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Mai

Editorial: Nick Kratzer

Arbeits- und Industriesoziologische Studien

Hildegard Maria Nickel

Die „große Transformation“ als Krise des Arbeits- und Geschlechterregimes

Die derzeitige „Vielfachkrise“ (Demirovic) ist nicht allein ökonomisch zu erklären. Der Beitrag folgt einer Kriseninterpretation, die die Ereignisse der Finanz- und Wirt-schaftskrise von 2008/09 als ein spezifisches Stadium in einem schon seit Anfang der 1970er Jahre andauernden Transformationsprozesses von der Industrie- zur Dienstleistungsökonomie einordnet. War Erwerbsarbeit in der Phase des fordisti-schen Industrialismus wesentlich durch das männliche Normalarbeitsverhältnis ge-kennzeichnet, so gilt für das Geschlechterverhältnis dieser Phase das Rollenmodell des männlichen Familienernährers und der weiblichen Hausfrau und Mutter, die das Familieneinkommen allenfalls durch Teilzeitarbeit ergänzt. Dieses Arbeits- und Genderregime ist im Zuge des gesellschaftlichen Transformationsprozesses selbst in die Krise geraten. Der Ausgang des Krisenverlaufs ist relativ offen. Beides ist denkbar: Sowohl das Retardieren demokratischer (Arbeits-)Strukturen und damit zusammenhängend die Retraditionalisierung des Geschlechterverhältnisses wie auch eine demokratische Erneuerung der (Arbeits-)Strukturen, verbunden mit einer weiteren Demokratisierung der Geschlechterbeziehungen.
The current “multiple crisis“ (Vielfachkrise) cannot be explained only in economic terms. The crisis interpretation offered in this paper approaches the events of the financial and economic crisis of 2008-09 as a specific stage in the continuous trans-formation process of the industrial onto a service economy beginning already in the early 1970s. During the phase of fordist industrialism, when employment was primarily defined through male wage labor, the dominant gender relation was between a male breadwinner and a female housewife and mother, who, if necessary, would supplement the family income with temporary work. This work and gender regime is, as part of larger processes of social transformation, undergoing a crisis. The outcome of this crisis is relatively open. Both scenarios are conceivable: a rolling back of democratic (labor) structures along with a retraditionalization of gender relations as well as a democratic renewal of (labor) structures coupled with a further democratization of gender relations.

Alexandra Scheele

Die Kategorie „Geschlecht“ im Krisendiskurs und politischen Krisenmanagement

Der Beitrag rekapituliert zunächst den medialen Diskurs zur Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 und analysiert, wie dieser auf die Kategorie „Geschlecht“ Bezug genommen hat. Es wird deutlich, dass Journalisten zwar häufig „Geschlecht“ als Erklärungsvariable bei der Interpretation der Ursachen und Folgen der Krise heranziehen, dabei jedoch häufig auf bekannte Stereotype zurückgreifen. Damit verbunden ist – so die These – nicht nur eine starke Individualisierung von strukturellen Problemen, sondern auch die Gefahr, dass andere gesellschaftliche Ungleichheitsdimensionen ausgeblendet bleiben. Die anschließende Untersuchung des politischen Krisenmanagements zeigt, dass auch diese nicht frei ist von den in der Presse formulierten Annahmen über Geschlecht und bestehende, in Arbeits- und Produktionsverhältnissen eingelagerte geschlechterkulturelle Leitbilder, weshalb – so die weitere Argumentation – Alternativen in Richtung eines geschlechtergerechten und ökologischen Konjunkturprogramms keine Berücksichtigung fanden. Darüber hinaus wird kritisiert, dass die unterschiedliche Wirkung der Konjunkturprogramme und Konsolidierungsmaßnahmen auf Frauen und Männer von den politischen Akteuren weder ex ante noch ex post analysiert wurde.
The paper analyses the media discourse on the financial and economic crisis in 2008/2009 as well as the state’s responses to the crisis regarding its gendered di-mensions. It becomes evident that many comments in newspapers are made on the link between the level of testosterone and the tendency to risk taking among those who gamble at stock-markets. This is connected with the question whether a crisis might have been averted if more women had held leading positions of large invest-ment banks or in regulating bodies. The author argues that the use of gender stereo-types in the media discourse not only tends to individualize structural causes and problems of the current (financialised) economy but also ignores other than gendered social inequalities. The further analysis of the state’s responses indicates that these are also referring to particular images about gender and the gendered division of labour. Therefore it is not surprising that neither economic alternatives which might increase gender equality nor a sufficient gender (budget) analysis were part of the policy programs.

