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Februar

Editorial:

Arbeits- und Industriesoziologische Studien

Die vorliegende Ausgabe der AIS Studien greift die Schwerpunktthemen der beiden diesjährigen Tagungen der Sektion Arbeits- und Industriesoziologie auf. Zwei Beiträ-ge (Hoffmann/ Weihrich sowie Pfeiffer u.a.) behandeln Fragen zu den „Forschungs-methodischen Herausforderungen der Entwicklung von Arbeit“ und setzen damit die Diskussion der Frühjahrstagung sowie der letzten Ausgabe der AIS Studien fort. Die diesjährige Herbsttagung fand in Form von zwei Sektionsveranstaltungen beim 35. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Frankfurt/Main statt. Die zwei Beiträge von Schmierl und Urban geben einen Einblick in die dortige Diskussion zum „Wandel des Arbeitskonflikts: Neue internationale Beziehungen oder individualisierte Interessenvertretung?

Anna Hoffmann und Margit Weihrich beschreiben in ihrem Beitrag die for-schungsmethodischen Herausforderungen der Untersuchung „interaktiver Arbeit“, also jener Arbeit, die Kunden und Dienstleister zusammen machen müssen, um eine Dienstleistung zu erbringen. Mit dem etablierten Methodenspektrum der Arbeits- und Industriesoziologie lässt sich, so Hoffmann und Weihrich, interaktive Arbeit nur unzu-reichend erfassen. In ihrem Beitrag stellen sie anhand eines Projektbeispiels vor, wie die Besonderheit interaktiver Arbeit – die notwendige Koproduktion in der Dienstleis-tungsarbeit – zum konstitutiven Merkmal der Methode selbst gemacht werden kann (und sollte). So wie eine Dienstleistung das Ergebnis einer situativ auszuhandelnden Koproduktion von Kunden und Beschäftigten ist, so ist die Untersuchung interaktiver Arbeit das Ergebnis einer Koproduktion von ForscherIn und Untersuchungsperson, die im Rahmen einer Begleitung gemeinsam „im Feld“ unterwegs sind. Sabine Pfeiffer, Petra Schütt und Daniela Wühr stellen den methodischen Ansatz der „Smarten Innovationsverlaufsanalyse“ vor. Dieser methodische Ansatz scheint, wie die Autorinnen an einem Projektbeispiel zeigen, gut geeignet, um auf ver-gleichsweise effiziente Art Forschung, Gestaltung und Mitwirkung von Beschäftigten zu verbinden – eine Anforderung, die sicher nicht untypisch ist für anwendungsorien-tierte Verbundprojekte ist. Sie stellen aber nicht nur eine aus ihrer Sicht erfolgreiche und bewährte Methode vor, sondern diskutieren diese auch (selbst)kritisch: Unter Markt- und Zeitdruck wirkt Partizipation als zusätzliche Belastung, partizipative An-sätze können dazu beitragen Ökonomisierungstendenzen voranzutreiben und u.U. zum Bumerang für Emanzipationsprozesse werden.

Im Beitrag von Klaus Schmierl steht die These im Mittelpunkt, dass die Krise des normierten Verhandlungssystems“ bei der Internationalisierung des Personaleinsat-zes in KMU um eine zusätzliche (internationale) Dimension erweitert wird. Bislang konsolidierte Verhandlungsfelder wie Arbeitsort, Arbeitszeit bzw. Reisezeit (und da-mit Freizeit), Belastungen, aber auch Entlohnungsgrundlagen werden ausgehöhlt; bislang bereits prekäre Verhandlungsfelder, wie Qualifizierung, interne Hierarchien oder Karriereplanung werden intransparenter und weiter prekarisiert. In den drei für internationalisierte Arbeitsbedingungen wichtigsten Regulierungsfeldern – Regelun-gen vor dem Auslandseinsatz, Regelungen zum Auslandseinsatz und Regelungen für die Rückkehrphase des Auslandspersonals – besteht Handlungsbedarf für eine kollektive Interessenvertretung.

Hans-Jürgen Urban fragt in seinem Beitrag nach den zentralen arbeitspolitischenStrategieansätzen der Nach-Krisen-Ära. Er stellt dazu zunächst eine Cost-Cutting-Strategie, die vornehmlich auf Kostensenkung setzt, einer innovations- und wettbe-werbsorientierten Strategie gegenüber. Im Hinblick auf die Sicherung einer nachhal-tigen Wettbewerbsfähigkeit präferiert er ganz eindeutig die Innovationsstrategie. Al-lerdings ist auch eine eher qualitativ orientierte Innovations- und Wettbewerbsstrate-gie alleine noch keine ausreichende Antwort auf die Frage nach „guten“ Arbeitsbe-dingungen. Deshalb stellt er eine idealtypisch formulierte Erweiterung des innovati-ons- und wettbewerbsorientierten Strategieansatzes vor. Diese stellt als arbeitskraft-zentrierter Ansatz den Schutz und die Profilierung der Interessen der abhängigenArbeit in den Mittelpunkt.

