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Oktober

Editorial: Frank Kleemann, Martin Krzywdzinski

Hartmut Hirsch-Kreinsen

Gegenstand des Beitrags ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Konzept des Soziotechnischen Systems (STS), das im gegenwärtigen Digitalisierungsdiskurs als Analyse- und Gestaltungskonzept eine relativ prominente Rolle spielt. Gezeigt wird, dass dieses den digitalen Wandel von Technik und Arbeit nicht hinreichend erfasst, insbesondere aber den Einfluss ökonomischer Strukturbedingungen nicht systematisch erfasst. Auf der Basis eines industriesoziologischen Theorieansatzes aus den 1980er Jahren wird daher eine Erweiterung des STS-Konzepts vorgeschlagen: Erstens wird die Multifunktionalität digitaler Technologien besonders ihre Funktion als Organisationstechnologie herausgearbeitet. Zweitens bezeichnet Organisationstechnologie einen Abstimmungsmechanismus, der die Mikroebene von Arbeitsprozessen mit ökonomischen Strukturbedingungen verknüpft. Drittens erweist sich dabei das wenig eindeutige und betrieblich und sektoral unterschiedliche Spannungsverhältnis von Markt- und Produktionsökonomie als zentraler Bestimmungsfaktor für die organisationstechnologische Regulation von Produktionsprozessen. Insgesamt ist daher die Beziehung zwischen Organisationstechnologie und Arbeit als unbestimmt anzusehen, wobei zugleich aber auch generelle Folgewirkungen digitaler Technologien für Arbeit in Rechnung zu stellen sind.
The concept of the Sociotechnical System – revisited

The subject of the article is a critical examination of the concept of the Sociotechnical System (STS), which plays a seminal role in the current discourse on digitalization as an analysis and design concept. It is shown that this concept does not adequately capture the new conditions of the digital transformation of technology and work. Especially it does not take into account the influence of economic structural conditions systematically. An extension of the STS concept is therefore proposed on the basis of an industrial sociological theory approach from the 1980s. Firstly, the multifunctional nature of digital technologies is being worked out in particular as an organization technology. Secondly, organizational technology refers to a mechanism that links the micro-level of work processes to economic structural conditions. Thirdly, the contradictory company specific and sectorally diverging tension between market and production economics proves to be a central determining factor for the regulation of production processes by digital organization technology. Therefore, the relationship between organizational technology and work must be regarded as indefinite, although at the same time general consequences of digital technologies for work must also be taken into account.

Hendrik Lager, Ralf Kopp

Der Beitrag thematisiert im ersten Teil gravierende Veränderungen der Arbeitswelt. Empirische Befunde aus den Bereichen Maschinenbau und Elektronikherstellung bestätigen die Annahme, dass der zunehmende Einsatz avancierter digitaler Technologien nicht im Selbstlauf zu besserer Arbeit führt, sondern dass die Auswirkungen beispielsweise auf Arbeitsorganisation und Partizipation durch Konflikte, Bruchpunkte und Widersprüche gekennzeichnet sind. Die Bedeutung von Betriebsräten bei der Realisierung humaner Arbeitsbedingungen in Zeiten zunehmender Digitalisierung ist wichtiger denn je. Im zweiten Teil erfolgt ein Perspektivwechsel von der Empirie zur Theorie. Viele Gestaltungsansätze orientieren sich mehr oder weniger an soziotechnischen Konzepten. Es wird danach gefragt, ob bzw. inwiefern die massiven Veränderungen der Arbeitswelt auch Modifikationen dieser Grundlagen provozieren. Vor diesem Hintergrund werden einige Schwächen soziotechnischer Ansätze benannt, die durch Digitalisierung an Virulenz gewinnen. Die Intensivierung des Dialogs zwischen Soziotechnik und Praxistheorie könnte hier möglicherweise wechselseitige Impulse und Weiterentwicklungen ermöglichen.
Conflicts, breakpoints and contradictions of digital technologies: Status and potential for further development of socio-technical concepts

In the first part, this paper deals with the profound changes of work. Empirical evidence from the field of engineering and electronic manufacturing support the assumption that the increasing use of digital technologies does not necessarily lead to better work. Instead, the effects on work organisation and participation are contradictory. Employee representatives gain in importance for the realization of humane work conditions in times of increasing digitization. In the second part, the focus shifts to a more theoretical perspective. Many practical approaches to the organization of work are based upon/draw upon concepts of sociotechnical design. The question is whether and to what extent the massive changes in the work environment may also provoke modifications in these underlying concepts. Accordingly, this paper points out some of the weaknesses of the sociotechnical approach that gain in importance through digitization. Intensifying the dialogue between sociotechnics and the theory of practice might facilitate two-way impulses in this context and inspire new developments.

