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Oktober

Editorial: G. Günter Voß

Arbeits- und Industriesoziologische Studien
- In Erinnerung an Volker Wittke -

Frank Kleemann

Subjektivierung von Arbeit – Eine Reflexion zum Stand des Diskurses

Der Beitrag zielt darauf ab, konzeptionelle Unschärfen des arbeits- und industriesoziologischen Diskurses zur „Subjektivierung von Arbeit“ zu reflektieren und zur Diskussion zu stellen. Als Grundlage dafür dient eine Bestandsaufnahme des Diskursverlaufs, der verschiedenen Analyseperspektiven und des Stands der Dinge. Aufgezeigt wird im Anschluss erstens, dass in der Debatte unterschiedliche Begriffsverständnisse zugrunde gelegt werden: Im engeren Sinne eine Subjektivierung der Erwerbstätigkeit; im weiteren Sinne eine Subjektivierung der Erwerbsperson einschließlich des gesamten sozialen Kontexts von Erwerbsarbeit. Beide Herangehensweisen eröffnen je unterschiedliche Potenziale und analytische Probleme. Zweitens impliziert der zeitdiagnostische Fokus auf eine Subjektivierung von Arbeit eine Prozessperspektive für die Analyse des Phänomens, die methodologische Probleme aufwirft. Lösbar scheinen diese Probleme durch eine Verschiebung der Analyseperspektive auf subjektivierte Arbeit. Drittens schließlich liegen den Analysen unterschiedliche (und nur selten explizierte) Konzepte von „Subjektivität“ zu Grunde, die es auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen gilt. Dazu wird ein Verfahrensvorschlag zur Diskussion gestellt.
Subjectivation of work – reflections on the state of the discourse

The contribution discusses conceptual vagueness in the debate on the subjectivation of work in German sociology of work. The discourse centers on a historical change in the significance of human subjectivity in the working world: Subjectivity is now being considered as a productive capacity rather than a disturbance in the labor process. The paper summarizes the course of the debate, the different perspectives of analysis and the state of affairs. It points, firstly, to analytical strengths and shortcomings of the different understandings of the concept involved: in a narrow sense, the focus is on the work practice only; in a broad sense, it is on the working person in total, including the whole social context of gainful employment. Secondly, the processual concept of Subjectivation causes methodological problems that can be overcome by focusing on forms of work involving subjectivity (subjectivated work). Finally, the discourse is based on different implicit conceptions of subjectivity that have to be integrated.

Christiane Schnell

Eigensinnige Professionalität? – Zur Bedeutung „beruflicher Identität“ im Kontext von Subjektivierung

Der Beitrag greift einen in der Debatte um die Subjektivierung von Arbeit bislang vernachlässigten Aspekt auf. Im Kern geht es um jene Dimensionen von Beruflichkeit, die sich nicht aus den Anforderungs- und Organisationsstrukturen des Arbeitsmarktes ableiten, sondern auf berufsbiographischen Prägungen, Wissensbeständen und antizipierten Werten basieren. Hierfür werden Ansätze der beruflichen Sozialisationsforschung aufgegriffen und auf den gesamten berufsbiographischen Verlauf erweitert. Eröffnet wird ein Zugang, der berufliche Identitäten in ihrer Entwicklung und auf der Basis aufgeschichteter Erfahrungen im Kontext feldspezifischer Voraussetzungen zu rekonstruieren ermöglicht. Professionssoziologisch inspiriert werden Bedingungen der Wertschöpfung und Leistungserbringung sowie die fachliche Wissensbasis und berufskulturelle Prämissen als sozialisatorisch relevante Faktoren berücksichtigt. Illustriert wird dies anhand empirischer Beispiele, die sich aus sich dynamisch wandelnden und von starken Ökonomisierungstendenzen gekennzeichneten Dienstleistungen rekrutieren.
Individual professionalism? – On „professional identity“ in the context of the subjectification of work

The article addresses a more or less neglected aspect of the German debate about the subjectification of work. It is focussed on the dimensions of professionalism not deriving from organizational structures and requirements of the job market but from working experiences, knowledge and anticipated values during individual working biographies. Therefore, approaches on the professional socialisation are revisited that open up an analytical perspective on professional identities in a field’s specific framework. Furthermore, sociology of professions suggests taking into consideration the conditions of value creation and performance, the disciplinary knowledge and professional cultures for the purpose of the reconstruction of working identities. This is illustrated by some empirical examples taken from fields of work which are in particular characterized by dynamic transformation and increasing economisation.