Die HerausgeberInnen wünschen wie immer eine anregende Lektüre. Rückmeldungen, Anmerkungen und Anregungen sind herzlich willkommen.

Anna Hoffmann, Margit Weihrich

„Wissen Sie, wo hier Schließfächer sind?“„Das trifft sich gut! Wir machen ein Forschungsprojekt und würden Sie gern bei der Suche begleiten“. Die Begleitung als interaktive Methode in der Arbeitssoziologie

Personenbezogene Dienstleistungsarbeit ist dadurch charakterisiert, dass Kunden und Dienstleister zusammenarbeiten müssen, damit die Dienstleistung erbracht werden kann. Die Besonderheiten dieser interaktiven Arbeit lassen sich mit dem etablierten Methodenspektrum der Arbeits- und Industriesoziologie nur unzureichend erfassen. Ein wichtiger Grund hierfür liegt darin, dass interaktive Arbeit nur begrenzt betrieblich steuerbar ist. Denn die in Dienstleistungsbeziehungen systematisch anfallenden Probleme müssen von den Beteiligten situativ bearbeitet werden – dabei spielt der Kunde eine wichtige und bislang kaum untersuchte Rolle. Wir möchten einen Beitrag zu einer entsprechenden Erweiterung des etablierten methodischen Instrumentariums leisten, indem wir eine interaktive Methode zur Erfassung interaktiver Arbeit vorstellen und diskutieren: die Begleitung, in deren Rahmen Forscherin und Untersuchungsperson gemeinsam und koproduktiv im Feld unterwegs sind. Diese Methode wird anhand von drei Fallbeispielen vorgestellt, in denen wir Kunden und Kundinnen bei deren Dienstleistungsarbeit in verschiedenen Feldern begleiten. Den Forschungshintergrund, vor dem wir berichten, bildet das Projekt „PiA – Professionalisierung interaktiver Arbeit“ (www.interaktive-arbeit.de).
Personal interactive service work is characterized by the prerequisite that, in order to get the service completed, customer and service staff have to co-operate. With the help of established instruments of sociology of work, the special requirements of this interactive work can only be identified insufficiently. One main reason lies in the fact, that a service organization can only control interactive work to a certain degree. Instead, all people involved must solve the problems, which systematically occur in service interactions, directly during the interaction – and here, the customer playing an important role has so far hardly been considered. We would like to contribute an extension to the established methods by introducing and discussing an interactive method for the investigation of interactive work situations: the company, during which researcher and proband investigate the field together and co-produce the results. This method is illustrated by three case studies in which we accompany customers contributing their part to service work in different fields. The research-project which these reports are based on is called “PiA” – which means professionalization of interactive work (www.interaktive-arbeit.de).

Sabine Pfeiffer et al.

Innovationsarbeit unter Druck braucht agile Forschungsmethoden. „Smarte Innovationsverlaufsanalyse“ als praxisnaher und partizipativer Ansatz explorativer Forschung

Der Beitrag stellt im ersten Teil „Smarte Innovationsverlaufsanalyse“ als einen methodischen Ansatz im Rahmen eines umsetzungs- und anwendungsorientierten Verbundprojekts vor. Mit agilen Forschungsmethoden wird möglichst „lean“, aber trotzdem praxisnah und explorativ das Untersuchungsfeld Innovationsarbeit erforscht und in diesem Forschungsdesign zudem Gestaltungsansätze integriert. Im zweiten Teil geht es darum, dass der partizipative Ansatz im Design – die Befragten sind Experten ihrer Arbeit und Mitgestalter des Forschungsprozesses selbst – neue Fragen aufwirft, wenn Partizipation unter Zeit- und Marktdruck stattfindet. Partizipative Ansätze tragen mitunter selbst dazu bei, Ökonomisierungstendenzen voranzutreiben und können u.U. zum Bumerang für Emanzipationsprozesse werden. Die Autoren adressieren daher eine offene Methodendiskussion und wenden ihre kritische Reflexion beispielhaft an den eigenen Forschungsmethoden an.
This article introduces the „smart innovation process analysis“ as an analytic design, which investigates innovation work using agile research methods as well as lean, practical and explorative principles. At the same time the research design integrates implementation aspects. The participative approach of the research design assigns interviewees an expert status of their work and also gives them active parts in designing the research process. Yet, this approach raises new questions, when participation is taking place under time and market pressure. Then participative methods can enhance economic tendencies and in fact backfire on emancipation. The authors address open discussions about used methodologies and apply a critical reflection on their research design.

