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September

Editorial: Wolfgang Dunkel, Hans Pongratz

Arbeits- und Industriesoziologische Studien

Alexandra Manske

Zwischen verzauberter und entzauberter Arbeit – Selbständige in der Designbranche

Der vorliegende Text befasst sich mit marktgetriebenen, selbständigen Arbeitsverhältnissen der Kulturberufe am Beispiel der Designbranche. Im Zentrum steht die Frage nach Erwerbsstrategien von selbständigen Designer_innen. Die These lautet, dass deren Erwerbsstrategien auf einem ambivalenten Arbeitsethos beruhen, in dem sich auch die umfassenden, gesellschaftlichen Wandlungsprozesse seit den 1960er Jahren im Sinne eines relativen Umbaus von Mentalitäten und Milieus widerspiegeln. Um diese Ambivalenzen zu charakterisieren, werden sie in einem idealtypischen Spannungsfeld diskutiert: als „künstlerisch verzauberte Arbeit“ versus einer „wirtschaftlich entzauberten Arbeit“. Deutlich wird aus diesem Blickwinkel, dass die in der Literatur verbreitete Annahme, dass Kreative einem romantisch gefärbten Subjektideal des Künstlers folgen, zu differenzieren ist. Vielmehr wird Arbeit in marktgetriebenen Kulturberufen nicht nur als Selbstverwirklichung in und durch Arbeit subjektiviert, sondern als Erwerbsquelle, die auch dem gesellschaftlichen Statuserhalt dient.
Artistic enchanted work versus economically disenchanted work – about the ambivalent work ethic of self-employed designers

This article deals with market-driven, self-employment culture occupations, examplified with the design industry. Concerned with acquisition strategies of self-employed designers, the thesis is that their acquisition strategies are based on an ambivalent work ethic. These ambivalent work ethics, I will argue, also reflect the comprehensive processes of social change since the 1960s in terms of a relative conversion of mentalities and milieus. To characterize these ambivalences, they are discussed in an idealtypical tension: as “artistic enchanted work” versus an “economically disenchanted work”. What, moreover, becomes clear in the light of our empirical findings is that the widespread comprehension that creatives follow a romantic subject Ideal as an Artist has to be differentiated. Rather, work is subjectivized in market-driven cultural occupations not only as self-realization in and through work, but as a source of income, which also serves to preserve the current social status.

Laura Hanemann

Solo-Selbstständige im Spannungsfeld von Kooperation und Konkurrenz

An selbstständiger Tätigkeit lassen sich aktuelle Entwicklungen des strukturellen Wandels der Erwerbsarbeit in zugespitzter Form beobachten. Besonders anhand der Gruppe der Solo-Selbstständigen zeigen sich eine starke Selbstökonomisierung und die Schwierigkeit, den Marktbezug der eigenen Tätigkeit zu begrenzen. Vor diesem Hintergrund untersucht der Beitrag aus einer akteurszentrierten Perspektive eben diesen Marktbezug: Am Beispiel der Kulturberufe wird der Frage nachgegangen, wie Kollegialität unter Solo-Selbstständigen erlebt wird und welche Funktion und Bedeutung sie einnimmt. Es zeigt sich, dass Kollegialität und Konkurrenz in einer permanenten und ambivalenten Spannung stehen. Das ‚soziale Kapital‘ in Form von emotionalen und informativen Unterstützungsressourcen innerhalb sozialer Beziehungen bildet damit eine zentrale Ressource selbstständiger Tätigkeit, die jedoch durch Unterbietungs- und Konkurrenzmechanismen ständig bedroht und unterlaufen wird.
Between cooperation and competition. Solo-Self-Employment and current market dynamics

My thesis is that research on solo-self-employed work allows us a closer look at recent structural dynamics and transformations in gainful employment. The current developments, which reveal increased self-economization and the lack of opportunities for limiting one’s own market procurement at the same time, can be analyzed particularly on the basis of ‘own-account workers’ (self-employed without employees). Based on the results of a qualitative analysis this article discusses different forms of referring to markets by the individuals: Applying to cultural professionals I will explain, how solo-self-employed workers experience cooperation and the ambivalence of cooperation and competition. In my paper I hope to show that ‘social capital’ is one of the most important sources for own-account work, but it is at the same time limited and undermined through competition.

