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November

Editorial: Nicole Mayer-Ahuja, Wolfgang Dunkel, Frank Kleemann

Arbeits- und Industriesoziologische Studien

Wolfgang Menz, Knut Tullius

Stellvertreterpolitik in der Legitimitätskrise? Bedingungen und Grenzen von Aktivierung und Mobilisierung

In Deutschland sind die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit in einer Weise strukturiert, institutionalisiert und als symbolische Ordnungsvorstellung charakterisiert, die als „sozialpartnerschaftlich“ bezeichnet wird. Für den Kompromisscharakter dieser Ordnung ist typisch, dass sich dessen Legitimität aus Sicht der Arbeitnehmer vor allem an der angemessenen Beteiligung an den Ergebnissen – dem Output: v.a. Entgelt, Beschäftigungssicherheit, Qualität der Arbeit – bemisst. Ansprüche auf Beteiligung an Entscheidungen und Entscheidungsverfahren, dies zeigen unsere empirischen Befunde, sind in Bezug auf den Nahbereich der Arbeit sehr stark ausgeprägt, Ungerechtigkeitserfahrungen verbreitet. Beteiligung und Mitwirkung an interessenpolitischen Entscheidungen spielen dagegen in vielen Fällen vor allem als Stellvertreterbeteiligung eine Rolle. Jedoch finden sich auch Beispiele für eine Dynamisierung von Anspruchsverletzungen, die zu einer (Selbst-)Aktivierung und Mobilisierung von Beschäftigten führen – wir beleuchten deren Bedingungen und Grenzen.
Legitimacy crisis of delegated participation? Terms and conditions of employee activation and mobilization

The idea and ,spirit‘ of ,social partnership‘ has fulfilled an important legitimizing function in the German system of industrial relations. It provided a symbolic and normative framework for a specific institutionalization of class compromise within German capitalism. The ,logic of legitimation‘ of this compromise is focused on the distribution of outcome (wages, employment security, working time etc.) according to the principle of equity (not equality). Input-legitimation (participation on decision-making) is based on a professionalized, centralized (and stable) interest representation – this delegation of participation is legitimate as long as a ‘fair’ share of the outcome is secured. This article asks whether delegated participation is still seen as a legitimate form of interest representation, and presents some empirical evidence on the conditions of direct employee participation and mobilization.

Mario Becksteiner

Bürokratie, Subjekt, Ko-Evolution. Eine (Neu-) Vermessung ihres Verhältnisses

Der Beitrag versucht sich an einer Neuvermessung des Zusammenhangs von deviantem Verhalten von Lohnabhängigen und der Entwicklung betrieblicher Bürokratie. Um diesen Zusammenhang analytisch greifbar zu machen wird eine Heuristik der Ko-Evolution angelegt und mit Hilfe der Theorie von Cornelius Castoriadis ein theoretischer Rahmen gespannt. Dieser Rahmen ermöglicht es, unterschiedliche Ebenen der Legitimation devianten Verhaltens von Lohnabhängigen aufzuspüren und gleichzeitig die Ebenen betrieblicher Realität zu benennen, die damit kritisiert werden. Der Beitrag untersucht dies anhand von Reportingprozessen in einem transnationalen deutschen Konzern. Die Untersuchung zeigt, dass deviantes Verhalten nicht unbedingt Sanktionen nach sich ziehen. Insbesondere wenn die Kritik immanent bleibt und die Devianz im Sinne einer, brauchbaren Illegalität‘ den Produktionsprozess nicht stört und begründet wird mit operativer oder kaufmännischer Rationalität, gibt es keine Sanktionierungen. Erst wenn sich in der Devianz eine Art von Kritik artikuliert, die grundlegender den Rationalitäts- oder Wahrheitsanspruch von betrieblichen Bürokratien angreift, scheinen Sanktionierungen an der Tagesordnung.
Subjectivity – Bureaucracy – Co-Evolution. Re-analyzing their relationships

The paper examines the relation between deviant subjectivity of white-collar-workers and the development of enterprise bureaucracy. Therefore, a heuristic concept of co-evolution is being developed and connected to the theories of Cornelius Castoriadis. This framework allows an analysis of different levels of legitimation concerning deviant action of workers. It also uncovers the different levels of reality in enterprises, which get criticized by the deviant actions. The paper is based on empirical work, done in a transnational german enterprise focusing on reporting processes. Drawing on this empirical data, not every form of deviant action tends to result in sanctions by the enterprise bureaucracy. Especially when deviant action remains in the framework of an output logic and legitimates itself via operative necessities or mercantile rationality, no sanctions can be observed. But if these frameworks are left behind and the critics and the deviant actions are based on arguments, which challenge the control of the enterprise bureaucracy over the definition of truth or rationality, sanctions can be observed.