Lisa Grabe, Andreas Pfeuffer, Berthold Vogel

„Ein wenig erforschter Kontinent“? Perspektiven einer Soziologie öffentlicher Dienstleistungen

Während in Frankreich bereits eine soziologische Kartierung des „unbekannten Kontinents“ der öffentlichen Dienstleistungen erfolgte, befindet sich die Arbeitssoziologie in Deutschland diesbezüglich noch im Stadium erster Vermessungen des Terrains. Dieser Artikel möchte dazu einladen, die bewährten Konzepte und Fragestellungen der deutschsprachigen Arbeits- und Industriesoziologie auf die öffentlichen Dienstleistungen zu übertragen und hierzulande eine solche Kartierung voranzutreiben. Neben einem Überblick über die bisherigen französischen Arbeiten zu diesem Thema soll der öffentliche Dienst als besonderer Forschungsgegenstand beleuchtet werden. Herangezogen wird dazu auch Material aus einem derzeit laufenden Drei-Länder-Forschungsprojekt, welches exemplarisch zeigen soll, wie sich derzeit prominent diskutierte Fragestellungen der Arbeits- bzw. Dienstleistungssoziologie auf die Arbeit im öffentlichen Dienst anwenden lassen.
“A continent that has hardly been explored”? Perspectives of a sociology of public services

Whereas in France sociologists have already mapped the previously “unknown continent” of public services, in Germany, researchers from the sociology of work are still exploring and surveying the terrain. This article argues that this kind of “mapping project” and the transferral of tried and tested concepts and approaches from German-language industrial sociology to the study of the public service sector are promising undertakings. After reviewing the status of French studies to date, the text discusses what makes the public service sector a special object of sociological research. This discussion will draw on empirical evidence from a study currently underway in Germany, Switzerland, and Austria, which aims to show how issues currently focused on in the sociology of work and service can be applied to workplaces in the public service sector.

Stefanie Hürtgen, Stephan Voswinkel

Lebensorientierungen als subjektive Zugänge zum Wandel der Arbeit

Im Gegensatz zu verbreiteten Vorstellungen, denen zu Folge Menschen sich strukturbedingten Anforderungen und ihrem Wandel in ihrer Identität anpassen, geht dieser Beitrag davon aus, dass Individuen sich mit ihren Lebensumständen und speziell mit Veränderungen in der Arbeitswelt auseinandersetzen, indem sie in ihren Lebensorientierungen bestimmte Formen entwickeln, sich als handlungsfähig zu begreifen, womit zugleich bestimmte Restriktionen verbunden sind. Der Umgang mit Ansprüchen an Arbeit und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten sowie deren Legitimierung werden im Lichte solcher Lebensorientierungen besser verständlich. Der Beitrag verdeutlicht dies mit drei beispielhaften Typen von Lebensorientierungen, die in den empirischen Ergebnissen einer von den AutorInnen derzeit am Institut für Sozialforschung Frankfurt a.M. durchgeführten prospektiv-biographisch angelegten Untersuchung über die „Ansprüche an Arbeit und berufliche Entwicklung von ‚NormalarbeitnehmerInnen’“ identifiziert werden konnten. Besonders fokussiert wird hierbei auf die Verarbeitung der Prekarisierung der Arbeitswelt und der Wirtschaftskrise.
Life orientations as subjective approaches to changing working and living conditions

