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Mai

Editorial: Nick Kratzer

Arbeits- und Industriesoziologische Studien

Andreas Boes, Tobias Kämpf, Barbara Langes, Thomas Lühr

Informatisierung und neue Entwicklungstendenzen von Arbeit

Der Aufstieg neuer Informations- und Kommunikationstechnologien verändert Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeit grundlegend. Der Aufsatz betrachtet diesen Wandel unter einer informatisierungstheoretischen Perspektive und fasst ihn als Moment der Steigerung geistiger Produktivkraft. Mit dem Aufstieg des Internets entwickelt sich ein Informationsraum, der als sozialer Handlungsraum und Raum der Produktion genutzt wird. Der Produktivkraftsprung führt zu einem Wandel in den Unternehmen und damit zu einem neuen Unternehmenstyp, der – in Abgrenzung zu den klassischen und fordistischen Großunternehmen – als „Unternehmen 2.n“ bestimmt wird. Die Herausbildung dieses neuen Unternehmenstyps wird am Beispiel von IBM illustriert. Abschließend werden drei zentrale Folgen für die Entwicklung von Arbeit umrissen: die zunehmende Bedeutung einer global vernetzten Ökonomie, neue Formen der Industrialisierung, die auch die Kopfarbeit adressieren und schließlich das „System permanenter Bewährung“ als neue Lösung des Transformationsproblems in den Unternehmen, die dem Warencharakter der Arbeitskraft eine neue Schärfe und Kontur verleiht. Diese Entwicklungen werden insgesamt als Momente eines neuen, „informatisierten Produktionsmodus“ begriffen.
Informatization and new trends of work

The rise of new information and communication technologies induces a fundamental change in economy, society and work. From the perspective of a theory of informatization, the article interprets this change as a moment of an increase of mental productive forces. With the rise of the internet, an information space emerges which is used as a space for social action and a space of production. This leap in productivity leads to a change and to the development of a new type of enterprise, “enterprise 2.n”, as opposed to the big enterprises of traditional resp. fordistic nature. The emergence of this new type of enterprise is illustrated using the example of IBM. Finally three central consequences for the development of work are outlined: the increasing relevance of a globally networked economy, new forms of industrialization addressing also mental work, and a “system of permanent probation” as a new solution of the transformation problem, which entails a new accentuation and acuteness to the commodity character of workforce. On the whole, the developments described are understood as moments of a new mode of production, the “informatized production mode”.

Tanja Carstensen

Zwischen Handlungsspielräumen und eigensinniger Materialität: Subjekte im Umgang mit den Herausforderungen der Internet-Arbeitswelt

Der Wandel der (Erwerbs-)Arbeit wird in der Arbeits- und Industriesoziologie u.a. mit den Begriffen Entgrenzung, Prekarisierung und Subjektivierung charakterisiert. Für die arbeitenden Subjekte hat dieser Wandel ambivalente Effekte zwischen Autonomiegewinnen und neuen Belastungen. Zusätzlich dazu hat aber auch das Internet wirkmächtig zu grundlegenden Veränderungen der Arbeitsbedingungen geführt, die bei der Analyse des Wandels der (Erwerbs-)Arbeit bisher wenig mitberücksichtigt werden. Dabei stellt das Internet neue und eigene Anforderungen an die Subjekte, macht Setzungen und prägt das Arbeitshandeln. Gleichzeitig agieren die Subjekte im Umgang mit diesen Anforderungen wiederum keinesfalls gleichförmig, sondern eigensinnig und definitionsmächtig. Der vorliegende Artikel untersucht die Wechselwirkungen zwischen diesen Handlungsspielräumen der Subjekte und dem Eigensinn und der Wirkmacht des Internets. Empirische Grundlage sind Ergebnisse aus Interviews und Aufzeichnungen von Internetpraktiken junger Menschen, die in der Internetbranche arbeiten.
Between room for manoeuvring and obstinate materiality: subjects handling the challenges of the internet working world

Work and industrial sociology discuss the transformation of work among others with the keywords, deboundering, precarisation and subjectivation. Working subjects are faced with ambivalent effects between gains of autonomy and new requirements. Additionally, the internet powerfully caused fundamental transformations, which receive scant attention within the analyses of the transformations of work. Indeed, the internet makes new and special demands, causes facts and shapes work practices. At the same time, subjects do not act uniformly, but stubbornly and are powerful to define requirements. This paper investigates the interaction between the subjects’ room for manoeuvring and the obstinacy and power of the Internet. It‘s based on results of interviews as well as recordings of internet practices of young adults who work in the internet sector.