Philipp Staab

Personale Herrschaft und die Horizontalisierung des Arbeitskonfliktes

Der Beitrag untersucht Arbeitskonflikte im Segment einfacher Dienstleistungsarbeit. Hier wurde in den vergangenen Jahren eine erhöhte Streikaktivität konstatiert, die als Teil einer Schwerpunktverschiebung des Arbeitskampfgeschehens vom industriellen in den tertiären Sektor, als eine Tertiarisierung des Arbeitskonfliktes gedeutet wird. Der Beitrag argumentiert, dass der Arbeitskonflikt in den einfachen Dienstleistungen mit einer am Arbeitskampfgeschehen ausgerichteten Analyse nur unzureichend verstanden ist. Es wird für eine tiefe Theorie des Arbeitskonfliktes plädiert, die auch mikropolitisches Handeln auf der Ebene des Arbeitsprozesses als alltäglichen Arbeitskonflikt in die Analyse einbezieht und damit Konfliktfelder erschließt, die in den etablierten Arenen der Konfliktaustragung nicht repräsentiert sind. Am Beispiel typischer Arbeitssituationen im Einzelhandel, in Post- und Paketdiensten sowie Gebäudeservices wird gezeigt, dass im Alltag der Arbeitsprozesse desintegrative soziale Konflikte dominieren. Die Arbeitsprozesse sind von personalen Herrschaftsmodellen geprägt, die auf wechselseitiger Kollegenkontrolle basieren. Es kommt zu einer Horizontalisierung des Arbeitskonfliktes, die der Effekt betrieblicher Kontrollstrategien ist.
Direct Control and the Horizontalisation of Labor Conflicts

This paper analyses labor conflicts in routine service work in Germany. In recent years, a rise in strike activity in this labor-market segment has been observed and interpreted as a shift in the focus of labor disputes from the industrial to the service sector. This paper argues that in order to understand labor conflicts in routine service work, a perspective which focuses exclusively on strikes is inadequate. Instead, a deep theory of labor conflicts is needed, which includes micro-political conflicts in the labor process in the analysis and addresses areas of dispute that are not represented in the classic work on industrial relations. Evidence from three key branches – retail stores, mail distribution, and cleaning companies – suggests that in the case of routine service work, labor processes are shaped by systems of mutual, direct control among colleagues. As a result, disputes over power and autonomy develop, leading to a horizontalisation of the labor conflict.

Stefan Schmalz, Steffen Liebig, Marcel Thiel

Zur Zersplitterung des sozialen Konflikts in Westeuropa: Eine Typologie nicht-normierter Kämpfe um Arbeit

Der Artikel untersucht die Protestwelle in Westeuropa seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09. Wir vertreten die These, dass diese Auseinandersetzungen ein Anzeichen dafür sind, dass der soziale Konflikt in Westeuropa zunehmend aufsplittert; es treten vermehrt ,nicht-normierte Sozialkonflikte‘ auf, die in ihrer Erscheinungsform manchmal eher an vergangene Epochen wie die Hochphase der Industrialisierung im 19. Jahrhundert oder klassische Brot- und Butterkonflikte im späten 18. Jahrhundert erinnern. Als theoretische Prämisse gehen wir davon aus, dass die „Institutionalisierung des Klassenkonflikts“ (Geiger), die sich in der Nachkriegsära vollzogen hatte, heute erodiert. Die nicht-normierten Sozialkonflikte, die einen engen Bezug zur Arbeitswelt haben, stellen wir anhand einer Typologie dar: (a) politische Massenproteste und -streiks, (b) wilde Betriebskonflikte und (c) städtische Unruhen. Mit Hilfe einer Datenbank zu Protestereignissen (JenaConDa, n=5521) arbeiten wir die Ausprägung dieser Konflikte in der EU im letzten Jahrzehnt heraus. Wir gehen auch darauf ein, warum es bisher zu keiner größeren Welle von nicht-normierten Protesten in Deutschland kam und schließen mit einem Plädoyer dafür, dass die Arbeitssoziologie dem Thema Konflikte wieder eine größere Aufmerksamkeit widmen sollte.
The Fragmentation of Social Conflicts in Western Europe. A Typology of Non-Institutionalized Labor Protests

The article analyzes the recent cycle of protest in Western Europe since the financial and economic crises in 2008/09. We state that these protests symbolize the increasing fragmentation of social conflicts. As a result, there is a growing number of ‚non-institutionalized social conflicts‘, which remind on former epochs of capitalism like 19th century industrialization or food riots in late 18th century. On a theoretical level, we argue that the former “institutionalization of class struggle” (Geiger), which was established in the postwar period, erodes nowadays. The emerging non-institutionalized social conflicts are related to the working environment and classified into three categories: (a) mass protests and political strikes, (b) plant occupations and (c) urban riots. We then characterize these conflicts by using quantitative data of protest incidents (JenaConDa, n=5521) during the last decade. Additionally, we explain why there has not been a wave of non-institutionalized protests in Germany yet. Finally, we argue that social conflicts deserve greater attention in labor studies.

