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April

Editorial: Heike Jacobsen

Arbeits- und Industriesoziologische Studien

Judith Neumer

Entscheidungen im Prozess – Entscheidungsprozesse in Arbeitsorganisationen zwischen Planung und Erfahrung

Der Beitrag handelt von Entscheidungsprozessen in Arbeitsorganisationen und konstatiert dabei ein Spannungsverhältnis zwischen planungsorientierten Entscheidungen als formale Prozesse und erfahrungsgeleiteten Entscheidungen in laufenden Arbeitsprozessen. Anhand von zwei Betriebsfallstudien wird gezeigt, dass das Streben nach perfekt rationalen Entscheidungen in Unternehmen strukturelle Problemlagen erzeugt, die im Rahmen dieses planungsorientierten Entscheidungsmodus wiederum selbst nicht gelöst werden können. Demgegenüber kann die Analyse erfahrungsgeleiteter Entscheidungsprozesse zur Entschlüsselung der Probleme rationalen Entscheidens beitragen und empirische Lösungsangebote machen. Die empirische Analyse ist angeleitet von theoretischen Überlegungen zum Umgang mit Unsicherheit und zu Handlungsparadigmen sowohl in etablierten Entscheidungstheorien als auch in neueren Ansätzen zur Analyse von Entscheidungsprozessen, die dem Rationalitätsparadigma kritisch gegenüberstehen. Dem wird das Konzept erfahrungsgeleitet-subjektivierenden Arbeitshandelns gegenübergestellt bzw. hinzugefügt und hinsichtlich seiner Nützlichkeit für die Analyse von Entscheidungsprozessen empirisch überprüft.
Decisions in ongoing processes – Decision-making processes in work organizations between planning and experience

The article is about processes of decision-making in work organizations and states a tension between decision-making as a planning-orientated formal process on the one hand and experience-based decision-making in ongoing work processes on the other hand. Based on two business case studies, structural problems of perfect rational decision-making in enterprises are discussed. These structural problems cannot be solved within the mode of planning-orientated decision-making itself. However, the analysis of experience-based decision-making processes contributes to decode problems of rational decision-making and suggests empirical solutions. Established theories on decision-making focus on coping with uncertainty and imply the paradigm of rational action. However, more recent concepts on decision-making focus on coping with uncertainty as well, but criticize the paradigm of rational action. The present empirical analysis is guided by this theoretical debate and introduces the concept of experience-based action. The concepts usability for analysis of decision-making processes is empirically examined.

Georg Jochum

Kybernetisierung von Arbeit – Zur Neuformierung der Arbeitssteuerung

Der Beitrag zielt darauf ab, die bisher von der Arbeitssoziologie vernachlässigte Verbindung des Wandels der Arbeitsteuerung mit der Durchsetzung eines kybernetischen Paradigmas in den letzten Jahrzehnten aufzuzeigen. Demnach hat die Kybernetik nicht nur zur Entwicklung und Verbreitung neuer Kommunikations- und Informationstechnologien beigetragen, sondern ebenso die Konstitution einer Cyborg Science angeregt, welche das Verständnis von humaner Subjektivität grundlegend veränderte. Insbesondere die mit der Subjektivierung von Arbeit verbundene Genese neuer Formen der Selbststeuerung kann auch als Resultat dieses Paradigmenwechsel interpretiert werden. Derzeit zeichnet sich, wie der Beitrag deutlich macht, infolge der Nutzung der Social Media eine neue Stufe des Wandels der Arbeitssteuerung im Sinne einer Kybernetisierung 2.0 ab.
Cybernetisation of Labour – New Developments in Control of Work

The article aims to demonstrate how changes in the control of work have been achieved through the enforcement of a cybernetic paradigm in the last decade. Such a cybernetic approach not only promotes the development and the dissemination of new communication and information technologies, but equally it has led to the creation of a cyborg-science. This in turn has fundamentally changed our understanding of the subjective nature of human beings. In particular, the genesis of new forms of self-control, which is connected with the so called “subjectification of work”, can be considered a result of this paradigm shift. As the article indicates, new forms of social media have brought a new level of control within the workplace. This can be best described as Cybernetisation 2.0.

