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April

Editorial: Karina Becker, Nick Kratzer

Arbeits- und Industriesoziologische Studien

Max Lill

Verfestigung von männlicher Herrschaft im Finanzmarktkapitalismus? Eine Fallstudie zur Bedeutung der Vermarktlichung von Arbeit für Geschlechterungleichheiten im Bankensektor

Der Beitrag diskutiert auf Grundlage einer Fallstudie in der Landesbank Berlin (LBB) innerbetriebliche Schließungsprozesse entlang der Geschlechterachse sozialer Ungleichheit. Er fragt zudem nach Ansatzpunkten für eine geschlechtergerechte Arbeitspolitik im Bankensektor unter Bedingungen deregulierter Finanzmärkte, subjektivierter Arbeit und einer latenten Krise sozialer Reproduktion. Der Unternehmensfall wird dazu in doppelter Weise kontextualisiert: Einerseits durch eine kurze Darstellung geschlechtersoziologisch relevanter Entwicklungstendenzen der Branche, andererseits durch die Einbeziehung lebensweltlicher Reproduktionsbedingungen der Beschäftigten. Es wird die These entwickelt, dass sich eine geschlechterpolitisch widersprüchliche Konstellation abzeichnet: Kapitalmarktorientierte Restrukturierungen und vermarktlichte Formen der Leistungssteuerung begünstigen innerbetrieblich eine Persistenz männlicher Vorherrschaft. Soziale Reproduktionsbedürfnisse werden unter diesen Bedingungen im Führungshandeln oftmals ausgeblendet. Zugleich artikuliert sich innerbetriebliche Kritik an diesen Entwicklungen. Insbesondere bei jüngeren Fach- und Führungskräften finden sich Indizien für geschlechterübergreifende Interessenkoalitionen, die aus geteilten subjektiven Ansprüchen erwachsen: Die eigene Arbeit soll als sinnvoll erfahrbar sein und sie soll Raum lassen für eine individuelle Gestaltung des Gesamtlebenszusammenhangs innerhalb von möglichst egalitären Geschlechterarrangements.
Consolidation of masculine domination in finance capitalism? A case study on the significance of the marketization of labor for gender inequality in the banking sector

On the basis of a case study in the Landesbank Berlin (LBB), the article discusses processes of social closure in companies and their relation to gender inequalities. It also asks for starting points for politics of gender equality in the banking sector under conditions of deregulated finance markets, subjectified labor and a latent crisis of social reproduction. The case study is contextualized in two ways: On the one hand, sectoral developments, relevant for gender relations, are presented briefly. On the other hand, conditions of reproduction of life on the side of the employees are integrated into the analysis. The thesis is that in terms of gender politics a contradictory constellation emerges: Restructuring processes, focusing on capital market businesses, and the marketization of performance control foster the persistence of masculine domination. Under these circumstances, reproductive needs are often ignored in leadership action. At the same time, criticism about these developments is articulated. Especially in the case of younger specialists and executives we find indications for coalitions of interest between women and men that arise from shared subjective claims: work should be experienced as being meaningful and it should leave space for shaping the overall context of life individually within gender arrangements, as egalitarian as possible.

Stefanie Hürtgen

Verwerfungen in der „moralischen Ökonomie des Wohlfahrtsstaates“: Ausgrenzungen prekär Beschäftigter und die Problematik sozialer und politischer Bürgerschaft

Der vorliegende Text befasst sich mit sozialer Ausgrenzung von prekär Beschäftigten durch Kernbelegschaften. Prekarisierung, so die These, muss auch als eine soziale Praxis, als doing precarity, seitens der Stammbeschäftigten verstanden werden. Im Anschluss an eine Analyse gängiger Ansätze zur Erklärung dieses Phänomens wird anhand umfassenden empirischen Materials eine eigene Interpretation vorgestellt. Hiernach suchen die Stammbeschäftigten durch die Abwehr von Prekären eine gesellschaftliche Konfiguration zu behaupten, die als „moralische Ökonomie des Wohlfahrtsstaates“ bezeichnet werden kann, und deren Herzstück die strukturelle Verbindung von Lohnarbeit und sozialer sowie politischer Bürgerschaft darstellt.
Moral economy of the welfare state in crisis: Practices of exclusion of precarious workforces and the question of social and political citizenship

The text is engaged in research about social exclusion of precarious workforces by the “cores”. The first thesis is that the general process of precarization includes doing precarity at the shop floor, i. e. social practices which constitute precarious colleagues as not really belonging to the workplace. After a discussion of typical explications of this phenomenon, the author, taking own empirical data, develops a different approach. In this perspective, practices of social exclusion by core workforces can be interpreted as an effort to hold the moral economy of the welfare state. The structural connectivity of labor and social and political citizenship is at the heart of this social configuration and its defense.

