwendet, der auf Erwerbsarbeit verkürzt ist. Dabei bedarf insbesondere die Sphäre Solidarität einer konzeptionellen Erweiterung, denn in erweiterten Arbeitsformen hängt die subjektive Bewertung der eigenen Leistung in hohem Maße von „weichen“ Formen der Anerkennung wie persönlichen Beziehungen, der Vervielfältigung persönlicher Leistungskontexte und von eigenen Ansprüchen an Selbstverwirklichung ab. Diese subjektiven Anerkennungschancen des eigenen Arbeitsvermögens sind als additiv zur Erwerbsarbeit zu verstehen, denn die Potenziale des Modells erweiterter Arbeit zeigen sich im Einzelfall auf individueller Ebene. Damit stellt erweiterte Arbeit schwerlich ein gesellschaftliches Lösungsmodell für die vielfältigen Problemlagen des Arbeitsmarktes dar. Vielmehr kann eine erweiterte Perspektive auf die subjektiven Potenziale von Arbeit – jenseits ökonomischer Verwertung – dazu beitragen, wissenschaftliche Debatten um eine Humanisierung und um die individuelle und gesellschaftliche Qualität von Arbeit (wieder) zu führen.

Social Recognition as a scientific approach for extended work – amplification of the theory of social recognition of Axel Honneth

Axel Honneth’s theory of recognition has already been used in various ways for re-search approaches in the sociology of work to open up the perspective on subjective needs in the work process. Based on a wide understanding of work, i.e. one that includes not only paid work but also other forms of work like family work, community work, or domestic work and Do-it-yourself-work, the theory that the conditions of recognition in a wide concept of work depend specifically on subjective factors which cannot be put into economic categories will be supported in the following. However, to be able to analyse a holistic concept of work appropriately in the category of recognition, a modification of Honneth’s theory is necessary since Honneth uses a concept of work that is reduced to paid work. Especially the sphere of solidarity requires a conceptual expansion; the subjective evaluation of someone’s own performance in the context of a wide concept of work highly depends on “soft” forms of recognition like personal relationships, the duplication of the personal performance contexts, and own standards of self-fulfilment. These subjective possibilities to recognize one’s own work potential can be understood as being additive to paid work since the potential of a wide concept of work will be visible on an individual level in each single case. Thus a holistic concept of work is hardly a societal solution model for the manifold problems of the labour market. Apart from the economic aspect, an expanded perspective on the subjective potentials of work can rather contribute to (renewed) scientific discussions of both the humanization of work and the individual and societal quality of work.

Brigitte Aulenbacher, Birgit Riegraf

Die Analyse alltäglicher und biografischer Arbeitsarrangements als Weg arbeits- und industriesoziologischer Sozial- und Zeitdiagnostik

Die universitäre Wissenschaft ist wie auch andere Beschäftigungsbereiche international im Wandel begriffen. Allein erwerbsbezogene Perspektiven reichen nicht hin, diese Entwicklungen zu erforschen. Sie lassen sich erst, so argumentiert der Beitrag, im Zusammenhang mit der weiteren gesellschaftlichen Arbeitsteilung, insbesondere in und zwischen Erwerbssphäre, Privathaushalt und Sozialstaat, und den darin eingelassenen sozialen Ungleichheiten angemessen in den Blick nehmen. Die Analyse alltäglicher und biografischer Arbeitsarrangements wird als ein Weg herausgearbeitet, dies für den Wandel der Wissenschaft, aber auch für andere Felder sozial- und zeitdiagnostisch weiterführend zu verfolgen.

The analysis of everyday and biographical working arrangements – a way to diagnose contemporary societal change by the sociology of work

Science as well as other fields of occupation are internationally changing. Perspectives, which only focus paid work, are not sufficient to analyze these developments. The paper argues that they have to be considered in the context of the wider societal division of labour, especially the configuration of paid and unpaid work in and between occupation, private household and welfare state, and their inherent social inequalities. The analysis of everyday and biographical working arrangements is shown as an advanced way to make diagnoses of the contemporary change of science as well as of other fields.

Karin Lohr, Thorsten Peetz, Romy Hilbrich

Arbeitssoziologie und die Theorie funktionaler Differenzierung. Anschlussmöglichkeiten und Probleme

Wie kann Arbeit jenseits der Wirtschaft analysiert werden? Ausgehend von dieser Fragestellung skizzieren wir einen theoretischen Rahmen, der die Unterschiede von Organisationen und Arbeit in unterschiedlichen gesellschaftlichen Funktionssystemen berücksichtigt. Am Beispiel eines Projektes zum Wandel von Arbeit und Organisation im Bildungssystem zeigen wir im Anschluss daran, wie dieser Ansatz in der empirischen Forschung umgesetzt werden kann. Abschließend reflektieren wir die Vor- und Nachteile unserer Herangehensweise.

The sociology of work and theories of functional differentiation: problems and possibilities

How to analyze work beyond the boundaries of the economic sphere? We sketch out a theoretical framework that recognizes differences in work and organization in distinct functional subsystems of society and draw on a project on changes of work and organization in the educational system to show how this approach can be used in empirical research. In the last section, we reflect the merits and problems of the developed theoretical framework.

Tanja Bogusz

Transdisziplinäre Gewinne einer pragmatischen Soziologie der Arbeit

Der Beitrag reflektiert die Frage, wie das Phänomen der Subjektivierung im Kontext einer pragmatischen Soziologie der Arbeit empirisch evident und von dort ausgehend theoretisiert werden kann. Dazu werden exemplarisch Methodologien aus dem Umkreis der französischen „Soziologie der Kritik“ nach L. Boltanski und L. Thévenot zur arbeitsethnographischen Untersuchung von Subjektivierung anhand des Konzeptes der „Bewährungsprobe“ aufgegriffen, auf den Grundgedanken des experimentellen Handelns pragmatistischen Denkens (J. Dewey) zurückgeführt und ihre Anschlussfähigkeit an die soziokulturelle Anthropologie im Sinne einer transdisziplinären Forscherhaltung programmatisch skizziert.

Transdisciplinary gains of a pragmatist sociology of work

This article reflects empirical and theoretical research of subjectivation in the context of a pragmatist sociology of work. I demonstrate a french methodological approach pursuing the works of L. Boltanski and L. Thévenot within their programme of a “sociology of critique”, starting from an ethnographic perspective by highlighting the concept of “test-situations” in the work-frame. These are linked to the pragmatist idea developed by J. Dewey's Theory of Knowledge related to experimental practices. Furthermore, these approaches are closely connected to socio-cultural anthropology dealing with a transdisciplinary posture.

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