Fabian Hoose, Patricia Schütte

Fragmentierte Solidarität. Das Ende des organischen Zusammenhaltes durch subjektivierte Erwerbsarbeit

In diesem Beitrag soll das Verhältnis von Solidarität und Subjektivierung in Bezug auf Erwerbsarbeit in den Blick genommen werden. Für die gesellschaftliche Entwicklung ist Arbeit zentral, da die Formen, in denen Menschen diese leisten und vollbringen, maßgeblich in Wechselwirkung zu ihren Lebensbedingungen stehen. Die Herausbildung der modernen Arbeitsformen in kapitalistisch organisierten Wirtschaftssystemen im 19. und 20. Jahrhundert ist dabei durch Kollektivierung geprägt gewesen. Bis in die 1990er galt „Solidarität“ als grundlegendes Scharnier arbeitsweltlicher Ordnung, in der Folgezeit entwickeln sich Individualisierung und „Subjektivierung“ zu Phänomenen, welche die Arbeitswelt in vielerlei Hinsichten überlagern und verändern. Auf der Suche nach den zukünftigen Formen von Arbeit ist so bspw. der „Arbeitskraftunternehmer“ bekannt geworden. Solidarische Einstellungen verschwinden jedoch auch mit dem Übergang zur Wissensgesellschaft, in der subjektivierte Formen von Erwerbsarbeit dominieren, nicht. Solidarität in einer durch subjektivierte Wissensarbeit geprägten Erwerbsgesellschaft nimmt aber eine neue Form an, die im Beitrag als subjektivierte Solidarität bezeichnet wird.
Fragmented solidarity. The end of the organic cohesion through subjectificated work

In this paper, the relationship of solidarity and subjectification in matters of employ-ment is examined. Employment can be regarded as a main element for the develop-ment of societies since the forms, in which people work, significantly affect their living conditions. The development of modern forms of employment in capitalist economies in the 19th and 20th century has been influenced by collectivity and solidarity. Up to the 1990s solidarity can be regarded as a main mechanism of the arrangement of work and employment. In the following years, individualization and “subjectivication” (“Subjektivierung”) have become phenomena that changed the employment relationship and working conditions in many ways. In the search of future forms of employment, the “entreployee” (“Arbeitskraftunternehmer”) has experienced a lot of attention. In the transition towards a knowledge-based society (in which subjectificated forms of work are dominating) solidarity between working people does not become redundant. Instead, solidarity in such a working society will turn into new forms. In this paper, we call this subjectificated solidarity (subjektivierte Solidarität).

Daniela Tieves

Die Rolle von Solidarität in der Bewältigung von Schichtarbeit – Zur Bedeutung der Schichtmannschaft

In der Literatur werden in der Beobachtung von Schichtarbeit und ihren Auswirkun-gen soziale Desynchronisationserfahrungen der betroffenen Beschäftigten geschil-dert. Daran anknüpfend wird Solidarität in einer Schichtmannschaft als Ressource zur Bewältigung der an den/die Beschäftigte/n gestellten Aufgaben durch die atypi-sche Arbeitszeitorganisation diskutiert. Dazu wird zunächst das Phänomen der Schichtarbeit skizziert und davon ausgehend das zugrunde liegende Projekt mit seinen Forschungsfragen nach den sozialen und biographischen Auswirkungen der Schichtarbeit vorgestellt. Die Diskussion des Konzeptes der Solidarität zur Bewältigung der Aufgabe Schichtarbeit wird anhand der Vorstellung eines Falles und dessen Rekonstruktion vorgenommen. Abschließend wird in einer Diskussion das Konzept skizziert.
The Role of Solidarity while dealing with shiftwork – The importance of direct colleagues

Based on the outcomes of shift work in literature and the experience of social desynchronisation for affected workers, the article analyzes solidarity in a group of workers, who are on the same shift cycle, as a possible resource for dealing with the demands of shift work. Those demands arise out of the working time organization and the workers have to deal with those demands on an individual basis. The article begins with a short summary to describe shift work and its outcomes, from which the research questions of the underlying project are developed. The main discussion of solidarity among workers in a specific group is then laid out using a specific case and its reconstruction.