Andreas Bücker

Autonomiegewährleistung in der marktgesteuerten Arbeitswelt: Zu veränderten Grundlagen der Arbeit und zur staatlichen Pflicht, Selbstbestimmung und Handlungsfreiheit zu schützen

Greift die (arbeits-)rechtliche Autonomiegewährleistung noch, wenn marktförmige Kontrollinstrumente wie z. B. Zielvereinbarungen, Ertragsziele, Cost- und Profitcenter oder innerbetriebliche Marktbeziehungen traditionelle Steuerungsinstrumente wie die hierarchische Weisung ersetzen? Welche Konsequenzen hat es für den rechtlichen Schutz der Autonomie von Arbeitskräften, wenn nicht mehr das hierarchisch strukturierte und bürokratisch organisierte Unternehmen, sondern Netzwerkstrukturen den Rahmen bilden, in dem Arbeit organisiert wird? Dieser Beitrag verknüpft sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnisse zur Vermarktlichung und Vernetzung von Unternehmen mit einer (arbeits-)rechtswissenschaftlichen Analyse der Gewährleistung von Autonomie. Es wird die These entwickelt und an Beispielen erläutert, dass die Absicherung der Autonomie von Arbeitskräften gegenüber indirekter Steuerung und Überwachung in marktorientierten Arbeitskontexten eine zentrale Herausforderung des (Arbeits-)Rechts ist, die zum einen eine Schärfung der arbeitsrechtlichen Instrumente zur Absicherung der Autonomie von Arbeitnehmern erfordert und zum anderen neue Instrumente zur Absicherung der Autonomie von Solo-Selbständigen im Hinblick auf die Verhandlung von Rahmen- und Kontextbedingungen verlangt.
Protection of autonomy in a market-led working world: About fundamental changes of the context of work and the state’s duty to protect self-determination and freedom of action

Does (labour) law-related protection of autonomy still work, if marked-led instruments of control such as agreements on objectives, profit targets, cost and profit centers or internal market relationships replace traditional instruments such as instructions by superiors? What are the consequences for the legal protection of autonomy, if the use of labour is not framed by a traditional hierarchical and bureaucratic company but a network organization of cooperating companies? In this article findings of social and economic sciences about the marketization and the networking of companies are linked with a legal analysis of the protection of autonomy. The article develops the argument that the protection of autonomy against indirect control in a marked-led working world is a key challenge for the years ahead in (labour) law. What is necessary is a sharpening of the instruments protecting the autonomy of employees and of self-employed workers with regard to the negotiation of framework and contextual conditions of work.

Friedericke Hardering

Subjektive Arbeitsgestaltung im Gesundheitssektor: Individuelle Umgangsweisen mit widersprüchlichen Arbeitsanforderungen

Die Diskussion über die Bedrohung von Handlungsautonomie durch marktzentrierte Steuerungsmechanismen erstreckt sich seit einigen Jahren auch auf professionelle Arbeit. Hier wird beobachtet, dass die Verteidigung von Qualitätsansprüchen an die Arbeit und von subjektiven Vorstellungen richtiger und guter Arbeitsausführung zunehmend erschwert ist. Auf der Grundlage von Interviews mit KlinikärztInnen in Führungspositionen wird der Frage nachgegangen, welche Praktiken von den ÄrztInnen genutzt werden, um die eigene Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten und subjektive Ansprüche an die Arbeit, insbesondere auch an die Qualität der Arbeit, zu verteidigen. Im Beitrag werden vier Praktiken subjektiver Arbeitsgestaltung vorgestellt. Die genutzten Strategien subjektiver Arbeitsgestaltung weisen widersprüchliche Effekte für die Organisation wie auch für die ÄrztInnen auf: Sie unterstützen Handlungsfähigkeit und einen positiven Bezug zur eigenen Arbeit, gleichzeitig fördern sie ebenfalls Informalität und stehen teilweise betrieblichen Interessen entgegen.
Subjective job design in the healthcare sector: Individual ways of dealing with contradictory work demands

