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April

Editorial: Frank Kleemann

Arbeits- und Industriesoziologische Studien

Martin Schwarz-Kocher, Rainer Salm

Industriearbeit im Wandel des aktuellen Rationalisierungsparadigmas

Im Zusammenhang mit Ganzheitlichen Produktionssystemen (GPS) hat sich eine neue Rationalisierungslogik durchgesetzt, die wir als „Rationalität synchroner Prozesse“ beschreiben. Dieser gelingt es besser als neo-tayloristischen, aber auch erfolgreicher als früheren posttayloristischen Konzepten, die hohen Flexibilisierungsanforderungen des Marktes zu beherrschen. Die angewandten Lean-Methoden haben im neuen Referenzrahmen nicht mehr vorrangig die Aufgabe, Verschwendung zu reduzieren, sondern sie sollen den abteilungsübergreifenden Fluss im Wertstrom herstellen und nachhaltig absichern. Diese Rationalisierungslogik eröffnet Chancen für eine aktive arbeitspolitische Gestaltung, weil die Elemente Guter Arbeit nicht zwangsläufig gegen die Systemlogik gerichtet sind. Auf der anderen Seite ist aber die aktive arbeitspolitische Gestaltung zwingend erforderlich, da ansonsten der auf die Prozesssynchronität und -effizienz gerichtete Rationalisierungsfokus zur kontinuierlichen Verschlechterung der Arbeitsbedingungen führt.
Changes in industrial labour in light of the current rationalization paradigm

In the context of Holistic Production Systems (HPS), a new rationalization logic, best to be described as the “rationality of synchronous processes”, prevails. Compared to concepts of neo-Taylorism, but also of post-Taylorism, this new logic is better fits the market’s challenging requirements regarding flexibility. In the new frame of reference, the lean manufacturing methods applied no longer put an emphasis on decreasing waste, but rather on establishing and securing the flow in the value stream across departments. Since criteria of “Good Work” are not necessarily contrary to HPS principles, the new logic of rationalization opens up opportunities for active labor policy. Likewise, active labor policy is imperative, as the concept of rationalization focused on synchronization and efficiency of processes would otherwise continuously downgrade general working conditions.

Mascha Will-Zocholl

Die Verlockung des Virtuellen. Reorganisation von Arbeit unter Bedingungen der Informatisierung, Digitalisierung und Virtualisierung

Der aktuelle Wandel von Arbeit und Organisation ist eng verknüpft mit einer fortschreitenden Informatisierung und der Entstehung eines Informationsraums. Als eine spezifische Form der Informatisierung gewinnt die Virtualisierung von Entitäten an Bedeutung. In der Automobilentwicklung zeigt sie sich im Einsatz von 3D-CAD-Software und virtueller Prototypen, die genutzt werden, um Funktionalitäten von echten Prototypen zu testen, bevor diese überhaupt gebaut werden. Dadurch verändert sich die Organisation von Ingenieursarbeit tief greifend und die neuen Möglichkeiten sind verlockend: Entwicklungsarbeit scheint räumlich und zeitlich flexibel zu werden, anytime – anyplace. Eine ortsunabhängige Reorganisation scheint in greifbare Nähe zu rücken, bekannte Muster der Technikeuphorie und Managementutopien werden reaktiviert. In den vier Fallstudien, auf die sich dieser Beitrag bezieht, werden vor allem drei Dimensionen an Widersprüchen sichtbar: Erstens mit Blick auf das Verhältnis von physischen und virtuellen Prototypen und Simulationen, zweitens in Bezug auf brüchige globale Kooperationen sowie drittens hinsichtlich der Standardisierung von Arbeit.
Allures of the virtual. Reorganisation of work under conditions of informatisation, digitisation and virtualisation

Current changes of work and organization are strongly affected by increasing informatization and the emergence of an information space. Specifically, the virtualization of entities (such as physical objects) is gaining in importance in automotive engineering, where virtual prototypes are used to simulate functions of the part before a physical prototype is built. The nature of engineering work changes deeply and the new possibilities are luring: Engineering work seems to become flexible in a spatial and timely manner, anytime – anyplace. A location-independent reorganization seems to be a reachable goal. Four case studies in the automotive industry using a qualitative approach have been conducted. One can find mainly three discrepancies regarding informatization, digitization and virtualization issues: first, in view of the relation between physical and virtual prototypes and simulation; second, referring to a fragile global cooperation and thirdly, in the standardization of work.