Alexander Bendel, Erich Latniak

Sich aktuell vollziehende Digitalisierungsprozesse in der Arbeitswelt wirken sich auf das Verhältnis von Arbeit und Technik aus. Es stellt sich einerseits die Frage, inwiefern diese Veränderungen unter den Bedingungen gegenwärtiger Verhältnisse gestaltbar sind. Aus Sicht der Arbeits- und Industriesoziologie gilt es andererseits methodische Instrumente zu verwenden oder ggf. zu konzipieren, die eine angemessene Beschreibung und Analyse digitaler Transformationsprozesse möglich machen. Das Forschungsprojekt „Arbeits- und prozessorientierte Digitalisierung in Industrieunternehmen (APRODI)“ greift beide Herausforderungen auf: Unter Berücksichtigung soziotechnischer Prinzipien wirken die beteiligten AktionsforscherInnen an der Gestaltung konkreter Digitalisierungsprozesse in Industrieunternehmen mit, und sie dokumentieren und analysieren gleichzeitig diese Prozesse auf Grundlage von interventionsorientierten Fallstudien. Der vorliegende Beitrag stellt APRODI vor und reflektiert den methodisch-konzeptionellen Ansatz sowie erste Projektergebnisse.
Work and process orientated digitalization in industrial companies (APRODI) – An intervention orientated research project

The digitalization of the world of work affects the relation between work and technology. Two question are arising: How to manage and regulate these changes? And which methods and sociological approaches are useful or must be created to analyse and describe these digital transformation processes? The project ‘Work and process orientated digitalization in industrial companies (APRODI)’ focusses on both questions. In consideration of sociotechnical principles, the action researchers of the project try to participate in the design processes of specific digitalization measures in industrial companies. On the other hand, they describe and analyse these processes by using intervention orientated case studies. The paper introduces APRODI, reflects its methodological approach and presents first results.

Ingo Matuschek, Frank Kleemann

Der Beitrag fragt, wie sich im Zuge aktueller Prozesse der Digitalisierung und Automatisierung der industriellen Produktion der Stellenwert von informellen Arbeitshandeln auf der Ebene der betrieblichen Arbeitsorganisation und des Arbeitsprozesses verändert. In Frage steht angesichts neuer ‚autonomer‘, ‚vernetzter‘ und ‚selbstlernender‘ technischer Systeme, ob frühere Diagnosen eines funktionalen Erfordernisses von informellem Handeln als Komplement zu technischen Formalisierungen im Zuge der Digitalisierung von Arbeit noch Bestand haben. Im Lichte der soziotechnischen System-Perspektive werden aktuelle empirische Fallbeispiele der Einführung von Industrie 4.0-Anwendungen im Hinblick auf die Kollaboration von Mensch und Technik, die Spielräume für Informalität angesichts der Technisierung und Formalisierung betrieblicher Abläufe und das resultierende Wechselverhältnis von sozialem und technischem Teilsystem analysiert.
Humans and Technology revisited – On changes in the significance of informality in the process of digitization

The paper focuses on the changing significance of informal work practice in organizations and in the labor process in the course of ongoing processes of digitization and automation of industry. The distinctive features of new production technologies question earlier diagnoses that digitization leads to a formalization of, and thus to rigidities in the production process, which have to be countered by informal action on the workers’ side in order to keep the system in a balance. In the light of the sociotechnical system perspective, recent empirical case studies on the introduction of “Industry 4.0” applications are evaluated with regard to the collaboration of humans and technology, the scope for informality in view of the technology-driven formalization of production processes, and the resulting interdependence of social and technological subsystems.

Florian Butollo, Ulrich Jürgens, Martin Krzywdzinski

Der Beitrag untersucht das Verhältnis von Lean Production und Industrie 4.0 in Bezug auf die Frage der Autonomie im Arbeitsprozess. Im Unterschied zu der häufig in der Diskussion über Industrie 4.0 vorgebrachten Behauptung, dass sich die Dispositionsspielräume der Beschäftigten vergrößern würden, sehen wir in den bisherigen Umsetzungskonzeptionen eine Tendenz zur stärkeren Standardisierung und Fremdsteuerung von Arbeit. Dies steht durchaus in Kontinuität zu Konzepten der Lean Production, wohingegen die in den letzteren enthaltenen beteiligungsorientierten Elemente einer stärkeren Einbindung des Shopfloors in Entscheidungs- und Verbesserungsprozesse in Industrie-4.0-Ansätzen geringe Aufmerksamkeit erhalten. Dieses Argument wird anhand der Analyse von Praxisbeispielen aus drei relevanten Feldern (digitale Assistenzsysteme, datenbasiertes Prozessmanagement, modulare Montage) entwickelt. In den Schlussfolgerungen wird darüber hinaus auf die Frage eingegangen, inwieweit das Konzept der Autonomie angesichts der bereits heute erreichten Interdependenz in Produktionsprozessen als Kriterium für die Bewertung von Industrie-4.0-Konzepten geeignet ist bzw. weiterentwickelt werden sollte.
From Lean Production to “Industrie 4.0”. More Autonomy for Employees?