Sophie Rosenbohm

Die Europäische Aktiengesellschaft (SE) – Neue Impulse für die grenzüberschreitende Kooperation von Arbeitnehmern in Europa?

Die Europäische Aktiengesellschaft (lat. Societas Europaea, SE) ist die erste supra-nationale Unternehmensform im Europäischen Wirtschaftsraum. Im Zuge einer SE-Gründung verhandeln Management- und Arbeitnehmervertreter auch über die Ein-richtung eines europäischen Vertretungsorgans oder Verfahrens zur Unterrichtung und Anhörung in grenzüberschreitenden Angelegenheiten. Vor diesem Hintergrund geht der Beitrag der Frage nach, inwiefern die SE-Gründungen zu neuen Formen der grenzüberschreitenden Kooperation von Arbeitnehmern in multinationalen Unternehmen beitragen. Es zeigt sich, dass die SE-Gründungen zu einer neuen Dynamik in der Verbreitung von europäischen Informations- und Konsultationsgremien führen, wobei allerdings die Handlungsmöglichkeiten und das Aktivitätsprofil der Gremien in den einzelnen Unternehmen stark variieren.
The European Company (SE) – A new impetus for cross-border cooperation of employees in Europe?

The European Company (lat. Societas Europaea, SE) has been the first supranatio-nal corporate form in the European Economic Area. In the process of establishing an SE management and employee representatives, there has to be decided whether they will establish a European employee information and consultation body or procedure. Against this background, the article examines how the SE foundations contribute to new forms of cross-border cooperation of employees in European companies. It turns out that the SE leads to a new dynamic in the dissemination of European information and consultation bodies although the capacity for information and consultation and their level of activities vary considerably.

Jessica Pflüger

Arbeitssoziologische Forschungspraxis im internationalen Vergleich – Vielfalt oder Standardisierung?

Dieser Beitrag rückt die Arbeits- und Industriesoziologie selbst in den Mittelpunkt. Auf der Basis von Dokumentenanalysen und qualitativen Interviews mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wird im internationalen Vergleich von Großbritannien und Deutschland deren empirische Forschungspraxis fokussiert. Historisch sind in den beiden Ländern markante Parallelen der ‚Arbeitsforschung‘ ersichtlich, vor allem auch hinsichtlich ihrer methodischen Traditionen. Mit Blick auf die Industrial Relations Forschung in Großbritannien zeigen sich diesbezüglich jedoch in den letzten Jahren gravierende Veränderungen. Diese scheinen sich weniger in Richtung Vielfalt und Innovation zu bewegen, sondern hin zu einer ‚Standardisierung von Forschungspraxis‘. Der Beitrag ordnet diese Entwicklung wissenschaftssoziologisch ein und fragt, ob Ähnliches in Deutschland zu erwarten ist.
Between diversity and standardisation – An international comparison of research practice in Industrial Relations

This article focuses on how research is being done in Industrial Relations Research and Sociology of Work in Great Britain and Germany. Historically, those two fields are characterised by striking similarities, for example in method traditions. However, lately one can witness substantial changes in British research practice. Documentary evidence and interviews with British scientists indicate that research gets more and more standardised. This ‘standardisation of research practice’ in British Industrial Relations Research is examined from a Sociology of Science perspective and contrasted with developments in this field in Germany.

Fritz Böhle

Laudatio auf Burkart Lutz