Seite empfehlen | Seite drucken

November

Editorial: Heike Jacobsen

Arbeits- und Industriesoziologische Studien

Irene Dingeldey, André Holtrup, Günter Warsewa

Governance von Arbeit im deutschen Erwerbssystem: Alte, neue oder keine Normalitäten?

Seit dem Ende der Industriegesellschaft lastet auf Unternehmen, Arbeitsmärkten, Sozialversicherungssystemen, Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen in Deutschland ein anhaltend starker Veränderungsdruck; sie werden in hohem Tempo reformiert, modernisiert und ,umgebaut‘. Die Organisation von Arbeit wird verstärkt an die Erfordernisse der Märkte angepasst, neue Segmente prekärer Beschäftigung entstehen, aber gleichzeitig wachsen in vielen Bereichen auch die Handlungsspielräume und die Ansprüche der ArbeitnehmerInnen. Der Beitrag analysiert den Wandel insbesondere unter dem Gesichtspunkt von institutionellen Reformprozessen und den darauf bezogenen Reaktionen gesellschaftlicher Akteure. In Anlehnung an institutionentheoretische Konzepte werden für das deutsche Erwerbssystem vor allem unzureichende institutionelle Anpassungen an gesellschaftlichen Wandel (Drift) und Anlagerungen ,neuer‘ an bestehende Institutionen (Layering) diagnostiziert; gemeinsam fügen sich diese Muster in eine Dynamik der Dezentralisierung von Regulierungs- und Entscheidungskompetenzen. Die reflexiven Reaktionen kollektiver und individueller Akteure wirken sich in Prozessen der Einkapselung traditioneller Beschäftigungsmuster, der Re-Organisation von Machtkonstellationen oder der Kompensation zusätzlicher Belastungen aus. Die sozialen Konsequenzen folgen einer Logik der bipolaren Heterogenisierung, d.h. neben dem fortbestehenden, aber schrumpfenden Kern der Erwerbsbevölkerung, dessen Lebenszusammenhänge weiterhin durch Normalarbeitsverhältnis, Normalfamilie und Normalbiographie bestimmt sind, entwickelt sich eine wachsende Divergenz von einerseits privilegierten, andererseits prekarisierten Lebensverhältnissen. Die Verteilung auf diese verschiedenen Segmente scheint dabei vor allem vom Bildungsstatus und der Familienform abzuhängen.
Governance of labour in the German employment system: old, new or no normalities at all?

Since the end of the industrial era, a pressure to change weighs heavily on companies, labour markets, social systems, working and employment conditions. The German system of labour organization and regulation experiences a lasting sequence of rapid reforms and modernisations. Labour organization becomes increasingly adopted to the requirements of labour markets, and new segments of precarious employment emerge. At the same time, the scope of action and the claims of many employees are expanding. These processes are examined under the aspect of institutional change and resulting reactions of different actors. Firstly, the dynamics of the german labour system are characterized by either insufficient adjustment to societal changes or by appending some new elements to traditional institutions. Both of these processes blend in to the decentralisation of competences and liability for decision making and regulation. Secondly, reflexive reactions of collective and individual actors result in encapsulation of segments of traditional employment, in an ongoing reconfiguration of power relations or in a compensation of additional risks and burdens. The social consequences of these changes in the labour system, thirdly, generate a tendency towards a bipolar heterogeneity: Beyond the persisting, but shrinking, segment of groups with employment patterns characterized by ,traditional normality‘, the labour system brings about an increasing divergence of privileged on the one hand and precarious living conditions on the other hand. The allocation of individuals to these segments by the mechanisms of the labour system seems to depend mainly on the educational status and the family constellation.