The article examines the relationship between Lean Production and “Industrie 4.0” focusing on the question of autonomy in the work process. In contrast to the claim made by official “Industrie 4.0” concepts that the autonomy of the employees would increase, we see in the current implementation projects a tendency towards greater standardization and control of work. This is in continuity with concepts of lean production, but neglects the participation-oriented elements of lean production such as teamwork and shop-floor-based improvement activities. We develop our argument by analyzing practical examples from three relevant fields (digital assistance systems, data-based process management, modular assembly). The conclusions of this article also discuss the extent to which the concept of individual autonomy is suitable for the assessment of “Industrie 4.0” projects, given the high levels of interdependence already achieved in production processes.

Volker Baethge-Kinsky, Martin Kuhlmann, Knut Tullius

Angesichts massiver Investitionen in Digitalisierungstechnologien und einem politischen Agenda-Setting, das die Alternativlosigkeit einer ‚digitalen Transformation‘ beschwört, mehren sich auch in der Arbeitsforschung Stimmen, die der Technik eine hohe, quasi-deterministische Prägekraft auf Arbeit zuschreiben. Digitalisierung steht dabei häufig als technische Grundlage für einen erweiterten Kontroll- und Steuerungszugriff auf Arbeit, der zunehmend auch höher qualifizierte Tätigkeiten erfasst. Im Anschluss an vorliegende Konzepte der Arbeitssoziologie sowie auf Basis aktueller Forschungsergebnisse plädiert der Beitrag für die Fruchtbarkeit von drei analytischen Zugängen bei der Analyse der Zusammenhänge zwischen Digitalisierung und Arbeit. (1) Eine arbeits- und subjektorientierte Analyse von Aneignungsprozessen auf der Basis von Beobachtungs- und Interviewmethoden, (2) die Berücksichtigung stofflich-tätigkeitstypischer Eigenheiten von Branchen und Tätigkeitsfeldern sowie (3) ein Fokus auf arbeitspolitische Leitbilder, Organisationskonzepte und Aushandlungsprozesse sind zentrale Bestandteile einer nicht-deterministischen, differenzierungsfähigen Analyse des Zusammenhanges von Technik und Arbeit, die in der Lage ist typische Muster von Arbeitsfolgen der Digitalisierung sowie Gestaltungsmöglichkeiten zu identifizieren.
Technology and work in sociology of work – A concept for analyzing the relationship between digitization and industrial labor

In the light of massive investments in digitization technologies and a political agenda setting that evokes the lack of alternatives for a 'digital transformation', there are also voices amongst labor researchers that are attributing new technologies a high degree of quasi-deterministic influence on work. In addition, digitization is often seen as the technical basis for an extended and intensified control of the labor process, which increasingly reaches out to higher-skilled work. Following on from existing concepts of the sociology of work and on the basis of current research results, the paper argues for the usefulness of three analytical approaches in the analysis of the relationship of digitization and work: (1) a work and subject-oriented analysis of appropriation processes on the basis of observations and interview methods, (2) the consideration of material and activity-typical peculiarities of sectors and fields of activity, (3) a focus on labor policy models, organizational concepts and negotiation processes. For us, these three elements are central components of a non-deterministic, differentiated analysis of the relationship between technology and work, which is capable to identify typical patterns of the effects of digitization on work, as well as design options.

Bruno Cattero

Der Beitrag behandelt die Frage nach der Bedeutung der digitalen Technologie in der Entwicklung Amazons zum heutigen digitalen Konglomerat. Ausgehend von der Unterscheidung zwischen Verkettungs-, Vermittlungs- und Intensivtechnologie (J. D. Thompson) wird argumentiert, dass aufgrund der sequenziellen Struktur der Algorithmen die digitale Technologie als Verkettungstechnologie einzuordnen ist. Als solche setzt sie Standardisierung voraus und schreibt diese weiter fort. Neuartig ist, dass die algorithmische Verkettung und die darauf aufbauende Vernetzung die Rigidität der analogen Verkettung überwinden und somit das Anwendungsfeld der Verkettungstechnologie erweitern. Es wird gezeigt, wie beide Dimensionen Amazon kennzeichnen. Zum einen führt das algorithmische Management in den Verteilungszentren zur Industrialisierung von manueller Dienstleistungsarbeit, die Arbeits-verdichtung und erhöhte Kontrolle der Arbeitsleistung nach sich zieht. Zum anderen findet im Bereich der Vermittlungstechnologie, wo Amazon ebenso wie auch die anderen digitalen Plattformen zu verorten ist, eine neuartige Hybridisierung („algorithmische Vermittlung“) statt. Diese Hybridisierung geht bis in den technischen Kern von Amazon hinein und begründet die Quelle seiner Innovationsstärke und wirtschaftlichen Macht.
Amazon in action.
Or: What is new in the digital technology?


