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April

Editorial: Martin Krzywdzinski, Karina Becker

Translokale Arbeit und Fachlichkeit

Uwe Elsholz, Ariane Neu

Akademisierung der Arbeitswelt – Das Ende der Beruflichkeit?

Der vorliegende Beitrag diskutiert Veränderungen hinsichtlich der Qualifizierungs- und Rekrutierungsstrategien von Unternehmen, insbesondere in ihren Auswirkungen auf die Bedeutung von Beruf und Beruflichkeit. Hintergrund sind Ergebnisse eines Forschungsprojektes, das sich in drei Branchen – dem Einzelhandel, der IKT-Branche sowie der Metall- und Elektrobranche – mit Fragen der zunehmenden Akademisierung der Arbeitswelt auseinandergesetzt hat. Ziel war es, sowohl branchenübergreifende Entwicklungen als auch branchenspezifische Aspekte zu identifizieren, und aufzuzeigen, ob und wie sich der Trend zur Akademisierung etwa in den Qualifizierungs- und Rekrutierungsstrategien oder veränderten Karrierechancen niederschlägt. In diesem Beitrag konzentrieren wir uns auf ausgewählte Projektergebnisse, die darauf hindeuten, dass insbesondere durch die Bedeutungszunahme von Absolventinnen und Absolventen eines dualen Studiums ein neuer Bildungs- und Sozialisationstyp entsteht. Diesen kennzeichnen wir als „betrieblich-akademischen Bildungstyp“. Damit einher geht die Frage nach einem Bedeutungsverlust von Beruf und Beruflichkeit.
Academisation of work – The end of occupationalism?

This paper discusses changes in the recruitment strategies of companies, especially concerning their impact on the importance of occupation and occupationalism in Germany. Backgrounds are results of a research project that has dealt with questions of increasing academisation of the working world in three business sectors: trade, information and communication technology, and metal/electronics. The aim was to identify cross-sectors developments as well as sector-specific aspects of whether and how the trend towards academisation is reflected, for example, in changed recruitment strategies or career opportunities. In this article, we focus on project results, which suggest that a new type of education and socialisation is emerging, in particular as a result of the increase in the importance of graduates of a dual higher education study program. We characterise this as a “company-academic education type”. This goes hand in hand with the question of the decreasing importance of occupation and occupationalism.

Ingo Matuschek

Beständigkeit, ‚Erosion‘ und Degradierung – Zur Entwicklung industrieller Facharbeit als Form der Beruflichkeit

Die seit Langem diskutierte ‚Krise der industriellen Facharbeit‘ einschließlich ihres vermeintlichen Verschwindens wird in den einschlägigen Debatten gerne mit dem Hinweis auf eine insbesondere in der beruflichen Ausbildung zum Ausdruck kommende Beständigkeit im Wandel gekontert. Die sich verändernde Arbeitswelt berührt allerdings nicht nur solche strukturellen respektive institutionellen Aspekte von Facharbeit und Beruflichkeit. Vielmehr sind Tendenzen einer tätigkeitsbezogenen Degradierung zu erkennen, die zugleich auf berufliche Expertise der Beschäftigten nicht verzichten will. Das sichert den Betrieben eine hohe fachliche Flexibilität bei zugleich sich öffnenden entgeltpolitischen Spielräumen. Der Beitrag geht solchen Tendenzen nach und bilanziert ambivalente Entwicklungen in der Berufsförmigkeit industrieller Facharbeit, die weder einem generellen Verfall noch einer ungebrochenen Beständigkeit das Wort reden.
Persistence, Erosion and Degradation – Trends in skilled industrial work as an occupational form

Long-existing claims of a ‘crisis’ or alleged ‘disappearance’ of skilled industrial work are usually being countered by reference to continuity in change, in particular in the vocational training system. However, changes in the working world are not limited to structural and institutional changes of skilled work. On the shop floor level, tendencies of a degradation of skilled workers can be observed, while their expertise is still utilized. Management thus secures high degrees of functional flexibility, while creating possibilities for lower wage classification. The paper analyses such processes and concludes that skilled industrial work undergoes ambivalent transformations which can neither be interpreted as generalised decay nor as persistence.