Daniela Ahrens

Neue Anforderungen im Zuge der Automatisierung von Produktionsprozessen: Expertenwissen und operative Zuverlässigkeit

Mit Blick auf die durch die Digitalisierung entstehenden neuen Arbeitsprozesse und damit verbundenen Kompetenzanforderungen an die Beschäftigten bleiben die Aussagen im Industrie 4.0-Diskurs eher vage. Der Beitrag diskutiert anhand erster empirischer Ergebnisse des BMBF-Projekts „Berufliche Professionalität im produzierenden Gewerbe“ sich wandelnde Aufgaben und Kompetenzanforderungen der mittleren Qualifizierungsebene. Ziel des Aufsatzes ist es, die Diskussion um Industrie 4.0 auf der Arbeitsebene – Arbeiten 4.0 – mittels erster empirischer Daten zu konkretisieren. Die Rolle der menschlichen Arbeitskraft wird sich mittels Industrie 4.0 verändern. In welche Richtung dies gehen wird, ist noch ungewiss. Im Fokus stehen dabei die Kompetenzanforderungen auf der mittleren Qualifikationsebene.
The automation and digitization of production processes: New requirements on expert knowledge and operational reliability

The statements in the Industry 4.0 stay-discourse remain rather vague concerning the new work processes and related skills requirements for employees. The role of human labor will change by industry 4.0. In which direction will go, is still uncertain. The article discusses changing tasks and competence requirements of the average level of qualification. For this article sketches first empirical results of an empirical study about “Vocational professionalism in the manufacturing sector”. The aim of this paper is to concretise the discussion of industry 4.0 at the working level – work 4.0 – based on first empirical data.

Norbert Huchler

Die ‚Rolle des Menschen‘ in der Industrie 4.0 – Technikzentrierter vs. humanzentrierter Ansatz

Der Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, welche Rolle dem menschlichen Arbeitshandeln in den aktuellen, unter dem Etikett ‚Industrie 4.0‘ diskutierten Entwicklungen und Zukunftsvisionen zukommt. Um auf diese Frage eine Antwort zu geben, wird knapp der aktuelle Diskurs zur Industrie 4.0 analysiert. Zudem wird ein theoretischer Begründungszusammenhang vorgestellt, der zeigt, dass und warum auch die ‚intelligente Fabrik‘ als sozio-technisches System umfassend auf menschliche Arbeit angewiesen ist. Auf dieser Basis erfolgt eine Systematisierung aktueller konfligierender Leitbilder in der Diskussion um die Industrie 4.0 – auf den Ebenen Mensch, Technik und Organisation. Dabei werden entlang von drei den gegenwärtigen Diskurs prägenden Fragen kontrovers diskutierte Leitbilder identifiziert, die sich jeweils einem technik- und einem humanzentrierten Ansatz zuordnen lassen: 1) Führt die Digitalisierung zum kompletten Wegfall bestimmter Berufe und zu einer radikalen Polarisierung zwischen hohen und geringen Qualifikationen sowie Tätigkeiten oder handelt es sich um einen beschleunigten, aber kontinuierlichen und breit gefächerten Wandel, da manche Arbeitsanteile nicht ersetzbar sind? 2) Liegt die Zukunft der Technikentwicklung in einer Angleichung von Mensch und Technik oder in der Aufrechterhaltung einer funktionalen Differenz? 3) Führt die aktuelle integrative Vernetzung zu einer neuen, flexibleren, dezentralen Steuerung der Organisation oder liegt eine Re-Zentralisierung vor? Je nach Beantwortung dieser Fragen wird das Mensch-Technik-Verhältnis unterschiedlich gewichtet. Die gegenwärtig die Diskussion bestimmende technikzentrierte Perspektive betont den Wirkungsraum der Technik, während ein humanzentrierter Ansatz die Notwendigkeit menschlichen Handelns hervorhebt. Für Letzteres werden empirische Beispiele gegeben.
The role human actors play in the “Industry 4.0” – Technocentric vs. human-centric approach

The subject of this paper is the question which part human work action will play in the developments and scenarios currently discussed under the label “Industry 4.0”. After a short summary and analysis of the present discussion about Industry 4.0, a theoretical approach is introduced which is apt to show that human work is also essential in concepts of a “smart factory” and why this is the case. On this basis, current models and guiding principles presented in the discussion about Industry 4.0 are arranged systematically on the levels of man, technology, and organization. This leads to an identification of three pairs of conflicting models. One part of each pair may be assigned to a technocentric approach and the other part to a human-centric perspective: 1) Will digitization lead to the complete disappearance of certain professions and a radical polarization between high and low skills and work activities, or rather to an accelerated but continuous and wide-ranging change process because certain aspects of human work are indispensable? 2) What is the future of technological development – a convergence of human and technological action or the maintenance of a functional difference between them? 3) Will the concepts of integrative networking currently pursued lead to a new kind of de-centralized and flexible governance and control of organizations or rather to a kind of re-centralization? Depending on the answers to these questions, a different weighting of the relationship of human work and technology becomes visible. The technocentric perspective currently dominating the discussion emphasizes the effects and potentials of technology, whereas a human-centric approach underlines the indispensability of human work. Finally, empirical examples for an implementation of technology in a human-centric perspective are given.