This article investigates the relevance of digital technology for Amazon’s development into a digital conglomerate. Starting from the differentiation between long-linked (concatenation), mediating and intensive technologies (J. D. Thompson) the article argues that because of the sequential structure of the algorithms digital technology has to be understood as a long-linked technology. As such it presupposes standardisation and develops it further. What is new is that the algorithmic sequence and the network based on it overcome the rigidity of the analogous inter-linkage and thus extend the field of application of the concatenation technology. The article demonstrates how these two dimensions characterise Amazon. On the one hand, the algorithmic management in the distribution centers leads to the industrialisation of manual work in the service sector which implies work intensification and increased control of the work performance. On the other hand, a new form of hybridisation („algorithmic mediation“) takes place in the field of the mediating technology which forms the basis of Amazon as well as the other digital platforms. This hybridisation extends into the technical core of Amazon and constitutes the source of its innovation strength and its economic power.

The Berlin Script Collective

Wenn eine Aufgabe der Arbeitssoziologie darin besteht, einen Zusammenhang zwischen spezifischen Technologien und den Effekten ihres Einsatzes für Arbeit herzustellen, dann muss sie Technik vergleichend beschreiben. Das Ziel unseres Beitrages besteht darin, der Arbeitssoziologie einen Analyserahmen für Technik anzubieten, der vergleichende empirische Untersuchungen und die Formulierung theoretisch gehaltvoller Aussagen auf mittleren Abstraktionsebenen unterstützen soll. Wir positionieren technikvermittelte Beeinflussung in der Sozialtheorie als eine dritte Form der Beeinflussung neben interaktiver und strukturvermittelter Beeinflussung. Für die vergleichende Analyse solcher Beeinflussungen lässt sich das in den Science and Technology Studies entwickelte Konzept des Skripts nutzen. Vergleichsdimensionen für Skripte lassen sich aus allgemeinen Merkmalen von Beeinflussungssituationen ableiten. Wir demonstrieren die Anwendung des Vergleichsrahmens durch die Beantwortung der Frage, wie drei Installationsprogramme für verschiedene Versionen des Betriebssystems Linux die Handlungen der NutzerInnen beeinflussen. Durch den Vergleich der Skripte fokussiert unser Vergleichsrahmen bislang auf Beeinflussungsintentionen. Eine Ausweitung auf den Vergleich situativer Techniknutzung scheint aber möglich.
Comparing Technologies: An analytical framework for studying the shaping of work through technology

If the sociology of work wants to discover links between specific technologies and their effects on work, it needs to comparatively analyse technologies. The aim of our contribution is to offer a comparative framework for technologies that enables comparative empirical investigations and the formulation of contributions to middle-range theories. We position technologically mediated influence as a third form of exercising influence besides interactive and structurally mediated influence. The comparative analysis of this form of influence can be based on the concept of a script, which has been developed in science and technology studies. Dimensions for the comparison of scripts can be derived from general properties of situations in which influence is exercised. We apply our comparative framework to three installation programmes for different versions of the Linux operating system and answer the question as to how these programmes influence the actions of users. Since it compares scripts, our framework focuses on the intentions of designers so far. However, an extension to the comparison of situated uses of technology seems possible.

Florian Butollo, Thomas Engel, Manfred Füchtenkötter, Robert Koepp, Mario Ottaiano

Unser Beitrag liefert empirische Erkenntnisse über die Arbeitsorganisation und das Beschäftigungs-system im Logistikzentrum eines Online-Versandhändlers. Das Hauptaugenmerk unserer Analyse richtet sich hierbei auf drei Untersuchungsdimensionen: (1) den Umgang mit Störungen, (2) die Prozessinnovation und (3) die Stabilität des Beschäftigungssystems. Im Rahmen dessen werden die Grenz- und Stabilitätsmomente des „digitalen Taylorismus“ eruiert. Durch eine Kombination aus rigider Arbeitsteilung und dem Einsatz digitaler Hilfsmittel zielt das Management darauf ab, sich zunehmend vom Erfahrungswissen der Beschäftigten unabhängig zu machen. Während diese Vorgehensweise durchaus funktional ist, stößt das bisherige Beschäftigungssystem aufgrund der Verknappung des lokalen Arbeitskräfteangebots an seine Grenzen. Dies könnte sich als Hebel für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Logistikzentren des untersuchten Online-Händlers erweisen.
Can Digital Taylorism sustain? Trouble shooting, process improvement and employment system at an online retailer