The threat to worker autonomy posed by market-centered forms of organizational control has extended to professional work. Professionals face challenges defending quality standards and their subjective understandings of good working practice. Based on interviews with physicians with management responsibility it is asked, which practices are used by the physicians to protect their ability to act and their expectations regarding the quality of work. Four different strategies of subjective work design emerged. These strategies have contradictory consequences for the physicians and for the organization: They support the physician’s ability to act, but at the same time they promote informality and are in conflict with the interests of the organization.

Lena Schürmann

Unternehmerische Akteure auf Wohlfahrtsmärkten: Private ambulante Pflegedienste im Spannungsfeld zwischen Fürsorge und Wettbewerb

Im Zusammenhang mit der Einführung wettbewerblicher Strukturen in Bereichen des Sozial- und Gesundheitswesens steht ein Anstieg der privaten Anbieter wohlfahrtsstaatlicher Leistungen. Der vorliegende Artikel richtet den Fokus auf die ambulante Pflege und untersucht, gestützt auf qualitatives Interviewmaterial, die hier anzutreffende unternehmerische Praxis privater Dienste vor dem Hintergrund des durch die Pflegeversicherung gesetzten Rahmens. Dabei wird deutlich, dass die privaten Dienste aus einer Zwischenstellung heraus agieren: Einerseits handeln sie auf Basis von Versorgungsverträgen und bieten Pflege als Versicherungsleistung nach politisch definierten Standards an; andererseits befinden sie sich als Marktakteure im Wettbewerb, wobei der selbständige Erwerb mit Risiken behaftet ist. Beobachten lässt sich ein heterogen strukturiertes Feld sowie ein Nebeneinander von Markt- und Fürsorgeorientierungen.
Entrepreneurial actors on welfare markets: private ambulatory care services between the conflicting priorities of care ethics and market competition

The introduction of competitive structures in some areas of Germany´s health and social system created a sharp rise in private providers of social services. Working with the example of the outpatient care sector, the article is examining entrepreneurial practices in this field, taking the background of the institutional framework established by Germany´s long term care insurance into consideration. It can be observed that private providers of elderly care are situated in an intermediate position: on the one hand their entrepreneurial scope is limited by supply contracts, defining the character of provided care services as an insurance service according to politically established standards; on the other hand, as market participants, they have to persist in competition and their self-employment involves risks. The ambulatory care sector is characterized by its heterogeneous structure and a coexistence of more care-orientated and more market-orientated practices.

Carolin Freier, Peter Kupka, Monika Senghaas

„Was manchmal Kleinigkeiten ausmachen, die schon eine Erleichterung sein können.“ Mitgestaltende Aktivfachkräfte in der Arbeitsverwaltung