Peter Brödner

Durch „Information“ desinformiert? Zur Kritik des Paradigmas der Informationsverarbeitung

Die Persistenz von Problemen beim Einsatz großer Computersysteme in und zwischen Organisationen nährt den Verdacht, dass bei Analyse, Systemgestaltung und -einführung grundsätzliche Fehler begangen werden. Der dabei zentral verwendete, aber gänzlich unscharfe Informationsbegriff verschleiert wesentliche Probleme und führt zu Missverständnissen und Mythenbildungen. Zwecks Überwindung dieser Schwierigkeiten entwickelt der Beitrag, gestützt auf die Peircesche Analyse der Logik der Zeichen und den damit ermöglichten Anschluss an die Giddenssche Strukturationsperspektive auf soziale Praktiken, alternativ einen geeigneteren Analyserahmen. Diese integrale Sicht auf computerunterstützte soziale Praktiken von Organisationen schärft den Blick für einige grundlegende, aber häufig übersehene Herausforderungen in Analyse, Verständnis und Gestaltung digitaler Organisationen. Ihre Vorzüge werden anhand langjähriger Forschungsarbeiten zu computer-basierter Organisationsentwicklung demonstriert.
Disinformed by 'information'? Criticising the information processing paradigm

Persistent problems with applying large computer systems in and between organizations raise suspicion that requirements analysis, design and implementation processes are fundamentally flawed. The central, but totally fuzzy concept of information, that these activities are normally based on, obscures essential problems and leads to misconceptions and the generation of myths. In order to overcome these challenges, the paper presents an alternative, more appropriate analytical framework based on the Peircean logic of signs that, on her part, allows for alignment with Giddens' theory of structuring social practices. This integrated view of computersupported social practices in organizations allows a more focused access to fundamental, but frequently missed challenges of analysing, comprehending and designing digital organizations. Long standing research on computerbased organizational development demonstrates the benefits.

Heidemarie Hanekop

Communitybasierte Produktion mit Unternehmen: ein neuer Produktionsmodus im Web?

Nutzer und Kunden beteiligen sich im Rahmen von Interessencommunities im Web an der Herstellung der von ihnen genutzten Produkte und Services. Der Modus der Produktion mit solchen volatilen, unabhängigen, nicht in den Kontext einer Organisation eingebundenen Akteuren basiert auf selbstgewählten, kleinteiligen und modularen Beiträgen im Rahmen von inkrementellen, nicht ex ante planbaren Prozessen. In dem Beitrag werden zwei Fälle vorgestellt – ein Userforum und eine Open Source Community – in denen Unternehmen solche communitybasierten Produktionsprozesse initiieren und organisieren. Die komplexe Koordination erfolgt durch eine webbasierte Kollaborationsplattform, deren Betreiber die Unternehmen sind. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit zeigen beide Fallstudien, dass die Koordination verteilter Produktionsprozesse mit Nutzern hochgradig formalisiert und vollständig IT-basiert gesteuert wird. Kollaborationsplattformen sind eine zentrale Komponente dieses Produk-tionsmodus, mit denen Unternehmen nicht nur Beteiligungsmöglichkeiten schaffen, sondern durch die implementierten Regeln Prozesse koordinieren und kontrollieren.

Ulf Ortmann

Der Leistungsanspruch von RFID. Mit Popitz durch die Informationsgesellschaft

Die Radiofrequenzidentifikation (RFID) ist sowohl zentrales Element technischer Vorhaben (Stichwort: Industrie 4.0) als auch Gegenstand zivilgesellschaftlicher Diskussionen (Stichwort: Datenschutz). Für die Arbeits- wie für die Techniksoziologie stellt sich damit die Frage, nicht ob, sondern wie diese ,autonome‘ Technik an konkreten Arbeitsabläufen beteiligt ist und was es praktisch bedeutet, dass RFID-Etiketten in Alltagsgegenstände und Arbeitsabläufe integriert sind. Die hier in zwei ethnographischen Fallstudien in einem Textillager und in einer Bibliothek entwickelte These ist, dass die automatische Identifikation durch RFID nicht unauffällig – oder pessimistischer gesehen: hinter dem Rücken der Akteure – geschieht, sondern dass die Technik im praktischen Umgang konkrete Anforderungen stellt: einen ,Leistungsanspruch‘. Erstens muss diszipliniert gescannt und geprüft werden, ob die über RFID gescannten Objekte korrekt identifiziert werden. Zweitens muss beim Identifizieren an RFID-Anlagen laufend improvisiert werden. Drittens muss – in den Fällen, in denen die Befugnisse und Kompetenzen des Einzelnen nicht ausreichen – bei der automatischen Identifikation kooperiert werden.
Working with RFID. Challenging the concept of invisible assistants