Our contribution gives empirical evidence on the work organization and employment system of an online retail company’s warehouse. It asks whether this strand of “digital Taylorism” can be sustainable with view to (1) the way disturbances are dealt with, (2) process innovation, and (3) the stability of the employment system. According to our findings, the management strives to reduce its dependence on workers’ practical knowledge by a combination of a strict division of labor and the application of digital tools. Whereas such approaches show some success, the shortages at the local labor markets are turning into a serious threat for the employment system that has been based on a high turnover and ready supply of low-skilled workers. This could turn out to be a lever for the improvement of working conditions.

Jan Schlüter, Marco Hellmann, Johannes Weyer

Die vorliegende Studie präsentiert Zwischenergebnisse aus dem Forschungsprojekt TraDiLog, das sich mit den aus der Digitalisierung und Automatisierung von Arbeits- und Wirtschaftsprozessen folgenden Konsequenzen für Mitarbeiter beschäftigt. Das Projekt fokussiert dabei die mobile Erwerbsarbeit in Speditions- und Logistikunternehmen. Interviews mit Vertreter der Branche sowie Akteuren des institutionellen Kontexts zeigen auf, dass sich die untersuchten Tätigkeitsbereiche in den fünf identifizierten Dimensionen Überwachung und Kontrolle, Autonomie, Komplexität, Kommunikation und Zeit durch die Digitalisierung maßgeblich verändern. Dies hat Auswirkungen auf die Work Ability (Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit) der Mitarbeiter: In der momentanen Übergangsphase zur Industrie bzw. Logistik 4.0 können durch zunehmende Automatisierung ein Autonomieverlust auf der einen Seite und gesteigerte Anforderungen an Kompetenz, Qualifikation und Flexibilität auf der anderen Seite beobachtet werden. Daraus ergibt sich ein Spannungsverhältnis aus steigender Belastung und gleichzeitig abnehmender Ressourcen am Arbeitsplatz.
Work Ability and digital Transformation: Tensions of growing burdens and shrinking resources using the transport and logistics industry’s employees as an example

This paper presents preliminary results of the research project TraDiLog, which addresses digitalization and automatization of the workplace and its consequences on employees. Specializing on mobile work and its transformation, the project focuses on gainful employment in the transport and logistics sector. In a qualitative interview study conducted with representatives of the sector and related institutional branches, we identified five dimensions of work that are greatly impacted by digitalization in the sector, which are: monitoring and control at the workplace, workplace autonomy, complexity of work tasks, communication and working time. Changes in these dimensions further affect the Work Ability of employees: In the current period of transition to “Industry 4.0” or “Logistics 4.0” and its increasing automatization of tasks, we observed a loss of autonomy at the workplace on the one hand, but also rising requirements of job skills, professional qualification and flexibility on the other hand. Regarding work ability, digitalization may therefore create friction between increasing workload and decreasing human resources of the individual employee at the same time.

Marc Jungtäubl, Margit Weihrich, Marco Kuchenbaur

Die Digitalisierung stellt Beschäftigte vor diverse Herausforderungen. Eine davon ist die intensivierte (und teils neuartige) Formalisierung von Arbeit. Denn digitalen Technologien wohnt ganz prinzipiell ein formalisierender Charakter inne. Die Konsequenzen hiervon werden speziell bei solcher Arbeit deutlich, die Selbstbestimmung, informelle Praktiken und situatives Handeln erfordert. Paradigmatisch dafür ist die Arbeit an und mit Menschen: Interaktionsarbeit. Ihr sind Elemente menschlichen Handlungsvermögens inhärent, die sich nicht objektivieren und daher auch nur schwer via Formalisierung in geregelte Bahnen lenken lassen: etwa das dialogische Aushandeln des Dienstleistungsgegenstandes, die Herstellung von Kooperation oder die Bearbeitung der Gefühle aller an der Dienstleistung beteiligten Akteur*innen. Obwohl Organisationen solch ein notwendigerweise selbstbestimmtes Agieren einfordern, wird angestrebt, es transparent, formell kommunizierbar, personenunabhängig und dokumentierbar zu gestalten. Jenseits bisheriger Formalisierungsweisen wird hierfür mittlerweile die Digitalisierung zur umfassenden Reorganisation von Arbeit(-sprozessen) instrumentalisiert. Durch den (Mehr-)Aufwand des Einsatzes und der Integration formalistischer Systeme wird nicht zugängliches bzw. nicht „ver-wertbares“ menschliches Arbeitsvermögen jedoch (intendiert und nicht-intendiert) folgenschwer unter Druck gesetzt.
Digitally forced formalization and its consequences for interactive service work in nursing