Mascha Will-Zocholl, Jörg Flecker, Philip Schörpf

Zur realen Virtualität von Arbeit. Raumbezüge digitalisierter Wissensarbeit

Der Beitrag behandelt die Veränderungen physischer und geografischer Raumbezüge im Zuge der zunehmenden Digitalisierung von Wissensarbeit. Ausgangspunkt ist die häufig vorgebrachte „anyplace-anytime“-These, nach welcher Ort und Raum unbedeutend werden. Dem wird ein differenzierteres Konzept der Ablösung sozialer von geografischen Raumbezügen gegenübergestellt. Am Beispiel der öffentlichen Verwaltung, der Entwicklungsarbeit in der Automobilindustrie und der Online-Plattformen für kreative Aufgaben wird gezeigt, dass geografische Raumbezüge in höchst unterschiedlichem Maße ausgeweitet werden. Zugleich bleiben auch bei geringen Ausprägungen von Ortsgebundenheit die lokalen und nationalen Bezüge relevant. In der digitalisierten Arbeit sind demnach eine Vervielfachung der geografischen Raumbezüge und entsprechende multi-skalare Praktiken festzustellen und den Entwurf einer Typisierung von Raumbezügen. Aus den Befunden lässt sich die Forderung an die Arbeitsforschung ableiten, bei der Analyse digitalisierter Arbeit multiple Raumbezüge und unterschiedlicher Muster räumlicher Bezüge stärker zu berücksichtigen.
The Real Virtuality of Work. Spatial References of Digitized Knowledge Work

This paper deals with changes in physical and geographic spatial relations through the digitalisation of knowledge work. It takes as its starting point the frequently put forward anyplace-anytime argument maintaining that place and space are becoming irrelevant. This is contrasted with a more nuanced concept of a detachment of social spaces from geographical ones. Public administration, product development in the automobile industry and online-platform work in creative occupations are taken as empirical examples to show varying degrees of extending spatial relations. But even if activities are weakly tied to a physical or geographic place or space, local and national relations remain important. This leads to a multiplication of spatial relations resulting in multi-scalar practices in digitalised work and a draft typology of spatial references. This makes it necessary for work research to take in to account multiple spatial relations to a larger extent.

Thomas Hardwig

Das integrative Potenzial „kollaborativer Anwendungen“ – Drei Fallstudien aus mittelgroßen Unternehmen –

Moderne Unternehmen entwickeln immer stärker Merkmale virtueller Organisationen. Woraus sich ein Spannungsverhältnis ergibt, da virtuelle Netzwerke insbesondere für kooperationsintensive, kreative und innovative Aufgaben weniger geeignet sind. Distanz erzeugt Probleme der Integration, sie erschwert die Koordination und beeinträchtigt die Lern- und Innovationsfähigkeit. Der Beitrag diskutiert die Bedeutung von internetgestützten, kollaborativen Software-Anwendungen zur Bewältigung dieser Herausforderung.

Anhand qualitativer Fallstudien aus drei Unternehmen, welche über praktische Erfahrungen mit kollaborativen Anwendungen (Plattformen, Wikis, Communities) verfügen, wird die Nutzung analysiert. Anhand von vier analytischen Dimensionen der Distanz wird das integrative Potenzial der Nutzung dieser Anwendungen aufgezeigt. Vor dem Hintergrund eines Verständnisses von Kollaboration als intensivster Form gemeinsamer Bemühungen ist auch eine neuere Entwicklung sichtbar: Die Unternehmen bemühen sich inzwischen darum, Situationen der Kollaboration häufiger stattfinden zu lassen, sie zeitlich auszudehnen und zu intensivieren. Dies wird erkennbar an der Art und Weise, wie sie den zukünftigen „digitalen Arbeitsplatz“ konzipieren.
Collaborative software and its potential for integration
– Three case studies on medium-sized enterprises –


Modern companies are increasingly developing characteristics of virtual organizations. This results in tensions, because virtual networks are less suitable for cooperative, creative, and innovative tasks. Distance creates integration problems, makes coordination more difficult and reduces the ability to learn and innovate. This paper discusses the importance of Internet-based, collaborative applications have for meeting this challenge.

With qualitative case studies from three companies that have practical experience with collaborative applications (platforms, wikis, communities), the use will be analysed. The integrative potential of these applications is shown on the basis of four analytical dimensions of distance. Against the background of an understanding of collaboration as the most intensive form of joint efforts, a more recent development is also visible: companies are now endeavouring to make collaboration situations take place more frequently, to extend them over time and to intensify them. This can be seen in the way they conceive the future “digital workplace”.