Alexander Gallas

Politisierte Streiks: Zur Dynamik und Deutung von Arbeitskämpfen in Großbritannien

In Großbritannien werden Streiks wieder zum Gegenstand politischer Diskussionen – und zwar, ohne dass sich ihre Frequenz nachhaltig erhöht hat. Warum ist das so? Und inwiefern haben gewerkschaftliche Strategien zu dieser Wahrnehmungsverschiebung beigetragen? Dies sind die Leitfragen des vorliegenden Aufsatzes. Der Autor arbeitet eine Veränderung in der politischen Aufladung von Streiks heraus: Wurden Ausstände in der New-Labour-Ära tendenziell von außen politisiert, verschiebt sich dies in der Konjunktur der Krise. Nun sind die Streikakteure selbst diejenigen, die die Politisierung von Streiks vorantreiben. Die Gründe dafür sind einerseits die von Seiten der Regierung Cameron verfolgte Kürzungspolitik, die den öffentlichen Sektor ins Zentrum der Auseinandersetzungen mit der parlamentarischen und der außerparlamentarischen Opposition rückt, und andererseits der Schlingerkurs der Labour Party unter Ed Milibands Führung. In dieser Konstellation zeigt sich auf Seiten der britischen Gewerkschaften ein vorsichtiges Bemühen, eine eigenständige politische Stimme zu finden.
Politicised Strikes: Dynamisms and Interpretations of Industrial Action in Britain

In Britain, strikes have become an object of political debate again – and this has happened despite the fact that the frequency of strikes has not increased significantly. Why is this the case? And in how far did trade union strategies contribute to this shift of perception? These are the guiding questions of the article. The author shows that there is a change in how strikes are charged politically: Industrial action in the new labour era was politicised from the outside, and this is shifting in the conjuncture of crisis. Now the strikers themselves are politicising their activities. There are two reasons for this shift: (a) the politics of austerity pursued by the Cameron government, which put the public sector takes centre stage in the confrontations with the parliamentary and the extra-parliamentary opposition, and (b) the lack of direction of the Labour Party under Ed Miliband’s leadership. In this situation, the unions in Britain are trying somewhat hesitantly to find their own political voice.

Ingrid Artus, Jessica Pflüger

Feminisierung von Arbeitskonflikten. Überlegungen zur gendersensiblen Analyse von Streiks

Streiks sind ein vergleichsweise intensiv erforschtes soziales Phänomen. Allerdings ist die bisherige Streikforschung bis auf wenige Ausnahmen geschlechtsblind. Diese Forschungslücke überrascht, ist doch angesichts der Verlagerung sowohl von Beschäftigten als auch von Arbeitskonflikten in den (stark durch ‚Frauenarbeit‘ geprägten) Dienstleistungsbereich von einer Feminisierung des Streikgeschehens in der Bundesrepublik auszugehen. Welche quantitative und qualitative Bedeutung hat dieser Trend? Führt er zu Veränderungen in kollektiven Organisierungs-, Mobilisierungs- und Konfliktlogiken sowie interessenpolitischen Forderungen? Das sind offene Fragen, die der folgende Beitrag nicht abschließend beantworten kann. Er formuliert jedoch auf Basis einer Sekundäranalyse der (begrenzten) internationalen Literatur zum Thema erste Überlegungen für eine gendersensible Analyse von Streiks. Deutlich wird dabei, dass weitere Forschung von konstruktivistisch informierten, prozessorientierten und kontextspezifischen Analysen des vergeschlechtlichen Streikgeschehens profitieren könnte.
Feminisation of labour disputes. Towards a gender-sensitive analysis of strike action

Strikes, i.e. temporary stoppages of work by a group of employees in order to express a grievance or enforce a demand, are studied quite intensively. However, the previous strike research (with a few exceptions) is gender-blind. This research gap is surprising given that Germany and other countries witness a ‘feminisation’ of labour disputes. This is primarily the consequence of an increasing number of women participating in labour markets, but it is an open and important research question, whether a ‘feminisation’ of strike action leads to new forms and logics of collective action or changes in workers’ demands. Based on a secondary analysis of the (rather limited) international literature on the subject, this paper develops conceptual ideas towards a gender-sensitive analysis of strike action.

Mitteilung

Promotionsvorhaben: Aktivierung in Unternehmen. Eine Analyse der subjektiven Wahrnehmung betrieblicher Eingliederungsaktivitäten durch wiedereingegliederte Arbeitnehmende

Mitteilung

Promotionsvorhaben: Kreativität und Subjektivierung von Arbeit – Eine soziologische Untersuchung zu den Ambivalenzen und gesundheitlichen Belastungen von F&E-Arbeit

Mitteilung

Tagungsbericht: Lernen fördern – Beschäftigungsfähigkeit sichern