With the rise of digitalization employees are faced with several challenges. One of it is a more (and kind of a new) formalization of work. This is because digital technologies are in their core formalistic. The consequences become clear when looking at such work that basically needs self-determination, informal practices, and acting situationally. One example for this difficulty is working on and with humans: interactive work that substantially includes elements of human working assets which cannot be objectified and controlled via formalization (such as the negotiation of services, the production of cooperation, emotional labour and sentimental work). Although organizations demand self-determination, the actions of employees should be transparent, formally communicable, independent of persons and documentable. Beyond traditional methods of formalization, digitalization is exploited to fully reorganize work (processes). But due to rising uses and (extra) efforts caused by the integration of formalized/formalistic systems, exactly those human working assets come under pressure that are not accessible and exploitable in this way.

Eva Susanna Kunze, Christian Manfred Wilke

Qualitative Comparative Analysis (QCA) verbindet fallorientierte Ansätze aus konfigurativer Perspektive mit mengentheoretischer Logik. Obgleich von dem Soziologen Charles C. Ragin zur Analyse sozialer Phänomene entwickelt, ist die Methode in der Soziologie nicht hinreichend etabliert. Der vorliegende Beitrag möchte auf die spezifischen Aspekte der Methode verweisen und auf Grundlage einer empirischen Analyse exemplarisch das Vorgehen entlang der QCA-Analyseschritte illustrieren. Die durchgeführte Untersuchung fragt nach Bedingungen, die (in ihrer Kombination) zu hoher Arbeitsautonomie führen. Es zeigt sich, dass vor allem eine hohe formale Qualifikation und gering ausgeprägte technologische Arbeitsplatzmerkmale hohe Autonomie erklären können. Die vorgestellten empirischen Ergebnisse werden als Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion um eine Digitalisierung von Arbeit und der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Technologie und Arbeitsbedingungen (hier: Autonomie) präsentiert.
Leeway or Oneway? Autonomy in (semi-)digitalised work environments. Fuzzy Set Qualitative Comparative Analysis (fsQCA) as an approach towards understanding complex reality in sociology of work and industrial sociology

Qualitative Comparative Analysis (QCA) combines configurational case-oriented approaches with set-theoretical logic. Even though QCA was developed by the sociologist Charles C. Rangin to analyze social phenomena, this method ekes out a niche existence in sociology/sociological research. This article underlines the specific aspects of QCA and illustrates the methods’ analytical steps on the basis of an empirical analysis. The study searches for conditions, which (in combination) lead to high experienced work autonomy. It is shown that in particular a high formal qualification and low levels of technological workplace characteristics may explain high autonomy. The results are presented as a contribution to the current debate on digitization of work and the question of the relation/connection between technology and working conditions (here: autonomy).

Edelgard Kutzner

In kritischer Auseinandersetzung mit bisherigen Prognosen zum Verhältnis von Digitalisierung, Arbeit und Geschlecht sowie anknüpfend an ausgewählte theoretische und empirische Forschungsarbeiten wird im vorliegenden Beitrag ein möglicher Rahmen für weitere Debatten und Forschungen skizziert. Am Beispiel der Arbeit im Büro werden bisherige Entwicklungsprozesse der Digitalisierung von Arbeit aufgezeigt, um daran anschließend einige konzeptionelle und methodische Überlegungen zur Erforschung von Veränderungs- und Gestaltungsprozessen aus einer Geschlechterperspektive vorzustellen. Im Ergebnis zeigt sich, technisch-organisatorische Veränderungen können zu einer veränderten Geschlechterordnung und damit zu mehr Geschlechtergerechtigkeit beitragen, wenn durch aktive Gestaltung die sog. Pfadabhängigkeit der Geschlechterverhältnisse in Frage gestellt und verlassen wird.
Digitization of Work as a “Construction Site” of a Gender-related Labour Research. Transformation Processes in Office Work

In a critical examination of previous predictions on the relationship between digitization, work and gender and following selected theoretical and empirical research, this article outlines a possible framework for further debates and research. Using the example of office work, previous development processes of the digitization of work are shown in order to present some conceptual and methodological considerations for the research of change and design processes from a gender perspective. The result shows that technical-organizational changes can contribute to a changed gender order and thus to more gender equality if the so-called path-dependence of gender relations is questioned and abandoned through active shaping.