Manuel Nicklich, Stefan Sauer

Agilität als (trans-)lokales Prinzip projektbasierter Arbeit? – Bedingungen und Prozesse prekärer Selbstorganisation

Agile Methoden wie Scrum können als Versuch einer räumlichen Teamzentrierung interpretiert werden, bei der – so unsere Ausgangsbeobachtung – die Lokalität des Teams als besonderer Status selbstorganisierter Arbeit ausgewiesen wird. Demgegenüber gibt es in der Praxis aufgrund dynamischer Organisation der Wertschöpfung zunehmend Ansätze zur Translokalisierung agil arbeitender Teams. Wir rücken daher die Frage, inwiefern agile Projektarbeit unter Bedingungen translokaler Organisation praktiziert wird, in den Mittelpunkt unseres Beitrags. Anhand von zwei Fallstudien in einem Großkonzern und einem KMU aus der Softwareentwicklung vergleichen wir die Unterschiede konkreter Projektarbeit unter lokalen und translokalen Bedingungen und zeigen die Auswirkungen der Translokalisierung auf (Zusammen-)Arbeit und die ‚prekäre Selbstorganisation‘ agiler Teams auf. Unsere Ergebnisse zeigen, dass durch die Translokalisierung der Arbeit die Prozess- und Gegenstandsbezogenheit als zentraler Bestandteil agiler Selbstorganisation prekär werden. In den Unternehmen entwickeln sich im Angesicht dieser Herausforderungen analoge wie digitale Strategien, welche als Versuche zur Substitution von Lokalität betrachtet werden können.
Principles of locality and translocality in agile project-based work? – Conditions and processes of self-organization

Scrum and other agile methods can be interpreted as a geographical focusing of teams, in which the locality of the team is seen as a central part of self-organized work. However, due to the dynamic organization of value creation in practice one can observe an increasing translocalization of agile teams. In the face of this contrary notion we focus the question on how agile project work is deployed under circumstances of translocal organization of work. Based on two case studies – in a corporation and SME – in the software industry we compare the conditions of concrete project work under circumstances of local and translocal organization. Moreover, we examine the effects of translocalization on the collaboration and the precarious self-organization of agile teams. The data shows that with the translocalization of work the process- and object-orientation as essential features of agile self-organisation become precarious. In the face of these challenges within the firms the actors develop strategies in order to make an attempt to substitute locality.

Reinhard Gressel, Anna Monz, Gerlinde Vogl

Zur Ortsgebundenheit mobiler Arbeit

Der Beitrag beschäftigt sich mit Mobilitätsanforderungen von Service- und Wartungstechnikern vor dem Hintergrund der Digitalisierung. Die Arbeit der Techniker wird meist beim Kunden vor Ort erledigt und erfordert daher räumliche Mobilität. Wir definieren dies als ortsgebundene mobile Arbeit. Diese Form mobiler Arbeit ist kein neues Phänomen, sie hat sich allerdings durch die technologische Entwicklung – verbunden mit erfolgsorientierten Formen der Leistungssteuerung – stark verändert.

Im Zentrum des folgenden Beitrages stehen Anforderungen, die mit ortsgebundener mobiler Arbeit einhergehen. Zudem wird fokussiert, wie sich diese durch Digitalisierungsprozesse verändern und wie die Wahrnehmung der eigenen Arbeitssituation durch diese Anforderungen geprägt wird.

Wir betrachten auch die räumliche Dimension mobiler Arbeit, die in der Arbeitswissenschaft bislang wenig thematisiert wird. Wir beziehen uns dabei auf die sozialwissenschaftliche Mobilitätsforschung und verbinden diese mit der Diskussion um erfolgsorientierte Leistungspolitik, die gerade bei mobiler Arbeit eine besondere Dynamik entwickelt.

Die empirischen Ergebnisse verdeutlichen die Notwendigkeit einer Arbeitsgestaltung, welche neben der Analyse der „eigentlichen“ Arbeitstätigkeit (primäre Tätigkeit) ebenfalls die dafür notwendige Mobilität (sekundäre Tätigkeit) berücksichtigt. Erst durch die systematische Analyse des Zusammenwirkens beider Bereiche ergeben sich spezifische Erkenntnisse für die Gestaltung von mobiler Arbeit – und möglicherweise auch darüber hinaus.
On the local nature of mobile work

The paper deals with the mobility requirements of service and maintenance technicians against the background of digitization. The work of the technicians is usually done on site at the customer and therefore requires spatial mobility. We define this as location-based mobile work. This form of mobile work is not a new phenomenon, but it has changed considerably as a result of technological development – combined with success-oriented forms of performance management.

The following article concentrates on requirements that go hand in hand with location-based mobile work. In addition, the focus will be on how these change as a result of digitization processes and how the perception of one's own work situation is shaped by these requirements.