Eva-Maria Walker

„Dadurch wird unsere Arbeit weiter nach vorne verlagert in der Prozesskette“ – Organisationale Anerkennungsphänomene bei der Einführung eines digitalen Warenwirtschaftssystems

Die organisationale Gestaltung digitalisierter Arbeit zählt zu den Kernforderungen arbeits- und industriesoziologischer Forschung. In Kritik an technikdeterministischen Positionen wird argumentiert, dass sich die Chancen als auch Risiken der Digitalisierung nicht als Pfadabhängigkeiten technischer Entwicklungen verstehen lassen, sondern als von und durch Menschen sowie Organisationen gemacht. Umso überraschender ist es, dass in der bisherigen Diskussion die organisationale Einbindung digitalisierter Arbeit noch kaum Beachtung gefunden hat. Konkret zeigt sich diese im Rahmen einer Unternehmensfallstudie zur Implementierung eines digitalen Warenwirtschaftssystems in einem Handelskonzern. Deutlich wurde hier, dass dies mit Veränderungen in den Mustern der Anerkennungszuweisung einhergeht und eine Statusaufwertung der Datenmanagementabteilung zur Folge hat. Es wird daher die These formuliert, dass die Einführung digitaler Systeme nicht nur qualifikatorische sowie beschäftigungspolitische Konsequenzen nach sich zieht, sondern ebenfalls Auswirkungen auf die organisationalen Muster der Anerkennungszuweisung hat. Im Ergebnis wird ein Vorschlag entwickelt, die Dimension der „Anerkennung“ als eine Teildimension des „sozio-technischen Systems“ (Hirsch-Kreinsen 2015a) zu begreifen.
„Thus, our work is moving forward in the process chain” – Organizational appreciation through the implementation of a digital inventory management system

The organizational arrangement of digital tasks is one of the main requirements for the Industrial Relations research. Technical deterministic positions have been criticized that the chances and risks of digitalization can’t be recognized as path dependencies for the technical development, rather being set out by people and organizations. However, surprisingly is that in the previous discussion, the organizational involvement of digital tasks has not attracted any interest. In particular, this can be reflected in the context of a company case study regarding the implementation of a digital inventory management system in a business group. It became apparent, that this is due to changes in the pattern of allocated appreciation and causes an enlarged appreciation status of the department for data management. Therefore, it is hypothesized that the implementation of digital systems not only leads to consequences regarding qualification and employment policy, but also impacts on the organizational pattern of allocated appreciation. In conclusion, a proposal has now been developed to better understand the dimension of ‘appreciation’ as one part of the ‘socio-technical system’ (Hirsch-Kreinsen 2015a).

Karina Becker

Freiheitsfeten oder Prekaritätspartys? Tupperware als Erwerbsform von Frauen

Mit Tupperware untersucht der Beitrag ein von Frauen dominiertes Tätigkeitsfeld, dessen Bedeutung sich erst in der Rückschau erschließt: Hier finden sich in der Hochzeit des Fordismus gehäuft Merkmale, die heute als typisch postfordistisch gelten. Dazu gehören dezentrale Organisationsformen und eine subjektivierte Steuerung von Arbeit ebenso wie atypische Beschäftigungsverhältnisse. Während diese Erwerbsform zu den Strukturen der „Fordist Family“ gut passte – auch deshalb, weil sie in materieller Hinsicht keine Existenz sichern sein musste –, verändert sich aktuell deren Funktion. Unter den Erwerbsarbeitsbedingungen des Marktkapitalismus wird die Arbeit bei Tupperware für die Frauen zunehmend zu einem „Brotjob“ und geht mit höheren arbeitsbezogenen Belastungen einher, die etwa aus der Anforderung resultieren, Emotionsarbeit zu leisten.
Freedom festivals or precarious parties? Tupperware as occupational form for women

Taking Tupperware as its object, this article sets out to analyze an area of activity traditionally dominated by women, the characteristics of which have only been revealed in hindsight. Even in the golden age of Fordism, Tupperware sales were displaying features which are now regarded as post-Fordist. Among them are decentralized forms of organisation, subjectivized ways of controlling work, the commodification of personal attributes and atypical employment relationships. Whereas this kind of employment blended well with the structures of the “Fordist Family” (partly because it did not offer secure jobs), its function is now changing. Under the regime of market capitalism, working for Tupperware is increasingly becoming an economic necessity for the women concerned – and this, in turn, involves greater work-related strain.

Mitteilung

Promotionsvorhaben: Was kommt nach der Wiedereingliederung?

Mitteilung

Promotionsvorhaben: Anforderungen und Ansprüche in der Kleinkinderbetreuung im städtischen Raum – Eine Untersuchung am Beispiel Wiens