Klaus Schmierl

Internationaler Personaleinsatz im Mittelstand: Wandel der Arbeit jenseits von Arbeitsregulierung und Normierung

Internationalisierung prägt mittlerweile den beruflichen und betrieblichen Alltag großer Teile der Belegschaften von kleinen und mittleren Unternehmen. Dennoch werden Veränderungen der Arbeitsanforderungen an die Belegschaftsgruppen, die von Internationalisierung betroffen sind, nicht zum Gegenstand von tariflichen oder kollektiven Regulierungen der Interessenvertretung gemacht. Unter den gegenwärtigen Bedingungen dominieren persönliche Bewältigungsstrategien, allenfalls individuelles Interessenhandeln. Die „Krise des normierten Verhandlungssystems“ (Düll/Bechtle 1988) wird beim internationalen Personaleinsatz seitens KMU um eine zusätzliche (internationale) Dimension erweitert. Bislang konsolidierte Verhandlungsfelder wie Arbeitsort, Arbeitszeit bzw. Reisezeit (und damit Freizeit), Belastungen, aber auch Entlohnungsgrundlagen werden ausgehöhlt; bislang bereits prekäre Verhandlungsfelder, wie Qualifizierung, interne Hierarchien oder Karriereplanung werden intransparenter und weiter prekarisiert. In den drei für internationalisierte Arbeitsbedingungen wichtigsten Regulierungsfeldern – Regelungen vor dem Auslandseinsatz, Regelungen zum Auslandseinsatz und Regelungen für die Rückkehrphase des Auslandspersonals – besteht Handlungsbedarf für eine kollektive Interessenvertretung.
Not only multinationals, but also small and medium-sized enterprises (SME) are intensifying the internationalization of their economic activities. International and intercultural co-operation becomes a key element of professional and occupational everyday life. The established corporate culture, structures and hierarchies have to be adapted to international requirements. One of the major trends at the shop floor level is an increasingly important role of a new workforce category – expatriates and assignees. However, in important areas of human resource management (HRM) still remains a need for action for the institutions of worker representation at workplace level in order to establish new regulations: pre-departure regulations, regulations during the assignment and regulations after repatriation.

Hans-Jürgen Urban

Arbeitspolitik unter (Nach-)Krisenbedingungen

In der Nach-Krisen-Ära kommt es zu einer arbeitspolitischen Problemzuspitzung. Die Akteure reagieren mit verschiedenen Strategieansätzen auf die veränderten Kontextbedingungen. Dabei können unterschiedliche Typen identifiziert werden. Der Cost-Cutting-Ansatz läuft im Kern auf eine Strategie hinaus, die mehr Wettbewerbsfähigkeit durch weniger Kosten, insbesondere Arbeitskosten, zu realisieren sucht. Demgegenüber teilt der innovations- und wettbewerbsorientierte Ansatz die Verbesserung der betrieblichen Wettbewerbsfähigkeit als Ziel, wählt jedoch einen anderen Weg zu dessen Erreichung. Statt Kostenwettbewerb dominiert der Blick auf Innovationen. Aber auch innovative Arbeit kann schlechte Arbeit sein. Deshalb kann idealtypisch eine weitere Variante beschrieben werden, die als arbeitskraftzentrierter Ansatz den Schutz und die Profilierung der Interessen der abhängigen Arbeit in den Mittelpunkt stellt. Innovationsorientierter und arbeitskraftzentrierter Ansatz weisen deutliche Überschneidungen auf. Beide lehnen quantitative Kostensenkungsstrategien ab und setzen auf die Produktivitätspotentiale innovativer Arbeitspolitiken. In der betrieblichen Realität sind sie in der Regel als Mischformen anzutreffen.
An escalation of problems in the policy of work design is peaking in the after-crisis-era. The players are reacting with different strategies to the changed context conditions. Herein different types can be identified: The cost cutting approach aims at realizing a strategy of higher competitiveness through lower costs, especially in aspects of labour costs. On the other hand the goal of the innovative and competitive party is to improve the operational competitiveness, but chooses different means in achieving their goal. Instead of competition by pricing, the main aspect is innovation. But even innovative work can be bad work. Which is why another model can be described which puts the protection and bolstering of interests of the workers in a workforce centred context. Innovation oriented and labour centred approaches show considerable overlaps. Both reject quantitative cost cutting strategies and attach more importance to the potential of productivity in innovative work policies. In the operational environment you usually find hybrid forms implemented and in use.

Mitteilung

Forschungsvorhaben