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Mai

Stefan Walter

In der umfragebasierten Wertwandelforschung geht man davon aus, dass im Zuge eines grundlegenden Wertwandels seit den 1960er-Jahren in der bundesdeutschen Bevölkerung die Arbeits- und Leistungswerte an Bedeutung verloren haben. Neuere Beiträge der Zeitgeschichtsforschung stellen diese Wertwandlungen infrage. Anhand von Einträgen in Poesiealben lässt sich prüfen, ob sich die Thematisierung von Arbeit und Leistung verändert hat. Eine quantitative Inhaltsanalyse von mehr als 2800 Einträgen zeigt auf, dass Arbeit und Leistung zwischen 1949 und 1989 entweder als Werte an sich oder aber als instrumentelle Werte in den Alben thematisiert wurden. Die Befunde verweisen auf grundlegende Ost-West-Unterschiede sowie Gendereffekte im Eintragsverhalten. Sie deuten zudem darauf hin, dass Jugendliche in der Bundesrepublik immer seltener Arbeit und Leistung in ihren Einträgen einen Wert an sich beimaßen. Zurückgeführt werden diese Wertentwicklungen unter anderem auf die divergierenden staatlichen Rahmenbedingungen in DDR und Bundesrepublik.
Survey-based value research assumes that in the course of a fundamental value change since the 1960ies, the values of work and merit have become less important for the population in West Germany. Recent investigations in contemporary history research call this assumption into question. Entries in autograph books can be used to examine changes in how people think and talk about work and merit. A quantitative content analysis of more than 2,800 entries in autograph books shows that between 1949 and 1989, work and merit were addressed as values per se or as instrumental values. The findings refer to substantial differences between East and West Germany as well as an effect of gender regarding these values. It seems that adolescents in West Germany decreasingly understand work and effort as values per se. The different framework conditions of the states in East and West Germany between 1949 and 1989 could have evolved these values changes.

Peter Wegenschimmel

Ein organisationsgeschichtlicher Ansatz klammert den Präsentismus und Universalismus der Management-Studien ein und ermöglicht eine zeitsensible, kontextualisierte Perspektive auf das Sich-Organisieren von Unternehmen. Zwei Fallstudien aus der spätsozialistischen Schiffbauindustrie veranschaulichen den Beginn der Prekarisierung der institutionalisierten Unternehmensformen und -grenzen. Der konzeptionell orientierte Beitrag argumentiert, dass die Organisationsgeschichte zu einer Öffnung und Dynamisierung des Unternehmensbegriffs beitragen kann, der für die Untersuchung der eingebetteten neoliberalen Arbeitswelt des Postsozialismus und Postfordismus von großem heuristischem Wert ist.
What is an Enterprise – and If So How Many? An Organizational History of Shifting Enterprises Boundaries

An organizational-historical approach overcomes the presentism and universalism of management studies and provides a time sensitive and contextualized perspective on the organizing of enterprises. Two case studies from the late-socialist shipbuilding industry illustrate the beginning of the precarization of institutionalized enterprise definitions and their blurring boundaries. The conceptually oriented article argues that organizational history can contribute to an opening and dynamization of the concept of enterprise, which can be of great value for the study of the embedded neoliberal working world of post-socialism and post-fordism in general.

Manuela Rienks

Dieser Beitrag untersucht zwei aktuelle Probleme von Beschäftigten im Einzelhandel, prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse durch verschiedene Formen zeitlich begrenzter Arbeit sowie das Auslagern von Tätigkeiten an Kundinnen, Kunden und Maschinen, hinsichtlich ihrer historischen Wurzeln. Beiden Phänomenen liegt die Aufspaltung der einstmals komplexen Verkaufshandlung in verschiedene Teilhandlungen zugrunde. Begleiterscheinungen dieser Entwicklungen sind die Dequalifizierung und Marginalisierung der Beschäftigten, eine schlechtere Entlohnung sowie die Entfremdung von der Arbeit. Mit einer praxeologischen Perspektive sowie mit der Methode der historischen Raumanalyse werden die zentralen Veränderungen in der Arbeitswelt des Einzelhandels von den 1950er Jahren bis in die 1990er Jahre, vor allem die Durchsetzung der Selbstbedienung in den 1960er Jahren und die Computerisierungswelle der 1980er Jahre, in ihren jeweiligen historischen Kontexten untersucht. Diese Herangehensweise ermöglicht es, die derzeitigen Veränderungen im Einzelhandel in eine langfristige historische Entwicklung einzubetten.
What remains of the sales lady? Recent problems faced by retail employees and their historical formation.