We also consider the spatial dimension of mobile work, which has been little discussed in labour science so far. We refer to mobility research in social science and combine it with the discussion about success-oriented performance policy, which develops a special dynamic especially in mobile work.

The empirical results illustrate the necessity of a work organisation which, in addition to analysing the “actual” work activity (primary activity), also takes into account the mobility required for this (secondary activity). Only through the systematic analysis of the interaction of both areas, specific insights can be gained for the design of mobile work – and possibly beyond.

Carina Altreiter

Subjekt ohne Klasse? Zur sozialen Genese von Arbeitskraft in aktuellen Debatten um eine Subjektivierung von Arbeit

Die Diagnose einer „Subjektivierung von Arbeit“ gilt heute als anerkannter Topos in der Arbeits- und Industriesoziologie. Einer der vielbeachtesten Thesen dazu ist der von G. Günter Voß und Hans J. Pongratz skizzierte „Arbeitskraftunternehmer“. In beiden spiegeln sich zum einen Umbrüche in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, sie stehen zum anderen aber auch für Veränderungen innerhalb der Disziplin, im Zuge dessen Fragen nach der sozialen Klassenherkunft von Subjekten schrittweise verabschiedet wurden. Der Beitrag diskutiert am Beispiel der Arbeitskraftunternehmer-These theoretische wie empirische Auswirkungen dieser Verschiebung. Verloren geht dabei nicht nur der Zusammenhang zwischen sozialer Lage und individuellen Orientierungen, sondern insbesondere eine relationale Perspektive, welche die Wahrnehmung von Unterschieden, die auf einer kollektiven Ebene gelagert sind, erlaubt.
Classless Individuals? The formation of labour power in current debates about the subjectivation of work

The term “subjectivation of work” is well established in present debates in the sociology of work. One concept that has gained a great deal of attention is the “Arbeitskraftunternehmer” (labour power entrepreneur), put forward by G. Günter Voß and Hans Pongratz. Both reflect changes in the capitalist economic system, as well as changes within the discipline, leading to the dismissal of questions on the class background of individuals. Taking up the thesis of the labour-power entrepreneur, the paper discusses some of the theoretical and empirical implications for the understanding of social phenomena, when the social formation of employees is not considered adequately. Apart from the relationship between social position and individual orientations a relational perspective goes astray, which is necessary in order to grasp differences between individuals pointing towards collective patterns of distinction.

Knut Martin Stünkel

„Ein Mensch mit einem Zeitgefühl, wie ihn die Erde noch nie gesehen hat“ – Eugen Rosenstock-Huessys zeitliche Soziologie des Industriearbeiters

Der Beitrag widmet sich einem frühen Vertreter der Industriesoziologie und seiner Analyse der spezifischen Zeitlichkeit, welcher der moderne Industriearbeiter unterliegt. Nach dem Ersten Weltkrieg wendet sich der Rechtshistoriker Eugen Rosenstock-Huessy zunehmend soziologischen Fragestellungen zu, die ihren Ausgangspunkt in der konkreten Lebenswirklichkeit des Einzelnen nehmen. Der Kalkulationskalender der Industrie in seiner Gleichförmigkeit einer permanenten kalkulierbaren Gegenwart sorgt nach Rosenstock dafür, dass der einzelne Arbeiter in der Industrie das „lebendige Verhältnis“ zur Zukunft verliert, indem er sie nicht mehr als von ihm selbst gestaltbar empfindet. Dies hat gravierende Auswirkungen auf die Psyche und die Mentalität des Einzelnen, gegen die Rosenstock die Zeitlichkeit des Christentums zu mobilisieren sucht.
“A human being with a relation to time whom earth did not witness before” – Eugen Rosenstock-Huessys temporal sociology of the industrial worker

The article examines an early sociologist of industry and his analysis of the specific temporality the modern industrial worker is subject to. After the Great War, the historian of law Eugen Rosenstock-Huessy turned to sociological questions, taking his point of departure from the lived reality of the individual. To Rosenstock, Industry’s imputed calendar with its monotony of a permanent calculable present is the reason why the individual worker, not being able to shape his own future existence, loses his ‚living relation‘ to the future. To counter the grave effects on the psyche and the mentality of the individual worker, Rosenstock intends to activate the temporality of Christianity.

Mitteilung

Tagungsbericht: Gender, Race and global Capitalism at WORK – gesellschaftliche Umbrüche, Kontinuitäten und Kämpfe