Stefan Kirchner, Ute Ludwig, Jürgen Beyer

„Krise, welche Krise?“ Umfrage- und Fallstudienergebnisse zur betrieblichen Wirkung der Wirtschafts- und Finanzkrise

In den Jahren 2008 bzw. 2009 hat eine Wirtschaftskrise einen plötzlichen Abriss des Wirtschaftswachstums bewirkt. Es stellt sich die Frage, welche Effekte die Krise auf betrieblicher Ebene entfaltet hat und welche langfristigen Folgen sich daraus ergeben. Zur Beantwortung nutzen wir (1) Ergebnisse einer Betriebsbefragung (N = 988 Betriebe), die in der zweiten Jahreshälfte 2010 erhoben wurde, sowie (2) vier Fall-studien von Maschinenbaubetrieben. Unsere quantitativen Analysen zeigen, dass nur in bestimmten Branchen ein starker Einbruch der wirtschaftlichen Lage zu ver-zeichnen ist, der wiederum 2010 fast bis auf Vorkrisenniveau ausgeglichen werden konnte. In den untersuchten Fallstudienbetrieben bestätigen sich diese Ergebnisse und unterstreichen die Erfahrung einer hoch volatilen Krisendynamik. Nach der Krise deutet sich jedoch kein umfassender organisatorischer Wandel an. Vielmehr wird die Krisenerfahrung als Bestätigung der eingeschlagenen Flexibilisierungsstrategien gewertet.
In 2008 and 2009 an economic crisis caused a sudden decline of economic growth. This paper explores the immediate effects of the crisis at the establishment level as well as it asks about the long term effects of the crisis. Our study is based on (1) the results of an establishment survey (N=988 firms), conducted in the second half of 2010, alongside with (2) four case studies of manufacturing firms. Based upon our quantitative results we argue that a strong economic decline occurred only in certain industries. The affected establishments have almost recovered to a pre-crisis level by the end of 2010. Our case studies confirm these results and emphasize the common experience of a highly volatile crisis dynamic. None of the investigated cases did display attempts of substantial organizational changes as a reaction to the crisis. On the contrary the experience of the crisis was interpreted as a reassurance of already established strategies for flexibilization.

André Holtrup, Arne Klöpper

Arbeitspolitik zwischen Wirtschaftskrise und Fachkräftemangel

Welche Auswirkungen hatte die Wirtschaftskrise (2008-2010) auf das deutsche Sys-tem der Arbeitsbeziehungen und welche lassen sich durch die Debatte um den Fachkräftemangel (seit 2010) erwarten? Diesen Fragen geht der vorliegende Beitrag nach. In der Krise wurden zwischen den Betriebsparteien Maßnahmen zur Beschäfti-gungssicherung vereinbart, ohne dass größere Konflikte auftraten. Die Akteure be-schreiben die gemeinsame Krisenbewältigung als Erfolg. Dabei geriet allerdings aus dem Blick, dass weniger geschützte Beschäftigtengruppen (Leiharbeiter, befristet Beschäftigte) belastet, Kosten und Risiken externalisiert und Chancen nicht genutzt wurden, grundsätzliche Veränderungen einzuleiten. Mittelfristige Verschiebungen in den Machtverhältnissen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern können aus der Fachkräftedebatte abgeleitet werden: Wird die Ware Arbeitskraft knapper, steigt ihr Preis. Die Durchsetzungsbedingungen der Interessen der Beschäftigten könnten sich verbessern, kollektive Arrangements eine „Renaissance“ erfahren. Dies ist jedoch kein „arbeitspolitischer Selbstläufer“, denn auch eine verstärkte Individualisierung und eine zunehmende Segmentierung von Arbeitsmarkt und Belegschaften sind denkbar. Ausgehend von den skizzierten Argumenten und Interpretationen werden einige Schlussfolgerungen hinsichtlich des Wandels des deutschen Systems der Arbeitsbeziehungen, zukünftigen Entwicklungen und möglichen Handlungsstrategien vorgestellt.
What changes in the German system of Labour relations can be observed as a con-sequence of the economic crisis (2008-2010) and what impact may be concluded from the debate on skilled worker shortage since then? These questions will be treated in the article. In the crisis period companies and workers’ representatives negotiated certain measures of employment stabilization without producing major conflicts. The joint crisis management has been considered as a success by both parties even though some less protected groups of the workforce (fixed-term and temporary workers) were particularly affected, costs were externalized and opportunities of more pro-found changes were lost. Shifts in power relations between workers and employers can be expected in the medium run due to skilled worker shortage actually debated. When labour becomes scarce, wages will rise. Conditions of negotiating workers’ interests may improve, collective agreements may revive. But there are counterveiling tendencies such as increasing individualization and segmentation of labour markets and the workforce. Based on these arguments and interpretations the article draws some tentative conclusions on the change of the German system of labour relations, possible future tendencies and strategies.