Fachkräfte in mehreren Arbeitsagenturen beschreiben neue selbstständige Arbeitsformen in der Vermittlung und Beratung. Diese zeichnen sich durch zwei Grundaspekte aus: Erstens können die Fachkräfte bei der Veränderung von agenturweiten Arbeitsprozessen und Materialien mitwirken. Zweitens entstehen selbstständigere Aufgabenfelder für die Fachkräfte, die teilweise mehr fachliche, organisatorische und soziale Kompetenzen erfordern. Der Beitrag untersucht Deutungen zur Selbstständigkeit sowie zur mitgestaltenden Vermittlungsfachkraft. Empirische Grundlage bilden problemzentrierte Interviews und Gruppendiskussionen mit Fachkräften sowie Teamleitungen, die im Zuge der wissenschaftlichen Begleitung eines Modellprojekts der Bundesagentur für Arbeit durch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) durchgeführt wurden. Rekonstruiert werden einerseits Ansprüche an eine höhere Selbstständigkeit durch die Fachkräfte und andererseits eine Verwertung von Kreativität, Subjektivität und einer aktiveren Vermittlungsinteraktion seitens der Behörde. Entwickelt wird ein Idealtypus der Aktivfachkraft, die kreativ und selbstinitiativ zum Wohle der Organisation sowie der Aktivgesellschaft beitragen soll.
„It´s often the little things that make it easier.“ Co-creating Active Case Workers in the Public Employment Service

Case Workers in several German Employment Agencies describe new, more flexible and independent forms of work within counselling and job placement services. These are characterised by two main aspects. First, employees are able to participate in the definition and alteration of processes and resources within the Labour Agency. Second, their tasks have become more autonomous. The article analyses individual views on autonomy and participation. The analysis is based on problem-centred interviews and group discussions with case workers and their team leaders conducted by the Institute for Employment Research. Qualitative analysis aims to reconstructing individual aspirations towards more autonomy on the one hand, and examines the exploitation of creativity, subjectivity and more active forms of interaction within the placement process on the other. The paper introduces an ideal type of “active case worker” who is supposed to contribute to the well-being of the organization and to foster greater social engagement by using creativity and personal initiative.

Petra Schütt

Migration und Selbstständigkeit. Herausforderung Systemwissen und die Bedeutung von kulturellen und institutionellen Prägungen

In dem Beitrag werden die Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung zur Gründungsgeschichte aus Sicht von Selbstständigen mit Migrationshintergrund vorgestellt. Als Ergebnis wird eine Typenbildung präsentiert, die den Kontext, in den die Unternehmensgründung eingebettet ist sowie die Motivationslagen, die zur Selbstständigkeit geführt haben, berücksichtigt. Hier zeigt sich die gesamte Spannweite selbstständigen Arbeitens von Migrantinnen und Migranten: vom prekären Unternehmertum bis hin zur Selbstständigkeit mit hohen Autonomiegraden. Darüber hinaus wird auf spezifische Herausforderungen für migrantische Unternehmerinnen und Unternehmer im Verstehen von Systemen, beispielsweise dem deutschen Rechts-, Bildungs- oder Sozialversicherungssystem, formellen Regelungen und informellen Regeln eingegangen. Zum einen wird deutlich, dass dieses Systemwissen nicht leicht zugänglich ist. Zum anderen offenbart sich, wie handlungsleitend (zunächst) kulturelle und institutionelle Prägungen durch die Herkunftsländer sind. Diese kulturellen und institutionellen Prägungen durch die Herkunftsländer finden in der Forschung zu Migration und Integration bisher zu wenig Beachtung, bekommen aber mit Blick auf die Integration von Geflüchteten zusätzliche Bedeutung.
Immigrant self-employment: the challenge of systems knowledge and the relevance of cultural and institutional background by the countries of origin

The paper examines results of a qualitative study from the perspective of the self-employed with an immigrant background. The analysis presents ideal types, which regard the context of the business foundation, as well as the motivations for entrepreneurship. The results reveal the entire span of an economy: being precarious or being empowered (self-determined). The data analysis shows the specific challenges for immigrant entrepreneurs understanding various German systems (e. g. legal or educational systems). This “systems knowledge” is not easy to understand and apply. Another important aspect is cultural and institutional background by the countries of origin. We argue, that cultural and institutional imprints had been given too little attention. And that it will play a major role in the integration of refugees.

Mitteilung

BMBF-Verbundprojekt: Reifegradbasierte Migration zum CPPS – ADAPTION

Mitteilung

Workshopbericht: Ethnographie der Arbeit