Uli Meyer

Dieser Artikel argumentiert für eine eigenständige (arbeits-)soziologische Perspektive zur Digitalisierung. Ein Großteil der arbeitssoziologischen Digitalisierungsforschung setzt bei der Einführung neuer Technologie an. Der vorliegende Beitrag argumentiert dagegen, dass viele aktuell relevante Phänomene anders gelagert sind und (arbeits-)soziologische Forschung diese übersieht, wenn sie Digitalisierung allein über Technologie definiert. Am Beispiel der Umsetzung eines Praxislabors zu Arbeit 4.0 wird ein solcher Fall beschrieben. Dieses Praxislabor ist als Reaktion auf die Debatten um Industrie 4.0 und Arbeit 4.0 ins Leben gerufen worden. Es ist ein Beispiel dafür, wie die Zukunft der Arbeit gestaltet werden kann und wie sich Mitbestimmung im Kontext der Digitalisierung möglicherweise wandelt. Interessanterweise spielt neue Technik dabei keine große Rolle. Nach der Einleitung präsentiert und diskutiert der Artikel den Fall des Praxislabors, die Besonderheiten der Untersuchungsmethode, die organisationalen Prozesse im Praxislabor aus Sicht der Betriebsräte und stellt anhand dieses Falls die Frage nach dem Verhältnis von Digitalisierung und Technik.
Digitalization without technology? The case of a practice lab on work 4.0

This article makes the case for a distinctly sociological perspective on digitalization. Most recent sociological studies on digitalization, especially those from the sociology of work, tend to focus on the introduction of new technologies. Many currently relevant phenomena, however, present themselves in different ways that will go unnoticed if digitalization is only defined through technology. One such case is a practice lab on work 4.0, which will be discussed here as an example for how actors can shape the future of work and how that participation may be changing in the context of digitalization. Interestingly enough, technology itself is not the key to understanding this case; nor does it play a major role. After a brief introduction, this article presents and discusses the case of the practice lab, including some unique methodological issues and the organizational processes of the lab from the perspective of the worker representative groups, before getting to the heart of the matter, that is, the relationship between technology and digitalization.

Tudor Ionescu, Martina Merz

Der Artikel rekonstruiert die Entwicklung eines Smart Factory-Demonstrators in einem Großkonzern. Er zeigt auf, wie den dabei auftretenden Herausforderungen in der Praxis begegnet und eine bestimmte Vision der intelligenten Fabrik in Demonstrationen für ein Expertenpublikum inszeniert wurde. Der Demonstrator entspricht, in vereinfachter Form, der Vorstellung einer weitgehend automatisierten Fabrik, in der Roboter und andere „smarte“ Produktionsmaschinen kleinteilige Geräte nach vorgegebenen „Rezepten“ selbstorganisierend und dezentral produzieren. Aus Perspektive einer praxisorientierten Wissenschafts- und Technikforschung (STS) nimmt die zugrunde liegende ethnographische Untersuchung Aspekte der sozialen Organisation und technische Abläufe gleichermaßen in den Blick. Die Studie zeigt auf, dass Demonstratoren – hier als Modelle zukünftiger Smart Factories betrachtet – mehrere Zielsetzungen haben. Die identifizierten Zielsetzungen sind: die mit der Industrie 4.0-Vision assoziierten Versprechen in einer realen Produktionsumgebung auf Machbarkeit und Plausibilität zu prüfen; das Demonstrator-Projekt konzernintern als Lernumgebung zu begreifen; die Vision einer intelligenten Fabrik zu vergegenständlichen, wobei die Anliegen sowohl der Systementwickler als auch der potentiellen Abnehmer berücksichtigt werden.
Cyber-Physical Production: Models and Enactment of the Smart Factory

This paper reconstructs the development of a smart factory demonstrator in a large corporation. It shows how the associated social and technical challenges were dealt with in practice, and how a particular vision of the smart factory was staged and enacted in demonstrations that addressed an expert public. The demonstrator presents an attempt at prototyping a largely automated factory in which robots and other “smart” production machines assemble small devices by following product “recipes” in a self-organizing and decentralized manner. Conducted from the perspective of practice-oriented Science and Technology Studies (STS), our ethnographic investigation is equally concerned with issues of social organization and technical processes. We show that demonstrators, understood as models of future smart factories, have multiple purposes. The purposes identified are: to examine the promises associated with the Industry 4.0-vision in a real production environment in view of feasibility and plausibility; to exploit the demonstrator project as a learning environment within the corporation; and to render concrete the vision of a smart factory. This final purpose takes into account the concerns of both system developers and potential customers of intelligent production machines.