Radio Frequency Identification (RFID) is a prominent example of ubiquitous computing technology. Through RFID, physical objects are tagged with unique addresses and can be identified remotely. In contrast to the concept of ubiquitous computers as ,invisible assistants‘ the results of my ethnographic case studies in a warehouse and in a library suggest that workers, employees and customers of the library are facing three practical challenges: (1) They have to scan RFID-tagged objects, and to check if these objects are identified correctly. (2) The identification of RFID-tagged objects is prone to interference; this essential vagueness is an ongoing part of a user’s individual diagnosing and improvisation – in the cases where a user’s competence is sufficient to solve the problems that arise. (3) The technology’s essential vagueness is an ongoing task of collective diagnosing and improvisation – in the cases that an expert’s help is needed.

Maximiliane Wilkesmann, Johannes Weyer

Nichtwissen und Fehlermanagement in hochtechnisierten Organisationen

Ausgehend von der Ein- und Abgrenzung der Begriffe „Wissen“ und „Nichtwissen“ wird in diesem Beitrag analysiert, wie interaktive Kognitionsprozesse in hochtechnisierten Organisationen funktionieren. Im Zentrum der Analyse steht der Umgang mit Nichtwissen und Fehlern, der am Beispiel zweier Berufsgruppen untersucht wird. Am Beispiel von Critical-Incident-Reporting-Systemen in Krankenhäusern und in der Luftfahrt wird in vergleichender Perspektive analysiert, wie Wissens- und Nichtwissensprobleme angesichts fortschreitender Technisierung bewältigt werden.
Ignorance and critical incident management in high reliabilty organizations

Starting from defining the terms "knowledge" and "ignorance", we analyze interactive cognitive processes in high reliability organizations. Especially in the field of medicine and aviation it is important to know how doctors and pilots deal with ignorance and failures. For this purpose, we compare the use of critical-incident-reporting systems with the help of two case studies in medicine and aviation.

Christoph Köhler, Sebastian Barteczko, Stefan Schröder, Karl-Friedrich Bohler

Der Arbeitskraftunternehmer ist tot – es lebe der Arbeitskraftunternehmer! An-merkungen zur Frage der Selbstvermarktung abhängig Beschäftigter

Der vorliegende Essay stellt nach fünfzehn Jahren Diskussion um den Arbeitskraftunternehmer-Ansatz und auf der Basis von neueren empirischen Befunden und unterschiedlichen theoretischen Perspektiven die Frage nach seiner Aktualität. Wir fokussieren auf Selbst-Vermarktungsstrategien auf externen Arbeitsmärkten und diskutieren diese Frage in drei Schritten. Nach einer kurzen Einleitung wird am empirischen Material geprüft, ob und inwieweit Merkmale des Idealtypus in Erwerbsorientierungen von abhängig Beschäftigten ihre Entsprechung finden. Sodann stellen wir mit strukturalistischen und systemtheoretischen Theorieperspektiven Erklärungsansätze und Prognosen vor. Abschließend entwickeln wir die These, dass das Arbeitskraftunternehmer-Theorem weiterhin fruchtbar für die wissenschaftliche Forschung ist und nicht vorzeitig beerdigt werden sollte.
The Human Capital Entrepreneur is dead – long live the Human Capital Entre-preneur! Remarks on the question of employees‘ self marketing

The German approach of the Human Capital Entrepreneur (Arbeitskraftun-ternehmer) has been discussed now for fifteen years. On the basis of new empirical material and different theoretical perspectives this essay poses the question whether the approach is still relevant. It focuses on selfmarketing strategies and proceeds in three steps. After a short introduction, we firstly test the approach empirically. Secondly, controversial explanations and prognoses from a structuralist and system theoretical perspective are developed. We thirdly and finally argue that the Human Capital Entrepreneur remains to be a stimulating concept and should not be buried prematurely.