Pamela Wehling, Katja Müller

Ungleich, vergleichbar, gleich – auf dem Weg zur geschlechtsneutralen Arbeitswelt? Geschlechtliche Differenzierungsprozesse im Kontext von Arbeit

Die Geschlechterdifferenz als Prädiktor für den Zugang zu und die Entlohnung von Arbeit wurde bereits im 19. Jahrhundert institutionalisiert und ist bis heute wirksam. An den Fallbeispielen der Leichtlohngruppen sowie der Aufhebung des Nachtarbeitsverbotes für Arbeiterinnen wird gezeigt, wie die Bezugnahme auf Differenzvorstellungen der Geschlechter nach 1945 im Rechtssystem de-legitimiert wurde und welche Konsequenzen hieraus im Hinblick auf die bislang übliche Praxis der geschlechtsspezifischen Entlohnung und Regulierung von Arbeit entstanden. Untersuchungsleitend ist dabei die Fragestellung, ob der rechtlichen De-Legitimierung der Geschlechterdifferenz auch ein institutioneller Wandel im Sinne einer De- bzw. Re-Institutionalisierung (Jepperson 1991) der Geschlechterdifferenz in den Bereichen Arbeitszeit und Entlohnung folgte. So zeigt sich, dass im Fall der Aufhebung des Nachtarbeitsverbotes die funktionale Arbeitsteilung im Alltag die rechtliche De-Institutionalisierung der Geschlechterdifferenz unterläuft während bei den Leichtlohngruppen die Geschlechterdifferenz re-institutionalisiert wird, indem geschlechtsneutrale Kriterien für die Bewertung von Arbeit definiert werden, die jedoch die Differenzannahme weiterführen, wenngleich auch anders arrangiert.
Unequal, comparable, equal – towards a gender-neutral world of work? Sexual differentiation processes in the context of work

The interpretative pattern of the gender difference in the context of work was constructed in the 19th century, subsequently there was a gender difference in the regulation of pay and working time. The case studies of low income groups and prohibition of night work for women illustrate how the concept of gender difference was de-legitimized after 1945 and which discursive processes followed this erosion of the usual practice of pay and working time regulations. Relevant for the analysis is the research question of whether an institutional change in the sense of re- or de-institutionalization (Jepperson1991) of the gender difference in the areas of remuneration and working time took place. It becomes apparent that the category gender may not be directly decisive for the access to and remuneration for work, but in both cases, gender is introduced indirectly again: In case of the prohibition of night work the functional division of labor undermines the legal de-institutionalization of the gender difference. Whereas in the low income groups the gender difference is re-institutionalized, by the definition of gender-neutral criteria for the evaluation of work, but which perpetuate the difference assumption, although arranged differently.

Thomas Goes

Solidaritäts- und Mobilisierungspotenziale bei prekarisierten Beschäftigten im Großhandel

Prekarisierung hemmt die Solidaritäts- und Mobilisierungsfähigkeit für kollektives Interessenhandeln, so eine verbreitete Diagnose. Aber sie trifft auch auf eigensinnige Ungerechtigkeitswahrnehmungen zu, die zu Ausgangspunkten solidarischer Interessenpolitik gemacht werden können. Es werden drei Deutungsmuster rekonstruiert, die die Verarbeitung von Prekarisierungsprozessen leiten und sich hinsichtlich der in ihnen entfalteten Solidaritäts- und Mobilisierungspotenziale unterscheiden.
Increasing precarity, framing and resources for solidarity and collective action. The case of workers in wholesale.

It is a popular diagnosis among scholars of industrial relations, that the precarisation of work is limiting the possibilities for solidarity and collective action among workers. But as empirical data shows, also new perceptions of injustice are arising, which could be used as a starting point for union politics. In the following, three frames of interpretation are reconstructed, which workers apply in order to handle their social situation. Each frame deploys different potentials for solidarity and collective action.