Ludger Pries, Andrea Dasek

Das Verhältnis von Gewerkschaften zur Migration: Ambivalente Orientierungen zwischen Ablehnen, Ausblenden und Ernstnehmen

Die Themen Migration und Integration sind im 21. Jahrhundert für Deutschland von wachsender Bedeutung. Auch die Gewerkschaften beschäftigen sich vermehrt mit dem Thema der (Arbeits-)Migration. Gewerkschaften haben historisch gesehen gegenüber Migrationsprozessen und Migranten eine ambivalente Haltung eingenommen. Drei grundlegende widersprüchliche Orientierungen werden zunächst vorgestellt (Abschnitt 1). Anschließend werden historische Entwicklungen, vor denen die Gesellschaft und auch die Gewerkschaften im Hinblick auf (Arbeits-)Migration stehen, aufgearbeitet (Abschnitt 2). Dies führt abschließend zu der Diskussion unterschiedlicher Konzepte von Migration und Integration, die für die zukünftige Gestaltung des Verhältnisses von Gewerkschaften und Migration relevant sind (Abschnitt 3).
Unions and Migration – Ambiguous Orientations between Defeat, Fading-out and Taking Seriously

In the 21st century the topics of migration and integration are of increasing importance. This holds also for trade unions. Historically unions had an ambivalent attitude towards migration and migrants. Three crucial problems of union policies are sketched out (section 1). Then historical tendencies and current challenges of labour migration are analysed that societies and also unions have to face (section 2). As a conclusion, different concepts of migration and integration could be relevant for the future relations of unions and migration (section 3).

Dirk Dalichau, Katharina Kärgel

Kompetent im digitalen Kleinbetrieb

In Wissenschaft und Praxis ist man sich weitgehend einig, dass sich die Arbeitsorganisation und damit auch die Anforderungen an Kompetenzen im Zuge von Digitalisierungsprozessen verändern werden. Das stellt insbesondere Kleinbetriebe vor Herausforderungen. Diese sind bislang jedoch eher selten Gegenstand des Interesses in wissenschaftlichen Diskursen. Der Fokus liegt meist auf der Industrie 4.0 sowie den marktführenden Großbetrieben. Aus diesem Grund greift der vorliegende Beitrag diese Forschungslücke auf. Einen ersten Schwerpunkt bildet die Herausarbeitung neuer, aber auch sich durch Digitalisierung verändernder Kompetenzanforderungen in Kleinunternehmen des stationären Einzelhandels. Dabei geht es um weit mehr als um Kompetenzen im (informations-)technologischen Bereich. Sozialwissenschaftliche Begleitforschung unterstützt einerseits den Kleinbetrieb im stationären Einzelhandel bei der Bewältigung digitalisierungsbedingter Herausforderungen. Andererseits werden Weiterbildungsbedarfe durch veränderte Kompetenzanforderungen und eine veränderte Arbeitsorganisation empirisch bestimmbar. Beispielhaft werden die beidseitigen Synergieeffekte einer Verzahnung von Wissenschaft und Praxis aufgezeigt, die gleichermaßen auf andere Branchen übertragbar sind. Auf diese Weise werden die Chancen, Herausforderungen und Folgen von Digitalisierungsprozessen in Kleinunternehmen identifizierbar.
Being competent while your (small) business becomes digital

There is common sense among social scientists and practitioners about the assumption that digitisation processes will change labour organization as well as necessary competencies in the work environment. This development is especially challenging for small businesses. But so far, social sciences focus on industry 4.0 as well as on the leading companies. By elaborating new but also changing demands for employee’s competencies emerging trough digitisation processes, the present paper takes this research gap up, concentrating on small businesses. As we will show, there is more than just (information-)technology. On the one hand, scientific accompanying research supports small businesses in the retail sector managing the challenges caused by digitisation. On the other hand, changing demands for competencies and a changing organization of labour become empirically predictable. As an example, the synergetic effects of interlocking scientists and practitioners – which are probably transferable to different sectors – are demonstrated. Thus, the chances, challenges and consequences of digitisation processes for small businesses become visible.