In this paper two recent problems for retail workers, precarious working and living conditions due to various forms of timewise restricted work as well as the outsourcing of tasks to customers and machines, are analysed in regard to their historic roots. Both of these phenomena can be traced back to the formerly complex selling action being split up into several parts. These developments are closely related to a de-qualification and marginalisation of workers, a deterioration of wages and an increasing alienation from work. With a praxeological perspective and through a historical analysis of space the central changes in the retailing work between the 1950s and the 1990s are analysed in their respective historical contexts, with special emphasis on the establishment of self service in the 1960s and the wave of computerisation in the 1980s. Thus the recent changes in retail are embedded in the long-term development.

Ellen Hilf, Heike Jacobsen, Bärbel Meschkutat, Katja Pohlheim

Untersucht wird in zeithistorischer Perspektive die Bedeutung von Berufsfachlichkeit für die Arbeit im Verkauf. Gefragt wird, wie es möglich ist, dass der Handel in so hohem Maße auf fachlich qualifiziertes weibliches Personal zugreifen konnte, ohne die im berufsfachlichen Segment des Arbeitsmarktes erwartbaren Bedingungen zu bieten. These ist, dass im Einzelhandel damals ein sektorspezifisches Spiel zwischen Erwartungen und Ansprüchen der Beschäftigten, der Unternehmen sowie der KonsumentInnen stattfand, das breite Spielräume für Konstruktionen von Berufsfachlichkeit ließ. Untersucht werden Konstellationen von Berufsfachlichkeit und Geschlechterverhältnissen im Verkauf zu Beginn der 1980er Jahre anhand einer sekundäranalytischen Auswertung von Interviews aus Betriebsfallstudien. Ob der Arbeit im Verkauf die Merkmale der Berufsfachlichkeit zugeschrieben werden, hängt von den konkreten Formen der Arbeitsorganisation ab. Im impliziten Kampf um die Ressource Berufsfachlichkeit geraten die weiblichen Beschäftigten ins Abseits, weil ihre in einer verkaufsspezifischen Ausbildung gewonnenen Qualifikationen situativ eingekleidet werden mit und umgedeutet werden zu persönlichen Eigenschaften und alltagsweltlichen Erfahrungen. Die Selbstverständlichkeit der Berufsfachlichkeit wird dadurch in Frage gestellt.
Occupational Qualification in Retail Trade – a Contested Resource

The article explores in a historic perspective the importance of occupational qualifications for retail work. How is it possible that retail companies can employ high percentages of vocationally trained mostly female workers without offering working conditions that usually are connected with occupational qualifications? The article argues that in retail trade there is a sector-specific game between the expectations and claims of employees, employers and consumers that offers broad spaces for constructions of occupational expertise. Constellations of occupational expertise are explored by secondary analysis of empirical material from the early 1980s. The recognition of retail work as occupationally qualified work depends on the concrete modes of work organization. Over the course of implicitly ongoing processes occupational knowledge and competences of female employees in particular become re-defined as personal qualities and as based on everyday experiences. This undermines the relevance of occupational qualifications as a matter of course.

Harald Wolf

Arbeitsteilung ist ein zentrales Thema der Arbeitssoziologie, und damit verbunden das der Kooperation. Beide Themen gewinnen durch die Fragmentierung von Arbeit eine neue Aktualität und damit werden grundsätzliche theoretische und methodische Fragen auf-geworfen. Dieser Schluss ergibt sich aus den Erfahrungen mit der vor allem sekundäranalytisch angelegten Untersuchung „Fragmentierte Arbeit in der Automobilindustrie“, die nach Entwicklungslinien fragmentierter Arbeit fragt. Primärmaterialien aus mehreren SOFI-Studien erlauben nicht nur die Rekonstruktion eines „nicht-fragmentierten“ fordistischen „Nullpunkts“ des Produktionssystems, sondern sie zeigen zugleich, wie eng der Fokus der damaligen „Arbeitsplatzsoziologie“ (Hack) dieser fordistischen Logik folgt. Diese fordistisch-arbeitsplatzsoziologische Perspektive wurde bis heute nicht völlig überwunden und deshalb wird die Arbeitsanalyse der zunehmenden Fragmentierung noch nicht wirklich gerecht. Die sekundäranalytische Suche nach der fragmentierten Arbeit legt theoretische und methodische Schwachstellen offen und inspiriert zugleich zu einer Neuakzentuierung arbeitssoziologischer Analysekategorien (speziell der Kategorie der Kooperation) und Methodik.
In search of fragmented work. On productive confusion in the secondary analysis laboratory