Martina Maletzky, Ludger Pries

Die Transnationalisierung von Arbeitsmobilität. Entwicklungstrends und ausgewählte Herausforderungen ihrer Regulierung

In den letzten beiden Jahrzehnten haben sich Ausmaß und Qualität grenzüberschreitender Arbeitsmobilität stark verändert. Neben (individueller) Arbeitsmigration nimmt die organisational gesteuerte Mobilität zu. Immer mehr Beschäftigte von Profit- und Non-Profit-Organisationen arbeiten für eine Zeit und unter variierenden vertraglichen Bedingungen im Ausland. Dies bringt neue Herausforderungen für die kollektive Regulierung der Beschäftigungs-, Arbeits- und Partizipationsbedingungen insgesamt mit sich wie etwa hinsichtlich der Bemessungsgrundlagen von Vergütung transnationaler Beschäftigter oder in Bezug auf deren Interessenvertretung. Gleichzeitig stellen sich im Zusammenhang transnationaler Arbeitsmobilität neue Fragen der Gerechtigkeit wie etwa die nach vergleichbaren Berufsgruppen im Ankunfts- oder Herkunftsland oder nach den zu berücksichtigenden Normen. Der Beitrag beschreibt Tendenzen und Formen von grenzüberschreitender Arbeitsmobilität und diskutiert die entsprechenden Herausforderungen und Anforderungen für transnationale Erwerbsregulierung.
Transnationalisation of labour mobility. Trends and challenges for its regulation

During the last two decades the volume and quality of cross-border mobility of work changed substantially. Besides individual labour migration, the mobility inside profit- and non-profit-organisations extended and differentiated in its forms. Transnational organizational mobility is part of labour conditions for more and more employees. New challenges concerning the collective regulation of the conditions of employment, work and participation arise: what is the frame of reference for payment of transnational mobiles? Who is responsible for representing their interests? There are also new questions of justice like the employment and working criteria for people working in the same area but with different contract conditions. The article analyses patterns and recent trends of cross-border mobility of work and discusses the challenges and requests for transnational labour regulation.

Jens Bergmann, Thorsten Prigge, Maximilian Reff

Fundamente leistungsbezogener Arbeitsorganisation: Implizites Regelwissen im Organisationsvergleich

Der Aufsatz vergleicht Kontextbedingungen von Arbeit in Organisationen verschiedenen Typs. Anhand einer explorativen, qualitativen Vergleichsstudie wird der Frage nachgegangen, ob sich im Zuge vergleichbarer Rationalisierungsstrategien vergleichbare Arbeitsweisen in einer Verwaltung und in einem Unternehmen ergeben haben. Dies soll am Beispiel impliziten Regelwissens, das sind Hintergrunderwartungen und Voraussetzungen der Geltung von Regeln, exploriert werden. Anlass dieser Fragestellung sind ähnliche organisationale Regeländerungen, die im Zuge von Neuer Leistungssteuerung und New Public Management flächendeckend in Organisationsstrukturen implementiert wurden. Die These lautet, dass organisationstypenspezifische Strukturbedingungen unterschiedliche Wechselwirkungen zwischen expliziten Regeln und implizitem Regelwissen bedingen. Verwaltungen und Unternehmen haben sich daher in der Folge dieser Reformwelle kaum angeglichen.
Foundations of performance-orientated working rules: comparing implicit, rule-related knowledge in organizations

The article compares terms of context of work, using the example of performance-related rules in organizations of different types. On the basis of an explorative, qualitative comparative study the question is followed, whether and to what extent the use of comparable rationalization strategies led to comparable ways of working in an administration and a business corporation. This question will be explored on the subject of implicit rule-related knowledge (preconditions of the validity of rules). Reasons for this kind of question are changes of organizational rules that took place extensively in the course of reforms like New Public Management and the implementation of new performance management systems. The assumption is that organizational-type structures determine different kinds of implicit rule-related knowledge. Therefore administrations and business organizations did not align themselves as a consequence of the reform-wave.

Mitteilung

Forschungsprojekt: „Gesellschaftliche Vorstellungen sinnvoller Arbeit und individuelles Sinnerleben in der Arbeitswelt“