Jasmin Schreyer, Jan-Felix Schrape

Die Plattformökonomie mit ihren ambivalenten Effekten auf die Wirtschafts- und Arbeitswelt gerät zunehmend in den Blickpunkt der sozialwissenschaftlichen Forschung. Anknüpfend an diesen Diskurs befasst sich der vorliegende explorative Beitrag mit den Potentialen und Risiken algorithmisch strukturierter Plattformen in der Koordination ortsgebundener Erwerbsarbeit. Zunächst arbeiten wir allgemeine Organisationsprinzipien und Funktionsweisen online-zentrierter Plattformunternehmen heraus. Anschließend beleuchten wir am Beispiel des Unternehmens Foodora bis dato beobachtbare Dynamiken und Rückwirkungen plattformbasierter Arbeitskoordination in der On-Demand bzw. Gig Economy.
Algorithmic coordination of labor in the platform-based gig economy: The case of Foodora

The platform economy with its ambivalent effects on the business and working environment is becoming a focal point of social science research. On that note, our contribution explores the potentials and challenges of digital platforms and algorithmic management in the coordination of localized labor. First, we outline the general organizational structures and operational patterns of platform-based enterprises. Drawing on the example of the online food delivery company Foodora, we subsequently elaborate on the currently observable dynamics and implications of algorithm-driven labor coordination in the so-called ‘gig’ or ‘on-demand’ economy.

Stefanie Büchner

Komplexe und integrierte Informations- und Steuerungssysteme beeinflussen Arbeit- sowie Organisationsprozesse tiefgreifend und nachhaltig. Als zentrale Instanzen der Digitalisierung in Organisationen lassen sich diese Systeme nicht mehr länger als passive Instrumente begreifen oder auf technische Gegebenheiten verkürzen. Der vorliegende Beitrag schlägt vor, den dominierenden Fokus auf Effekte digitaler Technologien zu erweitern und das Konzept der (digitalen) Infrastrukturen aufzugreifen. Am Fallbeispiel einer kommunenübergreifenden Portallösung für Soziale Dienste sowie eines Krankenhausinformationssystems werden drei zentrale Implikationen dieses Zugriffs exemplarisch illustriert: die Bedeutung des digitalen Charakters der Infrastruktur, die relationale Bedeutung von Infrastrukturen sowie die in ihnen angelegten Paradoxien von Wandel und Kontrolle.
Analyzing Digital Infrastructures – Peculiarity, Relationality and Paradoxes of Change and Control

Complex and integrated information- and management systems are influencing work and organizations deeply while incrementally extending their scope. As central elements of current processes of digitization, these systems cannot longer be reduced to passive tools or to mere technical facilities. This article promotes to expand the given focus on the effect of digital technologies and suggests picking up the concept of (digital) infrastructures. Using empirical material from a case study of a digital portal for social services and a hospital information system, three central implications of taking the concept into account are illustrated: the importance of the digital characteristics of the infrastructure, its relational character and the resulting paradoxes of change and control.

Simon Schaupp, Philipp Staab

Ausgehend von zwei exemplarischen Fallstudien befasst sich der Beitrag mit digital gestützten Innovationen im Gebiet der Arbeitskontrolle und -steuerung. Diese zeichnen sich durch zwei Charakteristika aus: Erstens eine Horizontalisierung von Kontrolle, die sich insbesondere in Kommentierungs- und Ratingsystemen manifestiert, in denen sich ArbeitnehmerInnen gegenseitig bewerten müssen; und zweitens eine automatisierte Rekursivität, die sich in unmittelbaren Feedbacks auf der Basis eines ubiquitären digitalen Trackings des Arbeitsprozesses manifestiert. Basierend auf diesen empirischen Erkenntnissen lautet unsere Diagnose deshalb, dass man die Digitalisierung betrieblicher Herrschaft aus einer Perspektive verstehen muss, die an der Analyse des kommerziellen Internets geschult wurde. In einer Umkehr der klassischen Prosumenten-These zeigen wir auf, dass das kommerzielle Internet heute nicht nur nach dem Vorbild der Arbeit gestaltet ist, sondern die Arbeit nach dem Vorbild des kommerziellen Internets.
Recursivity and horizontalization – The commercial internet as role model for digitalized work

Based on two exemplary case studies, this article addresses digital innovations in work control. These innovations are characterized in a twofold way: First, by a horizontalization of control, which manifests primarily in systems of commenting and rating in which employees have to evaluate each other. Second, by automated recursivity, which manifests primarily in immediate feedbacks from ubiquitous digital tracking of the labor process. Based on these empirical findings, we argue that the digitalization of work control has to be understood from a perspective that is instructed by the analysis of the commercial internet. By turning around the classical prosumer thesis, our conclusion is that nowadays the commercial internet is not so much structured after the example of work practices, but work is structured after the example of the commercial internet.