Division of labor is a central theme of sociology of work, and with it cooperation. Both topics gain new relevance against the background of an ongoing fragmentation of work and this raises fundamental theoretical and methodological questions. This follows from the experience with the research project "Fragmented Work in the Automotive Industry", which is mainly carried out as a secondary analysis and inquires the developmental lines of fragmented work. Primary materials from several SOFI studies allow the reconstruction of a "non-fragmented" Fordist "zero point" of the production system and also show how closely the focus of the former "workplace sociology" (Hack) follows this Fordist logic. This Fordist-workplace-sociological perspective has not been completely overcome to this day and therefore work analysis is not really suitable for increasing fragmentation. The secondary-analytical search for fragmented work reveals such weak points and at the same time inspires a re-accentuation of analytical categories (especially the category of cooperation) and methods.

Jakob Köster, John Lütten

Ausgehend von unseren Erfahrungen aus dem Pilotprojekt „Das Gesellschaftsbild des Prekariats“ diskutieren wir Vorteile, Grenzen und methodische Herausforderungen eines sekundäranalytischen Forschungsdesigns und präsentieren erste Ergebnisse unserer Auswertungen. Sekundäranalysen ermöglichen es, auf umfangreichere Forschungsdaten zuzugreifen, als in einer Primärstudie erhoben werden können und bieten die Gelegenheit, nicht ausgeschöpfte Analysepotentiale zu realisieren. Eine Grenze findet jede sekundäranalytische Fragestellung dabei in den Forschungsfragen der Primärprojekte – ohne eine relative Nähe der Fragestellungen von Primär- und Sekundärstudie sind sinnvolle Analysen wenig aussichtsreich. Auch die Identifikation geeigneten Materials, ggf. unterstützt durch IT-Funktionalitäten, der Vergleich von Daten aus unterschiedlichen Kontexten und das generelle Risiko einer Entkontextualisierung stellen methodische Herausforderung dar, die als lösbar erscheinen. Gleichzeitig zeigt sich, dass ein sekundäranalytisches Vorgehen geeignet ist, gehaltvolle inhaltliche Ergebnisse zu liefern.
Secondary analysis of images of society. Challenges and first results of a qualitative research project in the sociology of Work.

Based on our experience in the research project “Images of society of the precariat” we discuss advantages, limits and methodological challenges of a research design utilising secondary analysis and present first results of our investigation. Secondary analysis enables researchers to access a wider range of research data and allows to realize untapped potentials for analysis as almost no research project is able to analyse all its data exhaustively. However, the possibilities of secondary analysis are limited by the respecting research questions of the primary research, as meaningful analyses are only possible if the research questions of primary and secondary research are overlapping. Further methodological challenges comprise the identification of suitable data, the comparison of data originating from different backgrounds and the general risk of de-contextualisation. In our opinion, all these challenges are solvable and a research design using secondary analysis is able to deliver meaningful results.

Caroline Richter

Zunehmende Komplexität und Ungewissheit prägen die Arbeitswelt, Entwicklungen wie die Globalisierung und Digitalisierung setzen sie erheblichem Wandel aus. Als eine mögliche Ressource im Umgang mit Wandel und als Gestaltungsanforderung für Führung wird Vertrauen aufgeworfen. Dieser Beitrag berichtet über ein Dissertationsprojekt, das Vertrauen auch aus der und für die Führungsperspektive innerhalb von Organisationen konkretisiert. Hierfür wurden Interviewtranskripte anhand der Grounded Theory-Methodologie erneut analysiert, die in einem vorangegangenen Forschungsprojekt für eine inhaltsanalytische Auswertung erhoben worden waren. Am Beispiel ausgewählter Befunde werden in diesem Aufsatz die methodologisch-methodischen Besonderheiten herausgestellt, die diese Form der qualitativen Sekundäranalyse ohne Nachnutzungseinwilligung und in der Forschungshaltung der Grounded Theory-Methodologie begleiten.
Trust and leadership in organizations: Challenges of qualitative secondary analysis

Increasing complexity and uncertainty are shaping the world of work; developments such as globalization and digitization are subjecting it to considerable change. One possible resource that is mobilized in the context of dealing with change and as a design requirement for leadership is trust. This article reports on a dissertation project that substantiates trust, amongst other things, from and for the leadership perspective within organizations. For this purpose, interview transcripts, collected in the previous project for a content-analytical evaluation, were reanalyzed using the Grounded Theory methodology. Based on selected findings, the methodological peculiarities of this qualitative secondary analysis are being discussed, in particular the lack of a data reuse consent and the research attitude of Grounded Theory methodology.