Contrary to current conceptions in social science which correlate unproblematically present changes in people's working and living conditions to corresponding social-psychic dispositions, this article puts forward the idea that people intervene actively in social changes and circumstances and more specifically in those at their work. Following what we call „life-orientations”, they develop particular forms of understanding themselves as actors, which at the same time are connected to certain restrictions. The different ways in which people conceptualize their claims on working conditions and professional development as well as the different forms to legitimate those claims are better to understand in the light of life-orientations. This is what the article shows on the basis of three types of life-orientations gained from qualitative empirical research being conducted by the authors at the Institute for Social Research in Frankfurt am Main with prospectiv-biographical interviews in the context of a scientific project about „NormalarbeitnehmerInnen”s’ claims on work and their professional life course. In our project we focus in particular on peoples’ perception of precarisation and the economic crisis.

Harald Wolf

Gerechtigkeitsansprüche an Erwerbsarbeit in der „Vielfachkrise“

Mit Blick auf eine Vielzahl gesellschaftlicher Krisenphänomene treten an unterschiedlichen Orten „Legitimationsprobleme“ auf. Die Frage, der die Arbeits- und Industriesoziologie verstärkt nachgehen sollte, wäre vor diesem Hintergrund, ob sich Legitimationsprobleme und -verluste auch in der Erwerbsarbeitssphäre feststellen lassen und ob die Arbeitenden auch dort „mehr Gerechtigkeit“ und „gerechtere“ Entscheidungsstrukturen einfordern. Das liefe auf eine erneute Intensivierung der Beschäftigung mit dem „Bewusstseinsthema“ hinaus, allerdings mit neu ausgerichtetem Fokus: auf Gerechtigkeitsansprüche und Kritik an und in Erwerbsarbeit. Wie eine solche Forderung konzeptionell und methodisch eingelöst werden könnte, erprobt zurzeit ein SOFI/ISF-Forschungsprojekt, dessen Stoßrichtung skizziert wird.
Demands on justice at work in the „multi-crisis“

As consequence of a growing number of crisis phenomena in recent years, „legitimation problems“ occur on different social sites and levels. Against this background, a question that should engage work and industrial sociology increasingly, is whether legitimation problems and losses of legitimacy can also be observed in the sphere of work and whether employees demand "more justice" and "just" decision-making structures as well. This suggests a renewed and intensified examination of the problematique of „consciousness“ at work, but with a new focus on justice claims and critique in and on employment, work and labor relations. A new SOFI/ISF research project whose approach is outlined is currently testing how such an endeavor could conceptually and methodically be implemented.

Ludger Pries, Martin Seeliger

International, flexibel und mit Tendenz zum Greening? – Krisenbewältigungsstrategien und Erwerbsregulierung 2008/2009 am Beispiel von Volkswagen und BMW

Den Folgen der Weltwirtschaftskrise in den Jahren 2008 und 2009 wurden von Unternehmen zu Unternehmen im internationalen Maßstab auf recht unterschiedliche Weise begegnet. Wie die vergleichende Fallstudie zeigt, lassen sich für den Zusammenhang der deutschen Automobilindustrie einerseits gemeinsame Rahmenbedingungen identifizieren, deren konkrete Ausprägung sich jedoch je nach organisationaler Beschaffenheit unterscheidet. Dies soll in diesem Beitrag anhand der Analyse der Dimensionen Unternehmensstruktur/Kapitalstrategie, Produktstruktur/Marktstrategie und Produktionssystem/Erwerbsregulierung herausgearbeitet werden.
International expansion, flexibilization and a tendency towards greening-initiatives? – Strategies of steering through the crisis of 2008/2009 in Volkswagen and BMW

To cope with the impact of the financial crisis of 2008 and 2009, companies developed and pursued a range of different strategies. As the comparative case-study presented in this article shows, the economic segment of the German automotive industry one the one hand is framed by similar contextual conditions. On the other hand, the comparative analysis of three dimensions (company-structure/capital-strategy; product-structure/market-strategy; production system/labor regulation) shows, in how far the concrete shapes of a company differ between Volkswagen and BMW.

Mitteilung

Forschungsvorhaben