Christian D. Ledig

Die Übersetzung der Finanzkrise in eine Wirtschaftskrise: Management- und Betriebsratsstrategien nach der Krise in einer Aktiengesellschaft

Im folgenden Beitrag werden mittels einer Ereignisstrukturanalyse die Handlungen betrieblicher AkteurInnen aus Management und Betriebsrat einer Aktiengesellschaft der IT-Branche analysiert. Die untersuchte Zeitsequenz beginnt mit der Reaktion des Vorstandes auf die Finanzkrise von 2008 und endet mit der Unterzeichnung einer Vereinbarung zwischen Vorstand und Betriebsrat zu Cost Saving Maßnahmen zum 20. Februar 2009. Entworfen wird ein historisches Argument, das die Übersetzung der Krise in die betriebliche Realität der AkteurInnen nachzeichnet und eine im Betriebsrat verlaufende Konfliktlinie zwischen einer gewerkschafts- und einer unternehmensnahen politischen Gruppierung herausarbeitet.
The following paper applies an event-structure analysis to scrutinize the social ac-tions of members to the executive board and the work council in a stock corporation of the information technology sector. The analyzed sequence of events starts with the reaction of the board of directors to the Financial Crisis of 2008 and ends with the signing of a cost saving program on the 20th of February 2009. I develop a historical argument that lines out the translation of the crisis into the social reality of the actors within the corporation and sketches a line of conflict between a union and a corporation oriented political grouping.

Norbert Huchler, G. Günter Voß, Margit Weihrich

Markt, Herrschaft, Solidarität und Subjektivität. Ein Vorschlag für ein integratives Mechanismen- und Mehrebenenkonzept

In diesem Artikel wird ein gemeinsamer theoretischer Bezugsrahmen vorgeschlagen, mithilfe dessen sich die vielfältigen theoretischen Optionen und inhaltlichen Konzepte der Arbeits- und Industriesoziologie miteinander verbinden und neu interpretieren lassen. Den Bezugsrahmen bildet eine dynamische Heuristik sozialer Ordnungsbildung, in der soziale Mechanismen die entscheidende Rolle spielen: Markt, Herrschaft, Solidarität und Subjektivität. Es wird gezeigt, dass diese Mechanismen soziale Prozesse auf verschiedenen sozialen Ebenen bestimmen: auf den Ebenen der Gesellschaft, der Organisation, der Interaktion und des Subjekts. Arbeitssoziologische Konzepte wie „Entgrenzung“, „Vermarktlichung“ und „Subjektivierung“ lassen sich in ihrer inneren Logik neu begreifen, wenn man sie als spezifische Ausprägungen allgemeiner sozialer Mechanismen und deren Mischungsverhältnissen betrachtet. Darüber hinaus verbindet die Heuristik Handeln und Struktur und eröffnet neue zeitdiagnostische Perspektiven.
In this article we outline a theoretical framework that permits a combination and re-interpretation of various theoretical perspectives and concepts of sociology of work and industry. To that end we propose a dynamical heuristic framework of social order which is based on four social mechanisms: market, authority (“Herrschaft”), solidarity and subjectivity. These mechanisms determine various processes on different social levels, viz. society, organization, interaction and subject. This approach allows for a new understanding of specific current concepts of sociology of work such as debordering (“Entgrenzung”), marketization (“Vermarktlichung”), and subjectivation (“Subjektivierung”), as they are seen as specific forms of general social mechanisms and their combinations. This heuristic serves to connect action and structure and opens up new perspectives on current social development.

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